Ein Motorrad-Reise durch den Zwergstaat San Marino und dessen Umland

Der Welt älteste Republik hat mehr zu bieten als Steuerschlupflöcher, billige Zigaretten und einen Länder-Kennzeichen-Aufkleber, den nicht jeder kennt

Ich fand meine Geschichte toll: Dass die Eisdiele meiner Kindheit „San Marino“ geheißen habe und ich neulich ganz sentimental geworden sei bei ihrem Anblick – bzw. bei dem des 1-EUR-Shops, der nun darin residiert. Und dass ich mir spontan überlegt hätte, im Gedenken an die süßen Stunden meiner glücklichen Kindheit mal eben kurz nach San Marino zu fahren.

Lachend unterbricht meine Freundin Simon die phantasievoll zurecht gesponnene Mär und erklärt, dass es absolut okay sei, wenn mir der Länderkennzeichenaufkleber auf meinem Angeberkoffer noch fehlen würde und der quasi in Italien gelegene Zwergstaat deshalb unser nächstes Motorrad-Reise-Ziel wird. Mein Gesichtsausdruck muss Bände sprechen, denn ihr Lachen nimmt an Lautstärke und Herzlichkeit zu.

 

Die Anreise Ende April über die französischen Alpen gestaltet sich wegen miesen Wetters und überwiegend geschlossener Pässe zur strategischen Herausforderung. Viel Regen und in den Höhenlagen auch Neuschnee zwingt uns zu immer neuen Umwegen. Erst an der Côte d’Azur empfangen uns die nach heimischen Maßstäben frühsommerlichen Temperaturen, die wir uns erhofft hatten. Gut gelaunt geht es am Stadtstaat Monaco vorbei und über kurvige Strecken durchs norditalienische Umbrien und sodann entlang der Via Emilia. Neuland für uns und doch scheint uns jeder zweiter Ortsname bekannt vorzukommen, weil wir in Deutschland schon mal in einer gleichnamigen Pizzeria oder Eisdiele geschlemmt haben. San Marinos Monte Titano mit seinen markanten „Türmen“ grüßt uns schon aus der Ferne. Unkontrolliert rollen wir über die Staatsgrenze obwohl das drittkleinste Land Europas weder EU-Mitglied noch Schengenstaat ist.

Nachdem wir auf dem einzigen Campingplatz des Landes Quartier bezogen haben schwingen wir uns flott wieder in den Sattel für eine erste Erkundungsrunde, die uns an die Rückseite des landesbeherrschenden Berges führt. Schon von Weitem hatten wir das Dröhnen ihrer Motoren gehört, das in unseren Ohren wie Musik klang. Enduros werden hier über eine bemerkenswert gefällereiche Strecke gejagt. Dank vieler Sprungpassagen scheinen die „Piloten“ förmlich in die Häuser zu fliegen, die in gerade mal 150 Meter Abstand stehen und damit in Sachen Staub und vor allem akustisch ordentlich was abbekommen. In Deutschland wäre sowas unvorstellbar!

Kaum mehr als ein Bach ist der westliche Grenzfluss zu Italien, den ich aus lauter Übermut an einer seichten Fuhrt durchfahren muss.

Überhaupt sind die Grenzen fließend: Viele Italiener sind hier unterwegs und auch die Einheimischen fahren „italienisch“, will heißen rasant bis draufgängerisch.

Auch wenn meine Eis-Alibi-Geschichte ja längst durchschaut wurde, so geht doch kein Weg an einem original San Marinoer Gelato vorbei. Das schmeckt hier wie nirgends sonst auf der Welt – bilden wir uns zumindest in dem Moment ein.

Schon früh am nächsten Morgen nehmen wir den Monte Titano in Angriff und stellen unsere Kräder auf dem höchsten Motorrad-Parkplatz des Landes (523 Meter) ab.

