Uruguay – Ende September 2011

Wir überqueren die Grenze bei Pio Branco (ROU). Auch in der „Republica Oriental del Uruguay“ (Länderkennzeichen ROU) besteht die Landschaft praktisch lückenlos aus Kulturland, nur daß es hier keine Äcker gibt. Weideland, so weit das Auge reicht. Gäbe es nicht hin und wieder diese mysteriösen grünen Erdhügel, man könnte auch hier denken, man wäre gerade in Norddeutschland unterwegs.

 

Womit wir nach über 3.000 km brasilianischer und uruguay´scher Monotonie schon gar nicht mehr gerechnet hatten: als wir nach Süden Richtung Küste abschwenken, wird’s unverhofft interessant!

Es geht durch Sumpfland. Immer wieder steht das Vieh brust-tief im Wasser und mampf mit offensichtlichem Genuß das saftige Grünzeug. Besonders schräg wirkt auf uns, wenn sich Kühe und Enten wie auf obigem Foto den Lebensraum teilen.

Wie auch der „nasse Chaco“ in Argentinien, so ist auch dieses Feuchtgebiet ein Paradies für Vögel und Ornithologen! Überall sieht man Störche durchs Naß stapfen. Neben unzähligen anderen, uns großteils unbekannten Vögeln faziniert uns vor allem eine Art: ich beschreib sie mal als Flamingo mit Enten-Schnabel.

Wenn man auf den trockeneren Fleckchen genau hinschaut, kann man immer wieder Emus erspähen. Trotz seiner Größe von deutlich über einem Meter ist „der Strauß Südameriks“ auf die Ferne oft schwer auszumachen.

Emus in Kombination mit Palmen, das ist dann auch endlich wieder ein Anblick, der uns das Gefühl zurück gibt, auf großer Weltreise, anstatt auf ner heimischen Moppedtour nur falsch abgebogen sein.

Bei Chuy wartet ein Kleinod auf uns: die Festung von San Miguel

Es scheint, als wäre heute der Tag der kleinen positiven Überraschungen.

Eigentlich wollten wir nur ein schnelles Foto von außen schießen. Aber für weniger als einen Euro bekommt man Zugang zum Inneren und kann dort ein Dutzend historisch erstklassig hergerichteter Räume und viele gut erhaltene militärische Ausstellungsstücke anschauen.

Besonders die vielen kleinen Militär-Figürchen faszinieren uns. Jedes zeigt bis ins letzte liebevolle Detail die Uniform einer anderen historischen Einheit Uruguays. Dabei gilt unser besonderes Interesse den schwarzen Soldaten und ihrem Outfit.

Uruguays Küste liegt zu dieser Jahreszeit im Dornröschen-Winterschlaf. An der Riviera Südamerikas muß im Sommer die Hölle los sein, nach allem, was gehört und gelesen haben.

Die Kapazitäten der Campingplätze sind beispielweise oftmals gigantisch. Mehrfach sehen wir Anlagen, die nach unserer Schätung 500 Plätze oder mehr haben müssen.

Fatal ist nur: die haben um diese Jahreszeit fast alle zu! Es ist wie verhext. Dabei ist das Wetter gar nicht mal schlecht. Manch Ost- oder Nordsee-Badeort in Deutschland wäre froh, wenn er so einen Sommer hätte.

Punta del Diablo, ist ein schnuckeliges Örtchen, das gerade einen Bauboom erlebt. Vermutlich ursprünglich durch die schöne Küste angezogen, haben sich hier Hunderte von nicht armen Austeigern niedergelassen. Kein Protz und Prunk, aber viele auch nach heimischen Maßstäben nett und oftmals extravagant aussehende kleine Häuschen.

Aber auch hier ist der Campingplatz geschlossen und wir irren ewig umher auf der Suche nach einem Spot zum wild campen. So zugebaut, wie es hier ist, ist das ein schweres bis unmögliches Unterfangen. Ein Zimmer zu nehmen, ist uns selbst angesichts der um diese Jahreszeit extrem reduzierten Preise zu teuer. Am Ende ziehen wir dann aber noch unverhofft das große Los. Erwähnte ich, daß heute der Tag der kleinen positiven Überraschungen ist? Wir finden einen Micro-Campingplatz. Im ersten Moment sind wir enttäsucht: die Besitzer des kleinen Häuschens mit den drei bis vier Zeltplätzchen im Garten sind saisonbedingt ausgeflogen. Nachbarn ermutigen uns, dennoch zu bleiben. Das sei kein Problem. Bei nährer Inspektion zeigt sich dann, daß zwar das Wohnhaus mit Brettern vernagelt ist, es aber neben einer überdachten Veranda auch funktionierende Außenduschen und sogar Strom gibt. Was will ein Krad-Vagabund mehr?

Neben einer attraktiven Mischung aus Sand- und Felsstrand, die genauso gut in der Bretagne sein könnten, hat uns Punto del Diablo noch mehr zu bieten: einen zeigefreudigen Seehund. Lustiger kleiner Geselle!

