Peru 7: Titikaka-See, Colca-Canon, Arequipa - Juli 2011
Im Hauptteil des Heiligen Tals kam alle paar 100 Meter ein Hostal. Leider nicht auf den letzten 30 km bis man wieder auf der Hauptverkehrstraße ist, die quer durch die peruanischen Anden läuft. Mittlerweile ist die Sonne untergegangen. Es ist arschkalt und es kommen uns immer wieder Autos ohne Licht entgegen. Es ist wie verhext: über eine Stunde lang keine Hospedaje, kein Hostal, kein Irgendwas, wo man sich niederlegen könnte. Als wir endlich in einem winzigen Kaff eine ziemlich schäbige Hospedaja (mit geschlossenem Hof für unserer Motorräder) gefunden haben, sind wir echt geschafft und zudem ziemlich durchgefroren.
Abendessen fällt aus. Aber wenigstens gibt es die erste Flasche Bier seit 14 Tagen. Mann, schmeckt die geil! Es bleibt aber bei der einen Flasche, so müde wie wir sind und außerdem wird die Flasche in der Hand IM HOTELZIMMER beim trinken kälter. Hölle! Das ist wie in nem Iglu!
Das Bett ist übrigens der blanke Alptraum für jemanden, der gerade mit akuten Rückenproblemen zu kämpfen hat.
Morgens um 5:30 stellen die Lehm-Steine-Macher im Hof das Radio auf volle Pulle und beenden eine der übelsten Nächte, die wir auf der gesammten Reise hatten.
So beginnt mein 43ster Geburtstag!
Eigentlich hab ich mir nie viel aus Geburtstagen gemacht. Aber daß ich nun schon den zweiten Geburtstag „on the road“ erlebe, hat für mich dann doch eine sehr positive Bedeutung, da es ein Symbol dafür ist, daß ich endlich mein Leben genau so lebe, wie ich es will. Naja, fast.
Daß dieser 43ste Geburtstag der beschissenste aller Zeiten werden soll, ahne ich zu dieser frühen Morgenstunde noch nicht.
Wir sitzen um 7.00 auf den Eseln und nehmen die Straße bei Minusgraden und strahlendem Sonnenschein unter die Räder. Ab Sicuani geht es dauerhaft auf rund 4.000 Meter über den Altiplano – eine steppenartige Hochebene, die sich bis weit nach Bolivien zieht. Begrenzt wird sie von eindrucksvollen schneebedeckten Berg- und Vulkan-Ketten.
Die Finger schmerzen vor Kälte aber wir sind gut gelaunt.
Kurz vor Juliaca erwischt es uns dann aber voll!
Leider hatte die Pechsträhne, die ich im Kapitel „40 Tage harte Arbeit“ noch recht optimistisch beschrieben hatte, seit dem nicht nachgelassen. Das GPS schmierte zwischenzeitlich komplett ab, wenn es eine bestimmte Route berechnen sollte. Ich mußte dann jedesmal den Akku entnehmen, um das Garmin überhaupt wieder starten zu können. Außerdem hatten wir wieder wie damals in Kanada mit einem aufplatzenden Reisverschluß am Zelt zu kämpfen. Ich hab alle Tricks versucht, die ich mittlerweile kenne: Reisverschluß mit ner Zahnbürste gesäubert und mit Silikonspray eingesprüht und Schlitten zusammengebogen. Nix brachte Erfolg. Einen Tag später tritt das gleiche Problem beim Tankrucksack auf. Alle Tricks versagen auch hier.
Aber an diesem frühen Nachmittag meines 43ten Geburtstages soll es viel dicker kommen als Problemchen mit Reisverchlüssen oder ähnlichem.
Simons Hinterreifen ist platt. Ich hasse Reifenwechsel. Und ich HASSE sie vor allem, wenn mir haufenweise Leute dabei zuschauen und uneingeladen zur Hand gehen wollen. In der Theorie sehe ich ja ein, daß es lieb gemeint ist von den Menschen, aber ich kann es nun mal nicht ab! Sicherheitstechnisch ist so eine Situation zudem der Alptraum. All unser Gepäck muß abgerödelt werden und türmt sich neben den Motorrädern. Werkzeug liegt herum und auf all das kann ich kein Auge haben, weil ich vollauf damit beschäfftigt bin, den verfluchten Reifen zu wechseln. Simon gibt ihr Bestes, die Helfer halbwegs in Schach zu halten und ein Auge auf unsere Sachen zu haben. Gegen einen echten Vollprofi-Dieb hätten wir in so einer Situation dennoch keine Chance.
