Wir haben noch lange nicht genug!

 

San Diego, 26.10.2010:

 

Als wir zu unserer Reise auf brachen, planten wir unverbindlich zwei Jahre und erzählten allen, daß wir uns auch vorstellen könnten, nach sechs Monaten zu merken, daß dies uns erstmal reiche - ohne, daß wir das dann als Niederlage sähen - immerhin hätten wir es versucht.

 

Nachdem wir nun sechs Monate „on the road“ sind und über 44.000 km gefahren haben, sind wir uns einige: wir haben noch lange nicht genug!

 

Auch wenn das Dauer-Reisen nicht mit einem Urlaub zu vergleichen ist und auch seine Schattenseiten hat, sind wir uns doch einig: das Leben als Krad-Vagabunden ist wundervoll!

Nie zuvor haben wir uns so frei und glücklich gefühlt, aber auch so viel Zeit zum Nachdenken gehabt.

 

Was uns definitv fehlt, sind unsere Familien und Freunde! All die tollen Begegnungen, die wir auf unserer Reise haben, all die interessanten Gastgeber, die wir haben, ersetzen nicht mal ansatzweise die Menschen, die wir lange kennen und lieben!

Auf Reisen fängt man mit jedermann bei Null an und selten dauern „Beziehungen“ länger als ein paar Tage. Da vermißt man schmerzlich die Menschen, die man im Laufe eines Lebens (zu Hause) liebgewonnen hat.

 

Morgen geht es nach Mexiko, das zwar geographisch zum größten Teil noch zu Nord-Amerika gehört, dessen Kultur, Sprache, Essen und Trinken wir uns aber als etwas Neues, für uns Ungewöhnliches vorstellen. Endlich! Denn während der sechs Monate in Kanada/USA hat man sich zum Einen doch noch weitgehend im gleichen Kulturkreis wie in Westeuropa gefühlt, zum Anderen fehlte das „internationale Gefühl“: wenn wir in (Süd-Ost-)Europa reisen, überqueren wir alle paar Tage Grenzen, hören neue Sprachen, zahlen mit neuen Währungen, essen ganz unterschiedliches Essen usw. Damit verglichen waren die letzten 6 Monate wenig abwechslungsreich.

 

Daß uns viele Kanadier und US-Amerikaner (vor allem die, die noch nie in Mexko waren) entsetzt anschauen und überschwenglich warnen, wenn wir offenbaren, wo unsere Reise mittelfristig hin geht, hat uns noch nicht wirlich geschreckt.

Auch die vielen Meldungen in der Presse halten wir für übertrieben.

Aber das Bild, das wir durch Gespräche mit Motorrad-Reisenden, die regelmäßig in Mexiko sind, ober in Grenznähe wohnen, gewinnnen, ist ein viel differenzierteres und weit entfernt von der Panikmache der Medien.

Ganz ohne Zweifel ist es gefährlich im mexikanischen Grenzgebiet.

Deshalb werden wir auch früh morgens die Grenze passieren und dann so viel km Richtung Baja California machen, wie möglich.

 

Selbst die Warnhinweise unseres veralterten Reiseführers schrecken uns nicht. Vielmehr klingt das doch verheißungsvoll: „...wurden gezwungen, große Mengen Alkohol zu trinken, um die PIN ihrer Kreditkarte preiszugeben...“

Wie geil ist das denn: die geben mir einen, resp. ganz viele Drinks aus, wo meine PIN doch sogar in nüchternem Zustand oftmals vor mir selber sicher ist!

 

Noch schöner diese Warnung:

„Vorsicht wenn Fremde Essen oder Drinks ausgeben: es gab Fälle, wo die Leute unter Drogen gesetzt wurden und schließend ausgeraubt oder sexuelle belästigt wurden.“

Wenn ich früher in Köln ordentlich gezecht habe, sah mein Portemonai am nächsten Morgen immer aus, als sei ich ausgeraubt worden. Nur leider wurde ich nie sexuell belästigt. Zumindest kann ich mich nicht daran erinnern:-)

 

Nach diesem Ausblick nun noch ein strategischer Rückblick auf die bisherige Reise.

Wir waren ca. 4 Monate in Kanada und 2 Monate in den USA unterwegs.

Im Nachhinein würde ich es eher umgekehrt gewichten.

Ohne Zweifel war Kanada ne Wucht! Sowohl die Ost-West-Durchquerung als auch besonders der nördliche Teil waren super!

Die Menschenleere des Nordens werde ich niemals vergessen! Beindruckend & wunderschön!

Und rein reise-technisch hatte der Norden zudem einen entscheidenden Vorteil: die Tage waren länger! Je weiter im Norden man ist, desto mehr Tageslicht hat man im Sommer.

Je näher man, wie wir nun, dem Äquator kommt, desto kürzer werden die Tage generell und desto jahrezeitunabhängiger ist die Tageslicht-Dauer.

Wenn man von 14 Stunden Tageslicht, die wir derzeit noch haben, morgens Lager-Abbau und abends Zeltplatzsuche und Lager-Aufbau abzieht, bleiben nicht mehr soo viele Stunden zum Fahren.

Das war im Norden, wie gesagt, ein großer Vorteil.

 

Trotz der Reize Kanadas und Alaskas muß ich jedoch sagen: die USA haben ungleich mehr zu bieten an spektakulären Landschaften und in Sachen Abwechslung.

Obwohl wir gemessen an einem normalen Jahresurlaub ja vergleichsweise viel Zeit hier verbracht haben, reisen wir mit dem Gefühl weiter, das Meiste nicht gesehen und sehr viel verpaßt zu haben.

 

Ein weiteres praktisches Argument, das vor allem für Langzeit-Reisenden mit begrenztem Budget von Gewicht ist: Kanada und Alaska sind extrem teuer.

Trotz Ausgaben-Disziplin und oftmals schwerzhaft eng geschnalltem Gürtel waren wir dort durchschnittlich rund 50 % über unserem Budget.

Auch in den USA sind wir bei aller Mühe nicht mit unserem Satz hingekommen.

Aber im Durchschnitt würde ich die Kosten in den USA mit ca. 25% weniger ansetzten, als in Kanada/Alaska.

 

Ein Grund, warum wir für die USA nur so wenig Zeit eingeplant hatten, waren unsere Vorurteile, bzw. Erfahrungen aus früheren Besuchen.

Auf dieser Reise wurden jedoch unserer Erwartung in gewisser Weise herbe enttäuscht:

Außer einigen sehr wenigen Arschlöchern in Alaska hat speziell in den lower 48 kein einziger Amerikaner die negativen Klischees erfüllt, auf die wir gewartet haben. Alle waren super nett, weltoffen, und nicht oberflächlich, unkritisch patriotisch, total ungebildet und fett.

Das mag natürlich daran gelegen haben, daß wir nur mit einer bestimmten Art von Leuten in Kontakt bekommen sind: solche, die uns kennen lernen wollten und solche, die gerne (mit dem Motorrad) reisen.

Auch wenn ich nach wie vor vor allem (außern-)politisch manches an den USA nicht gut finde, muß ich sagen: es lohnt sich, diesem abwechlsungsreichen und an Natur-Attraktionen extrem reichen Land und seinen Menschen einen (ausgedehnten) Besuch abzustatten!

hier geht unsere Geschichte weiter: Bienvenido a México