 

Während ich das Zelt bewache, die Vorzüge des Besetzer-Lebens genieße und in Ruhe am Netbook arbeite, fährt Simon zum Parque Nacional Santa Theresa.

Neben kindertauglichem Tierleben gibt es dort auch (Meer-)Schweinkram zu sehen!

Und ja, die beiden Meerschweine (MeerschweinCHEN kann man sie in der Größe einfach nicht nennen) auf dem nächsten Foto machen genau das, wonach es aussieht.

In Montevideo besuchen wir unseren Freund Ernesto, den wir vor einem Jahr in Alaska kennengelernt haben. Er war damals mit seiner 200er Zanella von Uruguay dort hoch gefahren und zeltete wie wir auf dem gratis Mini-Campground von Harley Davidson Anchorage.

Hier ein „Archiv-Bild“:

Wir haben Glück: die Wohnung von Ernestos Schwiegermutter (R.I.P.) steht zum Verkauf und wird damit für die nächsten Tage unser zu Hause werden.

Da die Garage voller Gerümpel steht, stellen wir die Motorräder in Ernestos Glaserei ab. Die ist einige Kilometer weit entfernt, so daß ich direkt nervös werde: so weit weg von meinem Motorrad! Keine Chance mal eben schnell ein Ründchen zu drehen? Nicht daß wir die Motorräder in der Zeit auch nur einmal bräuchten: in einer Großstadt bewegt man sich oftmals mit Bus und Bahn viel stressfreier fort. Und die meiste Zeit werden wir ohnehin chauffiert.

Die Abende und Wochenenden verbringen wir mit Ernestos Familie: seiner Frau Rachel und seiner Tochter Alexa! Alle sind vollkommen unkompliziert und locker drauf. Gastfreundschaft wird hier groß geschrieben.

 

Ernesto bietet uns auch reichlich „Sozial-Programm“: Pizza-Essen mit seinem Motorrad-Mechaniker inklusive anschließender Schnaps-Verkostung beim Präsi eines Motorrad-Clubs, das wöchentliche Meeting der Couch-Surfing-Community und noch ein Pizza-Essen bei Freunden.

Der aufmerksame Leser wird sich nun fragen: immer nur Pizza? Gibt es denn in Uruguay kein Asado? Natürlich wird auch hier gerne und viel gegrillt! Sowohl bei Ernesto zu Hause, als auch freitags mittags in der Glaserei. Neben dem üblichen Focus auf viel Fleisch gibt es hier auch interessante Vorspeisen: Grillkäse wird in Würfel geschnitten und in eine Form mit kleinen Mulden gelegt und diese dann auf den Grill-Rost gestellt. Die Mini-Fondü-Pfützen werden dann auf Weisbrot als Vorspeise gereicht. Sehr lecker. Daran hätten wir uns satt essen können!

Unter der Woche muß Ernesto natürlich arbeiten gehen, so daß wir „Freilauf“ haben.

An einem Tag fahren wir mit dem Bus die 10 km bis ins Stadtzentrum. Wir müssen nämlich unsere in Lima beantragten Zweit-Reisepässe, die uns hierhin geschickt wurden, bei der deutschen Botschaft abholen. Das klappt vorzüglich und ich muß sagen: die ganze Aktion von den vorausgehenden Emails, über die eigentliche reibunslose Beantragung in Peru (bei ZWEIT-Pässen keine Selbstverständlichkeit) bis hin zur Weitersendung und Aushändigung in Montevideo lief super! Effiziente deutsche Bürokratie, über die man zu Hause schon mal lästert, die wir aber nach einem Jahr Mittel- und Südamerika zu schätzen wissen!

 

Stundenlang stromern wir durch Montevideos Altstadt und das Zentrum. Der „Wolkenkratzer“ auf dem nächsten Foto war übrigens in den 20er das höchste Haus Südamerikas. Kaum zu glauben! Heute liegt die Meßlatte für diesen Titel ein klein wenig höher!

Typisch Südamerika: Ein Freund von einem Freund von unserem Freund Ernesto hat Simons Jacke repariert. Damit ist der letzte Schaden des Unfalls in Brasilien erledigt. Allerdings sieht man uns, unsere Garderobe und unsere Motorräder mitlerweile die Dauer und die Mühen unserer Reise etwas an. Standesgemäß für Vagabunden! Wir mußten übrigens jüngst erkennen, daß Vagabund (Vagabundo) in Südamerika eher ein Schimpfwort als ein romantischer Ausdruck so wie in Deutschland ist. Landstreicher oder Penner käme der südamerikanischen Bedeutung wohl näher, weshalb uns manch einer anschaut, als wären wir nicht ganz bei Trost, wenn wir erklären, was Krad-Vagabunden bedeutet. Was soll´s? Wir schämen uns nicht, Motorrad-Landstreicher zu sein!

