Emergency Room - Ende Oktober 2010

 

Seit drei Wochen habe ich Schmerzen in der linken Leiste.

In den langen Stunden auf dem Motorrad plage ich mich mit schwarzen Gedanken an einen neuen Leistenbruch, dessen Auswirkungen auf die Reise fatal wären!

Da ich schon zweimal einen hatte, stehen die Chancen leider schlecht.

 

San Diego ist die letzte Möglichkeit vor Mexiko, um mich untersuchen zu lassen.

Schon in Deutschland bin ich nur wenn unbedingt nötig, zum Doc gegangen. Hier steht vorm Arztbesuch erstmal ein genaues Studium unserer Langzeit-Auslands-Kranken-Versicherungs-Police.

Beim amerikanischen Kooperationspartner unserer deutschen Versicherung geht leider immer nur der AB an, ohne uns einen Hinweis auf der Öffnungszeiten zu geben. Das ist ja ein toller Start!

Schade, die hätten mit dem Krankenhaus direkt abrechnen können. So müssen wir wie in allen anderen Ländern auch, in Vorleistung treten.

 

Erstmal müssen wir jedoch das Krankenhaus finden. Mit GPS eigentlich kein Problem. Außer man hat ein verficktes Garmin mit original Nordamerika-Karte! Was habe ich mich über die miese Karten-Qualität in den USA schon geärgert! San Diego ist das Negativ-Highlight: gar keine Karte mehr! Hier muß man mit der World-Map, also den Autobahnen und den Fernstraßen erster Ordnung hinkommen. Das ist kein Spaß in einer Millionen-Metropole wie San Diego. Die Nerven liegen schon ¾ blank, als wir endlich das Krankenhaus und dort dann vor allem die Ambulanz gefunden haben.

Auch wenn wir nicht wissen was „lost time accidents“ genau sind (wir fürchten: Patienten, die man „verloren“ hat), erschreckt uns diese Statistik-Tafel, die uns beim Fahrstuhl begrüßt, erstmal.

Sollen wir hier wirklich reingehen?

 

Daß mit uns ein siffiger Penner ankommt, der seine ganze Habe in einem Plastik-Sack hat, trifft unsere Klischee-Vorstellungen.

 

Im Nachhinein müssen wir sagen: alle, aber wirklich alle, mit denen wir hier zu tun hatten, waren extrem freundlich zu uns und man hat sich wesentlich mehr Zeit für uns genommen, als wir das von Deutschland im Allgemeinen und von deutschen Krankenhäusern im Speziellen kennen! Ein sehr positives Erlebnis was das anging.

 

Endergebnis und Siegerehrung meiner Untersuchung: dort wo ich die Schmerzen habe, habe ich keinen Leistunbruch, sondern höchstwahrscheinlich eine Muskelreizung. Der Rat des Arztes: Bewegungen vermeiden, die das ausgelöst haben. Also vielleicht mal en paar Wochen kein Motorrad fahren und kein Gepäck wuchten?

Ergebnis Nummer zwei: auf der rechten Seite, auf der ich keine Schmerzen habe, habe ich einen leichten Leistenbruch!

Noch unerfreulicher das Ergebnis bei Simon.

Die hat nämlich seit ca. 3 Wochen eine Beule in der Kniekehle, die zwar keine Schmerzen verursacht, Simons psychisches Wohlbefinden in Miniröcken aber beeinträchtigt.

Da ich ja nun eh ins Hospital mußte, hat sich auch Simon untersuchen lassen:

Diagnose: Baker-Zyste, die sich vielleicht zurückbildet oder platz und dann sehr schmerzhaft ist und operiert werden muß.

Der Arzt empfiehlt: bis die Beule weg ist, das Bein nicht zu krümmen (um das sicher zu stellen, bekommt sie eine Knie-Schine) und nicht beanspruchen, sprich: nicht viel rumlaufen (was für Simon ein Alptraum ist).

Das mit Motorrad-Reisen zu vereinbaren, ist eine unlösbare Herausforderung.

Ein extrem naiver Vorschlag einer der netten Schwestern: Motoräder gegen Auto tauschen und so weiter reisen.

 

Erstmal ist die Stimmung im Keller.

Daß uns die Untersuchungen im Krankenhaus stolze 2.000 Dollar kosten, belastet zudem (im Nachhinein erhöht sich die Summe sogar auf 7.500 USD!). Theoretisch muß die Krankenversicherung uns die Kohle zurückerstatten, aber ich habe einfach zu oft mieses unethisches Verhalten von Versicherungen erlebt, um ohne Zweifel darauf zu vertrauen, daß wir das Geld bestimmt zurück bekommen.

 

Nachdem der erste Schreck überwunden ist, beschließen wir, nicht aufzugeben und wie geplant weiter zu reisen.

Wir werden versuchen, uns soweit es die Umstände überhaupt zu lassen, ein bißchen zu schonen und mal schauen, wie sich die Dinge entwickeln.

Trotz gemeinsamen Kampfgeist: auf dem Krad hat man viiiel Zeit, sich seine Gedanken zu machen und die nächste Zeit fährt die Sorge bestimmt mit uns.

 

Wir schwingen uns mehr oder weniger dynamisch auf unsere Esel und wollen heim. Leider sitzt an der Schranke, die bei unserer Ankunft unbaufsichtigt war, nun ein muffeliger Wärter, der mir die Geschäftsbedingungen 10 cm vors Gesicht hält, als ich nur einen Parkschein für zwei Motorräder vorzeige. Es ist egal, daß wir nur einen Parkplatz in Anspruch genommen haben: er verlangt für zwei Fahrzeuge den Tageshöchstsatz!

Wenn der Idiot wüßte, in welcher Stimmung ich ohnehin bin...

 

Das sind die Schattenseiten des Langzeit-Reisens.

hier geht unsere Geschichte weiter: 6 Monate "on the road"