Wild Atlantic Way

Eine Motorrad-Reise entlang Irlands Westküste

„Wie wär´s mit dem Wild Atlantik Way“ schlägt Simon bei der Urlaubszielsuche vor. Klingt rau und abenteuerlich – spontan bin ich dafür. Im gleichen Moment klingelt in meinem Unterbewusstsein eine Alarmglocke. „Wo war der Wild Atlantik Way nochmal genau“ hätte ich fragen sollen, bevor ich voreilig ja sage. Schon bald bin ich schlauer: Er liegt an der Westküste Irlands, die für ihr unbeständiges Wetter berüchtigt ist. Dass es sich dort aufgrund der extremen Wechselhaftigkeit nie wirklich einregnet, empfinde ich als schwachen Trost. Und war da nicht irgendwas mit hohen Preisen in Irland – speziell für Alkohol? Da wollen wir nun hin? Aber versprochen ist nun mal versprochen und so schippern wir einige Monate später an einem sonnigen Augusttag mit einer Fähre von Frankreich nach England und einen Tag später dann auch noch über die Irische See

„Links fahren!“-Schilder in deutscher Sprache und Ziegen auf der Straße begrüßen uns in der Republik Irland. Wir widerstehen der Versuchung, in Middletown die Jameson Destillerie zu besichtigen, da wir ahnen, dass wir das nicht motorradfahrtüchtig überstehen würden.

In Cork, der größten Stadt im Süden des Landes warten nämlich alte Freunde, die hierher ausgewandert sind. Mit lokalem Käse, typisch irischem Sodabrot und dem ersehnten Whisky machen sie uns die Akklimatisierung leicht.

Anderntags nehmen wir mit Freuden das Angebot zur ganz individuellen Sightseeingtour an. Es geht vorbei an der Atkins Hall, Irlands längstem Gebäude, das einst eine Psychiatrie war und noch heute alleine aufgrund der enormen Kapazitäten für irre Iren eine Gänsehaut bereitet.

Cobh, im Süden von Cork, besticht mit putzigen Häuschen und einer geballten Ladung Geschichte: Hier versenkte ein deutsches U-Boot den angeblich mit Waffen beladenen Passagierdampfer Lusitania, was zum Eintritt der USA in den ersten Weltkrieg führte und hier legte die Titanic zum letzten Mal an, bevor sie zu ihrem schicksalsträchtigen Rendezvous mit einem Eisberg in See stach. Vor allem Letzteres wird an jeder Ecke in Cobh touristisch ausgeschlachtet. Wo einst die Titanic vor Anker lag, sieht man heute gigantische Kreuzfahrtschiffe, gegen die Menschen und Häuser winzig wirken. Wenn solch ein Monster bis zu 6000 Passagiere auf einen Schlag ausspuckt, dann werden die Touristennepper hektisch und Individualreisende wie wir panisch.

Wir retten uns in einen Pub, wo wir uns auf den Schreck erst mal ein großes Guinness gönnen. Das geht auch zur Mittagszeit geschmeidig die Kehle hinab – ohne schlechtes Gewissen, da wir ja heute chauffiert werden. Auch das landestypische Pendant zum Prost geht uns schon bald leicht über die Lippen: Sláinte!

Am nächsten Morgen sagen wir „Good Bye“ zu unseren Freunden, zu Cork und zu dem Luxus, nachts im Bett zu schlafen. Für die nächsten zwei Wochen ist bei uns Low Budget Reisen angesagt, denn Irland gehört wahrlich nicht gerade zu den preiswertesten Motorradreisezielen in Europa.

Wir haben vor, ausschließlich zu zelten – wann immer möglich in freier Natur und uns Restaurantbesuche nur hin und wieder zu gönnen.

Das Navi könnte ich eigentlich ausgeschaltet lassen. Der Wild Atlantik Way, der für rund 2500 Kilometer der Küste West-Irlands folgt, ist seit Kurzem exzellent ausgeschildert – inklusive vieler verlockend klingender Abstecher zu Sehenswürdigkeiten entlang der Route, die alleine schon wegen der unzähligen tollen Aussichten und ihres Kurvenreichtums eine Reise wert wäre.