Zweiräder sieht man in diesem Land übrigens echt viele. Morgens um neun halten sich die Zahlen der Touristen, die mit uns durch die Gassen der Altstadt schlendern noch in halbwegs erträglichen Dimensionen.

In den Geschäften gibt es neben dem üblichen Touristennippes, vielfältigen Leckereien und örtlichen Likören vor allem preiswerte Zigaretten und Parfum. Entlang des Bergrückens klappern wir die sogenannten drei Türme (Befestigungsanlagen) ab und genießen immer wieder neue, spektakuläre Aussichten in die Tiefe und bis zur nahen Adria.

Eine sogenannte Piadineria lockt mit Terrasse mit Fernblick. Zu überraschend moderaten Preisen verdrücken wir Piadinas (gefüllte Teigtaschen) mit fetttriefender Salsicca (Wurst vom Schwein), Gorgonzola, Tomate und mit delikatem Parmaschinken, Ruccola und Parmesan. So schmeckt Urlaub! Den Verlockungen des Folter-, des Vampir- und des Kuriositätenmuseums widerstehen wir, da die Touristenmassen nun penetrant werden und wir lieber den Zwergstaat weiter im Sattel erkunden wollen.

Das Land wirkt wohlständig und ist außerhalb der Hauptstadt landwirtschaftlich geprägt: Felder, Weinreben und Olivenhaine. Aber es gibt auch immer mal wieder Industrieanlagen, ohne dass Ihre Zahl dem Tourgenuss Abbruch täte.

In einer großen Runde, den sieben Kilometer langen Kalksteinrücken des Monte Titano umkreisend, tuckern wir mehr oder weniger entlang der Landesgrenze und kommen so immerhin auf 60 km.

Montegiardino lockt mit seinen engen Gassen zu einem kurzen Spaziergang, bei dem wir ins Schwitzen kommen. Kakteen in den Gärten und Eidechsen auf den Mauern und der Straße suggerieren, dass es hier ganz schon hitzig wird im Sommer.

In krassem Kontrast dazu stehen die Schneekettenschilder, mit denen das Land geradezu gepflastert ist. Apropos Schilder: An der Grenze wurden wir von der in Europa üblichen Höchstgeschwindigkeits-Info-Tafel begrüßt. Die beträgt auf Landstraßen gerade mal 70 km/h. Eigentlich ein niedriger Wert, doch mangels nennenswerter Gerade in diesem Land, fragen wir uns, wo man diese Geschwindigkeit denn hier überhaupt schaffen soll. Gefälle und Steigungen und reichlich Kurven sind unsere steten, wohlgelittenen Begleiter an diesem Tag.

Am folgenden Tag erkunden wir das Umland von San Marino. Unsere erste Station heißt Urbania, wo wir uns die Mumien anschauen.

Giovanni, der humorvolle Guide erklärt uns höchst anschaulich in einem Mischmasch aus Italienisch, Englisch, Deutsch und lebhafter Körpersprache den Hintergrund der einzelnen Toten, die durch einen speziellen Pilz natürlich mumifiziert wurden. Sehenswert, interessant und auch ein klein bisschen schaurig das Ganze!

In einem verschlafenen Städtchen halten wir vor der örtlichen Bar, deren Bezeichnung in Deutschland etwas anderes bedeutet als in Italien. In diesem Land machen Bars schon morgens auf und servieren Kaffee in all den typisch italienischen Varianten. Gelegentlich am perfekten Latte Macchiato nippend sitzen wir im T-Shirt an unserem Tischchen auf dem schmalen Gehweg und blinzeln zufrieden in die Sonne. Altbekannter Effekt: Man hält vor einem bis dahin leeren Lokal. Kaum stehen die Kräder auf dem Seitenständer, da locken sie die nächsten Motorradfahrer an und so blinzeln und nippen wir schon bald zu viert.