Als Simons Krad endlich wieder auf zwei prallen Reifen steht, kommt aber erst der richtige Tiefschlag: meine Karre springt nicht mehr an. Ich kann es nicht fassen! Durch diese nun seit zwei Monaten andauernde Pechstähne, bei der quasi im Tages-Takt Sachen kaputt und schief gehen, ist meine Frustrationsschwell extrem niedrig geworden. Ich könnt grad verzweifeln, als mir das Ausmaß des akutellen Problems klar wird. Aber es hilft nix, sich zu bemitleiden. Es wird keine Fee (mit Zweiradmechaniker-Ausbildung) um die Ecke geflogen kommen und mir ihre Hilfe anbieten. Es gibt nur einen, der diese Problem lösen kann bzw. lösen muß: der Panny.
Also runter vom Bock, Handschuhe mit Schmackes auf den Boden geknallt und laut geflucht dabei. Das baut zumindest ein ganz klein bißchen Frust ab und hilft für wenige Minuten einheimische Helfer auf Abstand zu halten. Karre zum Teil wieder abrödeln und Werkzeug wieder rausholen. Alles unter den Augen eines sensationslüsternen Publikums. Tief Luft holen. Nachdenken. Und los geht’s: als erstes tausche ich die Batterien der beiden Motorräder. Mal wieder eine der Situationen, wo es sich bezahlt macht, daß wir mit identischen Krädern reisen. Leider springt meine Transe auch mit Simons Batterie nicht an. Zweiter Versuch: Zündkerzen wechseln. Das ist bei den Transalps ein Akt: erst müssen die Sturzbügel ab, dann die Verkleidung runter, bis ich endlich an die vordere Kerze komme. Als alles wieder zusammengebaut ist, halten wir beide den Atem an. Ich drücke den Starter und... NICHTS! Jetzt bin ich wirklich verzweifelt. Die nächstwahrscheinliche Fehlerursache ist für mich schlechter Sprit. Das heißt, die Einspritzanlage muß zerlegt werden. Eine Fachwerkstatt zu finden, die sich mit Einspritzanlagen auskennt, ist hier nahezu unmöglich. Außerdem müßte ich erstmal dorthin kommen. ADAC anrufen ist nicht. Der ist nur in Europa zuständig. Und den peruansichen „ADAC“ kann man auch vergessen. Was nun? Simon fährt nach Juliaca und versucht einen Honda-Dealer zu finden. Ein Wettlauf gegen die Uhr, denn mittlerweile ist es 16.00 Uhr und um 18.00 ist es dunkel. Ganz nebenbei ist Samstag! Ich fang schon mal an, die vollbeladene Transalp Richtung Stadt zu schieben, da hier kein Motorradhändler einen Lieferwagen hat, mit dem er ein Motorrad abschleppen könnte.
Mit kaputtem Rücken ist das Schieben eine Tortur. Auf 4.000 Meter Höhe und in der prallen Sonne ist es zudem UNGLAUBLICH anstrengend. Alle paar 100 Meter bleibe ich mit zitternden Beinen und am Ende meiner Kräfte stehen. Alter Schwede! Ich bin körperlich und emotional fertig!
Irgendwann kommt Simon zurück und verkündet, es gebe in der Stadt keinen Honda-Händler und die nächste Motorrad-Klitsche sei noch nen Kilometer weg. Wir wechseln uns mit dem Schieben ab und sind total platt, als wir bei dem Hinterhofschrauber ankommen. Mit Händen und Füßen und einigen internationalen Fachvokabeln beschreibe ich dem Mechaniker das Problem. Sein erster Ansatz: Zündfunke prüfen. Als es bei abgezogenem Zündkerzenstecker nicht funkt, ist der Typ schnell bei der Hand mit einem vernichtenden Urteil: CDI! Das ist der GAU! Die CDI ist das Teil, das die Zündung steuert. Eigentlich wollte ich eine auf Reserve mitnehmen, bis ich erfuhr, daß die Wegfahrsperre über die CDI läuft und man sie entsprechend programmieren muß, wenn man eine neue einsetzt. Damit kann man noch nicht mal die CDI aus der einen Transe bei der anderen einsetzen, um zu probieren, ob sie defekt ist.