Die Sackgasse ans Ende der Barea Halbinsel lohnt sich nicht nur für diejenigen, die mit der Drahtseilbahn nach Dursey Island übersetzen wollen. Tiefblaues Meer glitzert vor uns und erst der Anblick von einer Horde kreischender Mädels in Neoprenanzügen erinnert uns daran, dass der Atlantik in Sachen Wassertemperatur nicht mit der Karibik zu verwechseln ist.

Aber auch sonst hat diese Halbinsel einiges zu bieten: Überall gibt es mystische Steinkreise zu entdecken und auch die Ruinen der Allihies Copper Mines laden zum Rumstromern ein.

Unter irischen Motorradfahrern wird er als ein „Must see“ gefeiert: Der Healy´s Pass. Dieser Wer-blinzelt-hat-ihn-verpaßt-Höhepunkt ist mit seinen 288 Metern für hochgebirgsverwöhnte Krad-Vagabunden eher ein niedliches Kuriosum.

Nichtsdestotrotz gefällt uns die Strecke und wir schlagen unser Lager kurz danach im Hochmoor auf. Abends leistet uns ein redseliger Schäfer mit nur noch drei Zähnen Gesellschaft. Als ungezwungen und herzerfrischend behalten wir das lange Gespräch mit ihm in Erinnerung. Solche Begegnungen sind es, die das Reiseleben für uns ausmachen. Die typisch irische Baumlosigkeit vermittelt uns zudem noch das irrige, aber verwegene Gefühl, oberhalb der Baumgrenze zu schlafen. Selbst die Heerscharen von Stechfliegen können unser zufriedenes Lächeln nicht trüben.

Der Ring of Kerry ist die wohl populärste Strecke im Süd-Osten.

Nicht nur hier erleben wir, dass die besonders beliebten Ecken Irlands touristisch total überlaufen sind. Noch schlimmer ist es im nahen Gap of Dunloe, einer eigentlich wunderschönen Schlucht – wären da nicht Hunderte von Urlaubern, Mietwagen, Wohnmobilen und den Verkehr blockierende Pferdekutschen. Der ganze Rummel nimmt dem schönen Fleckchen viel von seinem Esprit. Für menschenfreie Fotos braucht man viel Geduld.

Vielleicht ist es am nächsten Morgen ja ruhiger hier – so unsere Hoffnung. Einige Kilometer südlich schlagen wir an einem einsamen See unser Zelt auf. Schafe mit bunten Markierungen auf dem Fell grasen um uns herum. Ihr Blöken passt zum Charme der Szenerie, der allerdings leidet, als auch hier wieder in der Dämmerung die blutgierigen Minifliegen über uns herfallen. Die Bisse der sogenannten Midgets sind schmerzhaft und jucken höllisch. Da wir nicht sicher wissen, welcher Faktor für die Plagegeister verantwortlich ist, beschließen wir sicherheitshalber, in Zukunft nicht mehr in Hochmooren und der Nähe von Schafen zu zelten. Letzteres wird in den nächsten Wochen allerdings zu einem ähnlich aussichtslosen Unterfangen, wie die Hoffnung auf einen regenfreien Tag. Am nächsten Morgen schifft es mal wieder und damit geht auch der zweiter Anlauf für den Gap of Dunloe den Bach runter. Fix treten wir die Flucht nach Norden an und kampieren in Dingle bei der örtlichen Jugendherberge. Nach zwei Nächten wild zelten kommt eine heiße Dusche, Akkus laden und der Komfort einer Gemeinschaftsküche nicht schlecht.

Dingle ist eins dieser Örtchen, für die das Wort pittoresk geschaffen wurde. Das finden leider nicht nur wir. Auf einen Einheimischen kommen 50 Urlauber, wodurch wir uns wie in einem Museumsdorf vorkommen. Und damit soll mein Murren über massentouristische Auswüchse auch ein Ende finden, zumal sie immer seltener werden, je weiter man nach Norden kommt.

 

 

 

Zuvor jedoch noch ein Tipp für Dingle: Dick Mack´s, Foxy John und noch ein paar mehr haben eins gemeinsam: Es sind außergewöhnliche Kneipen, bei denen man inmitten von Kramläden in skurrilem Ambiente sein Pint Bier trinkt.