Oft überholen wir Rennradfahrer, die sich hier weitaus strikter an das Rechtsfahrgebot halten als seutsche. Das mag vermutlich weniger an Verkehrsregelhörigkeit liegen als daran, dass sie dort Angst vor rasenden Autofahrern haben, die sie sonst hinwegfegen würden. So mancher stattlichen Schlange, deren Kadaver wir als Roadkill auf der Straße sehen, ist wohl eben dies passiert.

Auf der Karte hatte uns der Passodella Spugna mit seinen 751 Metern verlockt. Rund 10 km der Strecke sind Schotter von allerbester Qualität, die selbst Chopperfahrer ohne Probleme fahren könnten.

Vor einer fotogenen Kurve stoppen wir für einen Schnappschuss. Neben uns hält ein Fiat, dem ein freudestrahlender älterer Herr entsteigt, der uns mit Händen und Füßen vermittelt, ebenfalls ein Motorradenthusiast zu sein. Mit seinem Daumen energisch auf die eigene Brust zeigend intoniert er „Moto Guzzi“ und zeigt fragend auf unsere treuen Esel. Und so entspannt sich einer dieser herzerfrischenden, völkerverständigenden Dialoge am Straßenrand, die wir so lieben. Chaotisches Abschiedsfoto von der überforderten Gattin und schon brausen die beiden in einer Staubwolke von dannen und lassen uns fröhlich lächelnd zurück.

San Leo thront auf einem mächtigen Felsen und macht gleichermaßen aus der Ferne wie aus der Nähe was her. Obwohl es eine Touristenattraktion ist, halten sich die Menschenmassen hier im Vergleich zum Monte Titano in erträglichen Grenzen und so bummeln wir ganz entspannt durch die Gassen der Festung.

Im campingplatzeigenen Restaurant lassen wir Krad-Vagabunden den schönen Tag bei einem Liter roten Hauswein und einer standesgemäßen „Vagabundo“ Pizza ausklingen. Die hat nicht nur einen in unseren Augen romantischen Namen, sie schmeckt auch vorzüglich. Ach hätten wir es dabei doch belassen! Statt dessen schweift unser Blick natürlich über die Nachbartische und wir entdecken, was es noch alles gegeben hätte. Eine Pizza, in deren Mitte eine mozzarella-kugel-großer weißer Ball gerade vom Kellner aufgeschnitten wird. Der heiße Käse zerfließt aromareich und der zugehörige Seranoschinken, der ansprechend separat auf dem Holzbrettchen serviert wird, sieht nicht minder verlockend aus. Das ist Pizza mit Stil! Oder die opulente Antipastiplatte der Dame, die einen Bauarbeiter satt machen würde! Oder dies, oder doch lieber das am Nebentisch? Ach wären wir doch nicht erst am letzten Tag unseres Aufenthaltes zum ersten mal in dieses Lokal gegangen!

Unsere Abreise-Tagesetappe beträgt gerade einmal 20 km, dann sind wir schon im nahen Rimini, das wir zwei Tage zuvor vom Monte Titano aus schon sehen konnten. Anfang Mai erwacht die Touristenhochburg gerade erst aus dem Winterschlaf.

Die Sonnenschirm- und Liegestuhl-“Monokulturen“ werden aufgebaut und die Strände sind bis auf ein paar Para-Surfer noch menschenleer.

So gefällt uns das! Barfuß schlendern wir durch den Sand und genießen die steife Brise. In wenigen Tagen dürfte es hier ganz anders aussehen. Dann gibt es vermutlich auch nicht mehr solche Zimmerpreise. Dieser Tage unterbieten sich nämlich viele der Hotels im Preisbereich unter 18 EUR fürs Doppelzimmer – Frühstück, Begrüßungsdrink und Abschiedskaffee inklusive – in der Hoffnung bei den einschlägigen Online-Portalen auf die Weise positive Bewertungen einzuheimsen.