Und eine Honda-Werkstatt hier unten zu finden, die eine neue CDI entsprechend programmieren kann, ist ziemlich aussichtlos. Wenn überhaupt, dann könnte das höchstens im 1.000 km weit entfernten Lima gelingen. Die Diagnose ist so furchtbar, daß ich sie nicht akzeptieren will. Und siehe da, bei einem erneuten Versuch funkt es!
Der Mechaniker drückt sodann den Starter und das Miststück von Transe springt ohne Mucken an. Elendes Biest! Der Schrauber lacht und fordert sofort und sehr nachdrücklich eine angemessene Bezahlung für seine „Reparatur“! Von Reparatur kann aber keine Rede sein. Einerseits bin ich froh, daß mein Krad wieder läuft, andererseits ist nach wie vor vollkommen unklar, was die Ursache ist und ob ich nicht in wenigen Tagen an einem weitaus unglücklicheren Ort wieder mit einem Motorrad stehe, das nicht anspringen will. Und an solchen Orten wird es in den nächsten Wochen bei uns keinen Mangel geben!
Jetzt heißt es aber erstmal die letzten 50 km bis zu unserem Tagesziel im schnell schwindenen Tageslicht runterzureißen! Ich springe verschwitzt und viel zu dünn bekleidet auf die Karre und wir stochen los. Die nächsten 45 Minuten frieren wir uns dann zur Abwechslung mal wieder den Arsch ab.
In Puno, das am Titikaka-See gelegen ist, treffen wir im Dunklen ein (das Foto haben wir am nächsten Tag gemacht). Unser Plan-A-Hostal ist voll belegt, aber unser zweiter Versuch ist erfolgreich: im Hostal Arequipa bekommen wir für 30 Soles (7,50 EUR) ein Doppelzimmer mit WIFI und sicherem Motorrad-Parkplatz im Hinterhof. S15°50.223 W070°01.656
Wir sitzen beide lange regungslos in unseren Motorradsachen auf dem Bett, bis wir endlich beschießen, uns von diesem Mege-Scheiß-Tag nicht klein kriegen zu lassen.
Seit nunmehr 15 Tagen leide ich unter den Folgen der Salmonellen und Darm-Entzündung. Seit Tagen freue ich mich darauf, heute an meinem Geburtstag einen entscheidenden Schritt in Richtung normale Ernährung zu machen. Heute ist eine Pizza fällig – selbstverständlich zusammen mit einem eiskalten Bier!

Zum Glück ist es keine Herausforderung in Puno, der peruanischen Pizzeria-Hauptstadt, eine Pizza aufzutreiben. Ich hab noch nie so viele Pizzerien auf einem Haufen gesehen, was mir an diesem Abend nur allzu recht ist.
Ich war an diesem Tag wirklich richtig verzweifelt. Ich hab geflucht und hatte die Schnauze gestrichen voll. Aber als ich an diesem Abend in einer total überhitzten Pizzeria sitze. Als vor mir eine Pizza steht und ich einen Schluck kaltes Bier trinke und in die Augen meine geliebte Simon sehe und Ihre Hand halte, da weiß ich, daß ich trotz allem Pech und allem Scheiß ein glücklicher Mann bin! Wie heißt es so „schön“: geteiltes Leid ist halbes Leid! Da ist verdammt viel Wahres dran!
Wenn man übrigens über zwei Wochen abstinent war, dann haut eine einzige große Pulle Bier in Kombination mit nem Pisco Sour nach einem so anstrengend Tag übrigens phänomenal rein!
Und hier noch eine weitere Info: Dank heilsamen Alkoholkonsum und extra scharf nachgewürzter Pizza hab ich am nächsten Morgen endlich mal keine schlimme Verstopfung. Wenn man sie lang genug missen mußte, freut man sich über solche Kleinigkeiten wie ein König:-)
Kennt Ihr den Titikaka-See? Von so manchem, um nicht zu sagen, sehr vielem, was wir auf dieser Reise gesehen habe, hatte ich ehrlich gesagt vorher noch nie gehört. Aber den Titikaka-See, den kannte ich schon als Kind. Keine Ahnung warum.