Coole Sache: Die historischen Frauenkabinen, die es in manchen alten Kneipen gibt. Im puritanischen Irland war das die erste Möglichkeit für Frauen öffentlich einen zu trinken und sie gleichzeitig vor den lüsternen Blicken von Männern zu schützen – oder umgekehrt?

Slea Head am Ende der Dingle-Halbinsel ist einer der besten Abschnitte des Wild Atlantik Way: Kurvig und oft direkt am Meer entlang mit wundervoller Aussicht.

Der Connor Pass, Irlands höchster, bietet trotz seiner mickerigen 456 Meter einen feinen Blick in die Ferne, den man fast für sich alleine hat, weil der Aufstieg für Busse und andere „dicke Kisten“ verboten ist.

Dass man als Motorradreisender solche Schilder gerne öfter sähe, ist ein Wunsch, der nicht der Intoleranz für andere Reiseformen entspringt, sondern schlicht der Realität Tribut zollt: Viele Straßen sind in diesem Land eng und kurvig. Was das Herz von Kradfahrern erfreut, ist für Wohnmobile eine große Herausforderung, die oft nur im Schneckentempo und mit mühselig weitem Zurücksetzen im Falle von Begegnungsverkehr zu meistern ist.

An manchen Stränden in Irland darf man ganz legal mit Auto und Motorrad fahren. Ein Erlebnis, das wir uns nicht entgehen lassen. Während wir in voller Motorradmontur mit dem lausigen Wetter hadern, flitzt eine Horde harter irischer Burschen mit unbändiger Freude auf das Bad im eiskalten Atlantik vorbei. Keine Frage, wer hier Mann und wer hier Memme ist!

Die weltberühmten Cliffs of Mohere lassen wir links liegen zugunsten der in grandioser Lage verlaufenden Straße nördlich davon. Wir sind hin- und hergerissen zwischen dem Vergnügen, genüsslich entlang der Steilküste zu cruisen und immer wieder anzuhalten, um dieses eindrucksvolle Panorama fotografisch festzuhalten. Blitzblauer Himmel und Sonnenschein – zwei keineswegs selbstverständliche Dinge an der irischen Atlantikküste – runden diesen vortrefflichen Reisetag ab.

Die Fährfahrt über die Shannon-Bucht ist bei stürmischem Wetter nicht ohne. Nun verstehen wir, was das rote Windsymbol (70km/h) beim Online-Wetterbericht heute morgen bedeutete! Gischt badet unsere Motorräder, die fatalerweise ganz vorne stehen. Die ganze Überfahrt schüttet es zudem wie aus Eimern. Beim Ab- und Anlegen lacht dafür die Sonne. Solche Wetterwechsel in Zeitraffer sind typisch für diese Region. Dass es sich hier einregnet, erleben wir in den zwei Wochen übrigens in der Tat kein einziges mal. Genauso wenig ist uns allerdings ein komplett regenfreier Tag vergönnt.

Je nördlicher wir kommen, desto stärker plagt uns der Wind. Wir können nur rätseln, ob es ein zeitliches oder geographisches Phänomen ist. Beim Fahren macht uns das als Patagonien-Veteranen nichts aus, aber es ist fast unmöglich, in diesem Land eine windgeschützte Stelle zum wild Zelten zu finden. So landen wir dieser Tage öfter als uns lieb ist, auf gewerblichen Campingplätzen, die in Irland für vergleichsweise viel Geld betrüblich wenig bieten. Heute brauchen wir drei Anläufe, bis wir einen gefunden habe, der eine windgeschützte Stelle hat – direkt neben dem Spielplatz, auf dem gut 30 Kinder quietschen und schreien. Auch als die Racker endlich alle in der Koje liegen, wäre angesichts des lauten Zeltflatterns ohne Ohrenstopfen nicht an Schlaf zu denken. Trotz dieser Widrigkeiten finden wir es höchst romantisch in unserem kleinen Zelt, in dem wir uns in unseren muckelig warmen Schlafsäcken aneinander kuscheln, während draußen Wind und Regen wüten.

Malerische Steinbrücken verbinden die Lettermullen Islands. Der Abstecher vom Wild Atlantik Way führt durch ein Felsenmeer im bunten Moor, in dem überall kleine Seen funkeln. Bei der Überquerung der Meeresarme riecht es intensiv nach Algen und Salzwasser. Alles wirkt ruhig und friedlich hier.