Beim Stichwort Abschied fällt mir siedend heiß ein, dass ich noch etwas wichtiges vergessen habe: Ein geliebtes Ritual. Mit einem breiten Grinsen bringe ich den RSM-Länderkennzeichenaufkleber auf meinem Angeberkoffer an. JETZT bin ich bereit für die Rückfahrt ins noch lange nicht so sommerliche Deutschland.

RSM - Infos + GPS-Daten

San Marino (RSM) ist die älteste bestehende Republik der Welt, gegründet 301. Sie ist vollständig umgeben von Italien und übrigens kein Stadtstaat, da das Land nicht nur aus der Stadt San Marino besteht. RSM gehört gemessen am nominalen BIP pro Kopf zu den reichsten Ländern der Welt, hat keine Staatsschulden und eine der niedrigsten Arbeitslosenquoten der Welt.

Es ist kein EU-Mitglied und kein Schengen-Staat, aber dennoch gibt es keine Grenzkontrollen bei der Einreise aus Italien.

Landessprache: Italienisch, Währung: EUR (obwohl kein offizielles Euro-Mitglied)

Der Verkehr ist „italienisch“. Man muss mit waghalsigen Manövern rechnen, sollte sich seiner Vorfahrt und anderer Rechte nicht zu sicher sein und die Spur strikt halten, da stets jemand von hinten mit minimalem Abstand überholen könnte. Alles in allem aber nicht dramatisch – man gewöhnt sich schnell daran.

 

Einziger und zudem empfehlenswerter Campingplatz in RSM:

Centro Vacanzes San Marino

 

Preise: Benzin ist ca. 10 Cent preiswerter als im Nachbarstaat. Zigaretten sind ebenfalls ein Schnäppchen. Die meisten Preise sind jedoch ähnlich wie in Italien. Bier in Restaurants ist teuer, der Hauswein dafür oft preislich eine gute Wahl. In der Regel wird eine Servicepauschale auf die Essensrechnung aufgeschlagen – quasi Zwangs-Trinkgeld. Hotelübernachtungen sind u.U. im nahen Rimini günstiger – vor allem in der Vorsaison.

 

Sehenswertes in und um RSM:

 

Kuriositäten-Museum RSM

Foltermuseum RSM

Vampir-Museum RSM: Museo Dei Vampiri e Licantropi

Cimitero Della Mummie Di Urbania in Urbania

Misano World Circuit Marco Simoncelli - Große Preis von San Marino (Motorradrennen)

Parco Tematico Dell Aviazione – Italiens größtes (Outdoor-)Luftfahrtmuseum

 

Landkarte: Marco Polo Karte Italien Blatt 8 Umbrien, Marken 1:200 000, ISBN: 978-3829739801, 9,99 EUR *

Für Alpendurchquerungen im Frühling oder Herbst empfiehlt sich diese Landkarte:

Alpenländer (A, CH, F, I, SLO), 1:500.000, Freytag & Berndt, ISBN: 978-3707904253, 10,90 EUR *

Pässe mit Angaben, in welchen Monaten sie geschlossen sind.

Die Koordinaten der im Reisebericht erwähnten Orte kannst du dir als GPX-Datei hier runter laden:
RSM - Krad-Vagabunden.gpx
GPS eXchange File [14.1 KB]

Europäische Zwergstaaten im Vergleich:

Da mich solche Sachen interessieren, hab ich mal einen kleinen Vergleich der Kleinstaaten auf unserem Kontinent gemacht:

Land

Länder-Kennzeichen

Fläche [qkm]

Einwohner

Vatikanstadt

V

0,4

500

Monaco

MC

2

39.500

Republik San Marino

RSM

61

34.000

Fürstentum Liechtenstein

FL

160

39.000

Malta

M

316

520000

Andorra

AND

468

77.000

Luxemburg

L

2.586

645.000

Zum Vgl: Deutschland

D

357.375

84 Mio

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© Frank Panthöfer