Weil es der größe „High-Altitude“-See der Welt ist? Entschuldigung für den Aglizismus, den ich trotz langen Grübelns nicht elegant ins Deutsche übersetzen konnte. Oder weil es der höchst-gelegene mit Schiffen befahrene See der Welt ist?
Wir finden den Titikaka-See beim mittäglichen Picknick an der Uferpromenade jedenfalls wunderschön, was natürlich auch daran liegen kann, daß ich bester Laune bin, dank des feinen Stuhlgangs und der Tatsache, daß mein Esel auch heute wieder brav angesprungen ist.
Da mein Tankrucksack in Sachen Reisverschluß mittlerweile total im Arsch ist, machen wir uns auf die Suche nach einem Schuster, den wir nach langem Suchen dann auch tatsächlich finden. Nach einigem Hin- und Her werden wir uns einig: für umgerechnet 5 EUR soll die Schusterin einen neuen Reisverschluß einsetzen. Sie verspricht hoch und heilig, daß der Tankrucksack am nächsten Morgen um 10 fertig sein soll.
Anschließend machen wir uns auf die Suche nach dem Motorrad-Werkstätten-Viertel. In Mittel- und Südamerika sind die Branchen nämlich fast immer geballt in einem Viertel. Hat man das erstmal gefunden, kann man bequem einen nach dem anderen abklappern.
Leider funktioniert diese Logik nicht in Puno. Wir verbringen einen halben Tag damit, zu Fuß einen Motorrad-Laden nach dem anderen abzuklappern – keiner liegt auch nur in der Nähe des anderen und keiner kann uns in Sachen eines 130er Schlauches helfen (lokale Motorräder haben maximal nen 110er hinten drauf). Die Suche nach selbst in Deutschland ziemlich seltenen Transalp-Zündkerzen breche ich nach dem dritten Shop ab. Überall ist das einzige Maß für die Kompatibilität der Kerzen, ob das Gewinde nach Augenmaß das gleich ist. Wärmewert im Speziellen und Sinnhaftigkeit von Typenbezeichnungen im Allgemeinen kann ich keinem Südamerikaner vermitteln.
Am nächsten Morgen ist die Schusterin nicht da, sondern ihr Mann. Der Tankrucksack ist zur versprochenen Zeit fertig und ich bin von der Qualtität des Reisverschlusses begeistert. Auf dem Heimweg sehe ich mir den Reisverschluß dann nochmal genau an und stutze. Bei penibler Betrachtung zeigt sich, daß der Lump mich betrogen hat: er hat einen neuen Schlitten eingezogen und den alten Reisverschluß gefärbt! Ich bin mächtig angepißt! Was hängen mir mittel- und südamerikanischer Pfusch und Betrügereien zum Halse raus! Nach nunmehr 9 Monaten in diesem „Kulturkreis“ muß ich sagen: Pfusch und Betrug sind nicht die Ausnahme, sondern die Regel. Auch von allen Europäern und Nord-Amerikanern, die sich hier niedergelassen haben, hören wir nichts anderes.
Wutentbrannt stürme ich zu dem Schuster zurück. Ich bin stinkesauer, obwohl er sofort verspricht, einen neuen Reisverschluß einzusetzen. Das war kein Versehen. Das Schwein hat mich mit voller Absicht versucht abzuziehen. Ganz nebenbei sind 5 EUR in Peru verdammt viel Geld. Dafür hätte mir sogar ein Deutscher Schuster einen neuen Schlitten eingezogen. Selbst für einen neuen Reisverschluß ist das hierzulande ein Gringo-Preis. Fatal für uns ist, daß wir zeitlich extrem knapp dran sind. Wir müssen ja noch ins Hotel zurück, packen und die Motorräder aufrödeln. Und das alles in den nächsten 1,5 Stunden. Und der Schuster muß jetzt erstmal einen neuen Reisverschluß auf dem Markt kaufen gehen...
Erwähnte ich, daß ich von dieser Scheiße die Schnauze gestrichen voll habe?
Am Ende ziehe ich mal wieder mit einer Arbeit ab, deren Qualtität nicht meinen Vorstellungen entspricht. Wird nicht ewig dauern, bis wir uns das nächste mal auf die Suche nach einem Schuster machen werden, um diesen Tankrucksack reparieren zu lassen.