 

Tagelang lungern wir in „unserem“ Appartement rum und genießen den Luxus einer eigenen Wohnung und vor allem von Privatsphäre. Der Sankt-Nimmerleins-Tag ist gekommen! Der Tag, an dem man die Sachen in Angriff nimmt, die man „irgendwann einmal“ machen will! Jetzt ist er da: stundenlang lese ich Motorrad-Reiseberichte über Ozeanien und Asien, die ich schon vor langem mal abgespeichert habe. Endlich habe ich die Muße, all das gesammelte Material zur Verschiffung nach NZ und von dort nach AUS mal zu sichten. Zwischendurch ein Blick aus dem Fenster: der Himmel ist mal grau, mal schifft es wie aus Eimern. Was sonst unsere Laune in den Keller rutschen läßt, gibt uns perverserweise dieser Tage ein wohliges Gefühl. Denn wir sind im Trockenen! In „unserer“ Wohnung. Höchstens um einen weiteren Kaffee in „unserer“ Küche zu kochen, lasse ich vom spannenden Studium für unsere nächste Reiseetappe ab.

 

Nach neun Tagen, inklusive zwei Wochenenden packt uns dann aber doch wieder das Reisefieber. So lange waren wir noch nie bei jemandem zu Gast. Neun Tage, das ist VIEL zu lange ohne Motorrad-Fahren!

Colonia de Sacramento, das im Volksmund einfach nur „Colonia“ heißt, gefällt uns nicht nur wegen der Namensgleichheit mit unsere alten Wahlheimat Köln so gut. Dank der frühen Morgenstunde und des Umstandes, daß gerade Nicht-Saison ist, haben wir die kopfsteingepflasterte Altstadt fast für uns alleine.

Oldtimer sieht man in Colonia im Speziellen und in Uruguay im Allgemeinen überall und ständig: in top restauriertem Zustand wie auf obigem Bild, im Einsatz als Alltagsfahrzeug (Pick ups und Trucks), als mattschwarzer Hotrod, als Auto-“Mumien“/Dekoration wie auf dem nächsten Colonia-Foto oder „zu Hauf“ auf stimmungsvollen Auto-Friedhöfen.

Die Fähren über den breiten Mündungsbereich des Rio Uruguay nach Buenos Aires sind uns zu teuer. Da fahren wir lieber einige Hundert Kilometer Umweg bis zur ersten Brücke, zumal uns auch nach all den Jahren das Trauma der gescheiterten Russland-Einreise mit der Krim-Fähre noch immer in den Knochen sitzt. Besagte Brücke ist in Frey Bentos, wo wir mal wieder einen saisonal verlassenen Campingplatz finden. Die ramponierte Toilette funktioniert, es gibt fleißend Wasser und feine Bänke und Tische mit Blick auf die braunen Fluten des Rio Uruguay und das alles zum Nulltarif. So mögen es die Krad-Vagabunden! S33°07.137 W058°19.370

Wenige Hundert Meter weiter gibt es das Museo de la Revolucion Industrial, wo wir mal wieder eine Wissenslücke stopfen, von deren Existenz wir bis dato gar nicht wußten: hier wurde vor rund 150 Jahren zum ersten mal auf industriellem Niveau in einer von dem bekannten deutschen Chemiker Liebig gegründeten Fabrik Fleisch-Extrakt gewonnen. Fleisch-Extrakt? Die anschauliche Antwort ist einfach: das wohl bekannteste deutsche Produkt auf Fleisch-Extrakt-Basis düfte der Maggi-Brühwürfel sein.

Viel Nostalgisches und manch Interessantes bietet dieses Museum, das erfreulicherweise keinen Eintritt kostet und zudem auch noch Öffnungszeiten hat, die uns gefallen: ab 8.00 morgens!

Neben vielen Exponaten und einem Blick in den Maschinensaal gibt es das komplette Verwaltungsbüro im Zustand von Anno Dazumal zu sehen.

 

Resüme Uruguay:


Unsere persönlichen Erfahrungen waren ganz toll! Gastfreundschaft auf höchstem Niveau. Alle, die wir kennenlernten waren sehr nett und interessiert. Allerdings war der Kontakt mit Fremden häufig deutlich kühler, als wir es aus Nord-Argentinien oder Brasilien kannten. Das war eher auf dem Level von Bolivien und den nördlich davon liegenden Ländern.

In Sachen menschlicher Exotik rangiert Uruguay weit hinter Berlin-Kreuzberg oder Köln-Ehrenfeld. Hier gibt es praktisch keine Indios oder Schwarzen.

Landschaftlich bekommt Uruguay für die Feuchtgebiete an der Grenze zu Brasilien, die Küste und den Rio Uruguay das Prädikat „ganz nett“. Schnell wird’s jedoch langweilig, wenn es stundenlang durch monotones Weideland geht. Mein persönliches Urteil: genauso wie der Nord-Osten Argentiniens und der Süden Brasiliens, lohnt sich auch Uruguay hinsichtlich Landschaft und zum Motorrad-Fahren nicht wirklich. Zu eindeutig fällt der Vergleich zu gunsten der Anden-Regionen in Südamerika aus.

 

 

hier geht unsere Geschichte weiter: Argentinien - Teil 3