Außer Schafen und Gras hat Irland noch etwas im Überfluss: Stimmungsvolle Ruinen und prachtvolle Burgen und Schlösser.

Wer ein Faible dafür hat, steht in diesem Land vor dem Problem, dass er kaum Fahrt aufnehmen kann, ohne kurz danach schon wieder fasziniert anzuhalten. Unser Irlandfavorit ist die Kylemore Abtei, die sich im Wasser eines Sees märchenhaft spiegelt. Auch in Sachen Wohnhäuser gibt es in diesem Land viel zu sehen: Von top erhaltenenen Bruchsteinhäusern bis hin zu Bruchbuden en masse im ganzen Land.

Wir empfinden sie als romantisch und pittoresk. Aber die Realität, die dahinter steckt, ist eine andere: Irland hat im Laufe der letzten Jahrhunderte viel wirtschaftliche Not, Elend und Auswanderung in enormen Dimensionen erlebt. Erst in letzter Zeit gibt es einen Gegentrend: Vor allem bei Deutschen ist die grüne Insel höchst populär, weswegen wir trotz unserer deutschen Kennzeichen hier eher gleichgültig und wahrlich nicht als exotisch beäugt werden. Apropos: Allzuviele Motorradreisende sieht man vor allem hier oben im nördlichen Teil des Wild Atlantik Way nicht. Hin und wieder mal ein Engländer, ein Franzose oder ein Deutscher. Das war´s.

Wir überqueren Irlands einzigen echten Fjord: Killary Bay. Mal abgesehen von Slieve League, den höchsten Klippen Europas, führt uns auf der nun folgenden, nicht übermäßig reizvollen Etappe nichts in Versuchung, anzuhalten, zumal die Provinz Donegal als das Alaska Irlands gilt und ihrem Ruf gerade alle Ehre macht. Erst in Bundaberg machen wir Halt für ein Kuriosum.

Auf dieser Tour haben wir schon einige fotogene Wracks gesehen und wir sind ja auch schon auf einem Strand gefahren, aber hier kann man bei Ebbe beides gleichzeitig haben. Schräges Gefühl, an dem Gerippe eines Schiffs entlang zu fahren. Irgendwie gehören Motorräder und Boote doch in separate Elemente.

 

Die letzten Kilometer des Wild Atlantik Way halten dann nochmal zwei Kracher bereit: Die Straße führt durch den Marmore Gap. Hammer Ausblick und für irische Verhältnisse mit 30 Prozent Gefälle und richtigen 180-Grad-Kehren das mit Abstand „gebirgigste“ Fahrerlebnis, das wir auf dieser Insel hatten.

Highlight Nummer zwei folgt sogleich: Marlin Head! Hier bläst eine richtig steife Brise! Wir haben Probleme, ganz oben auf der Klippe die Motorräder im stürmischen Wind sicher abzustellen. Zu Fuß macht das Ganze dann allerdings richtig Laune. Wie im Windkanal spielen wir mit den Kräften des Sturmes und lachen wie die Kinder.

Ohne dass wir es anfangs merken, sind wir von der Republik Irland in die britischen Provinz Nordirland eingereist. Die Grenze ist heutzutage genauso unscheinbar wie all die uns vertrauten im Schengenraum geworden. Ein untrügerisches Indiz für das Ende des Wild Atlantik Way gibt es allerdings. Die WAW-Schilder mit ihrem markanten blauen Logo, die uns zu Hunderten in den letzten zwei Wochen begleitet haben, sind nun verschwunden.

Und wie so oft, wenn wir ein Land verlassen, bleibt die Frage, was es in dem Teil, den wir auf dieser Tour nicht bereist haben, noch alles zu entdecken gäbe. Dieses Gefühl, das Motorradreisende nur allzu gut kennen, wird in diesem Fall zumindest ein klein wenig dadurch gelindert, dass uns so ziemlich jeder versichert, dass der Wild Atlantik Way das Beste ist, was Irland zu bieten hat. Wir sind nur allzu geneigt, es zu glauben.

Für Motorradreisende relevante Infos zu Irland: Länderinfos Irland

Die GPS-Daten (Wegpunkte/Highlights und Route) zum Downloaden:

Wild Atlantik Way - Krad-Vagabunden.gpx
GPS eXchange File [5.5 MB]

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