Erneut geht es durch Juliaca, wo ich noch eben schnell mein Hinterrad vor einer Reifen-Klitsche ausbaue und auch bei mir den neuen, in Lima gekauften Hinterreifen aufziehen lasse.
Juliaca ist eine graue, staubige Stadt. Aber sie hat ein großen Vorteil: rund 30 Motorradläden finden sich alle in einer einzigen Straße – Tor an Tor sozusagen. So habe ich hier auch keine Probleme, einen passenden Ersatzschlauch für den Hinterreifen und ein paar andere Sachen zu bekommen.
Danach geht es stundenlang auf rund 4.000 Meter und unerfreulich frischen Temperaturen über den Altiplano.
Am späten Nachmittag biegen wir von der geteerten Hauptverkehrsstraße ab. Laut Navi soll kurz danach eine Tankstelle kommen. Die ist aber Teil einer verfallenen Geisterstadt und so geht es mit leicht angespannten Nerven und immer knapper werdendem Spritvorrat weiter.
Es geht immer weiter hoch und die Temperaturen gehen immer weiter runter. Die Landschaft ist optisch entsprechend: es sieht aus, als würden wir durch einen Gletscher fahren: meterhohe Eiswände!
Ein Gebiergsbach gefriert auf seinem Weg den Hang hinunter. Wir fühlen uns kein bißchen wärmer, als das Wasser dieses Baches!
Oben auf dem Paß, der mit 4.886 m knapp unser neuer Höhenrekord ist, müssen wir uns zwingen, um bei Minusgraden zum Fotografieren anzuhalten.
Es ist schwer, fotografisch einzufangen, was sich am „Mirador de los Volcanes“ unserem Auge dort darbietet: ein riesige Feld von „Steinmännchen“. Skurril!
Chivay, das sogenannte Tor zum Colca-Canon ist für uns eine Enttäuschung. Wir sind geschockt von den Restaurant-Preisen. Getränke kosten hier das Zwei- bis Dreifache von dem, was wir in Puno bezahlt haben.
Allerdings hält der Abend ein unerwartetes kulinarische Highlight für mich bereit: Alpaca Steak in Anden-Frucht-Sauce (ein bißchen wie herbe Preiselbeeren). Ein Hochgenuß – sowohl die erstklassige Sauce, als auch das unvergleichlich leckere Fleisch. Dies ist umso bemerkenswerter, weil Mittel- und Südamerika in Sachen Essen bisher eine Mega-Enttäuschung für uns war. Zumindest in der Preisklasse, in der wir uns bewegen, regiert aufgewärmtes, verkochtes und extrem langweiliges Essen. Ich war noch auf keinem Erdteil unterwegs, wo ich das Essen so reizlos fand, wie hier. Da ist das heutige Mahl ein echter Ausreißer!
An der Touri-Info in Chivay (kein Schild am Eingang/ im Gebäude des Palacio de Municipal) holen wir uns für lau eine brauchbare Karte des Canons und brechen am späten Vormittag auf, was sich im Nachhinein als perfektes Timing entpuppt.
Die Schranke am Ortseingang von Chivay ist genauso wie am Vorabend geöffnet.
Eigentlich hätten wir uns hier ein Ticket für den Colca-Canon holen müssen (35 Soles = 9 EUR pro Person), was wir aber unterlassen.
Das heutige Picknick findet mal wieder vor erstklassiger Kulisse statt. Dieses tägliche Ritual bedeutet für uns nach wie vor enorme Lebensqualität.
Die nächste Schranke ist dann auch offen und kein Mensch weit und brei zu sehen.
Zwei Straßen-Kilometer vor unserem eigentlichen Ziel, dem Cruz del Condor lockt uns ein besonders schöner Aussichtspunkt von der staubigen Piste: Der Mirador „Cruz del Cura“ (S15°36.419 W071°53.642, 3.757m) ist höchstens 1 km Luftlinie vom Cruz del Condor entfernt und entpuppt sich als mindestens so toll, wie unser ursprüngliches Ziel: als wir um 14:30 ankommen, sehen wir schon die ersten Kondore. Teilweise kreist ein halbes Dutzend von ihnen über uns. Nie ist der Himmel ohne sie, bis es um 18.00 dunkel wird. Wir können unser Glück kaum fassen! Um 17.00 wird es dann sogar richtig voll am Himmel. Über ein Dutzend der imposanten Ass-Fresser schwebt graziös über uns. Ein ergreifender Anblick.
Leider ist mein persönlicher Genuß getrübt. Die Scheiße des Tages heißt heute: gerissener Kupplungszug bei Simons Krad. Wenigstens das Timing ist perfekt: der Zug reißt kurz bevor wir den Mirador erreichen. Während Simon Kondore knippst, krame ich das Bowden-Zug-Reparatur-Set aus den Tiefen meiner Werkzeug-Kiste ud begebe mich an die eigentlich einfache Reparatur. Sagen wir mal: es ist eine einfache Reparatur, wenn man es schon mal gemacht hat. Mein letztes Mal liegt ungefähr 20 Jahre zurück und es dauert geraume Zeit, bis ich den Bowdenzug auf die exakt richtige Länge gekürzt habe und bis ich raus habe, wie man das Scheiß-Teil am geschicktesten wieder eingehängt und auf die richtige Spannung bekommt.
Die geniale Lage unseres (wilden) Camping-Spots und die majestätisch über uns dahin schwebenden Kondore entschädigen zumindest bedingt für den Verdruß.
Mit Einbruch der Dämmerung kommt dann ein starker Wind auf. Aber da sind wir Veteranen: so was kennen wir schon und wissen, daß der Wind sich mit der Dunkelheit wieder legt. So zumindest die fatal falsche Einschätzung meinerseits. Bei Minusgraden trinken wir Rotwein und bewundern den unvergleichlich klaren Sternen-Himmel. Bei Windstille (ganz so, wie ich es prognostiziert habe) schlafen wir in unseren muckelig warmen Schlafsäcken aneinandergekuschelt ein. Wenige Stunden später sind wir beide hellwach. Starker Wind zerrt an unserem Zelt. Das ist der heftiges Wind, den dieses Zelt je erlebt hat. Verflucht: ausgerechnet hier konnten wir das Zelt nicht ordentlich abspannen. Zu allem Überfluß hat die Windrichtung um 90 Grad gedreht, seit wir das Zelt perfekt zum damaligen Wind ausgerichtet aufgestellt hatten. Das heißt: wir bekommen diesen Sturm im Taschenformat als volle Breitseite ab! Wir sorgen uns nicht nur um unsere Zuhause, das Ganze ist auch noch höllisch laut!
Um 6 Uhr morgens sind wir dann leicht gerädert aber dennoch guten Mutes wieder auf den Beinen. Sobald die Sonne durchkommt und unsere Ausrüstung ohne Forst-Schaden verpackt werden kann, brechen wir auf.
Unser Zeltplatz hatte zwei entscheidenden Vorteile zu unserem ursprünglichen Ziel, dem Cruz del Condor: dort ist das Übernachten verboten und dort wird das Ticket, das wir ja nicht haben, kontrolliert.
Auf unserem Rückweg nach Chivay kommen uns endlos viele kleine und große Busse entgegen und machen staubmäßig die Tour zu einer Tortur!
Ich überschlage im Kopf auf die Schnelle die Anzahl der Touristen, die sich da für die Morgen-Session zum Cruz del Condor chauffieren lassen und komme auf weit über 1000!!!
Unglaublich und bestimmt kein Spaß inmitten solcher Menschenmassen ein Naturschauspiel zu beobachten.
Kurzer Einschub an dieser Stelle: die beste Zeit zum Beobachten der Condore soll angeblich morgens von 9 bis 10 und nachmittags von 16 bis 18 Uhr sein.
Wir sind jedenfalls unglaublich froh, praktisch einsam und exklusiv stundenlang die Kondore am Vortag beobachtet zu haben.
Als wir an die erste Schranke kommen, ist diese im Gegensatz zum Vortag geschlossen und ausnahmslos jeder, der Richtung Cruz del Condor fährt (auch Durchreisende) wird gnadenlos abkassiert. Da wir aus der Gegenrichtung kommen, wird für uns die Schranke anstandslos geöffnet und wir fahren unbehelligt durch. Desgleichen bei der Schranke bei Chivay!
Das hat ausnahmsweise mal richtig gut geklappt! Sollte unsere Pechsträhne gebrochen sein? Wir sind vorsichtig und gleichzeitig nur allzu willig, dies als gutes Omen zu werten.
Die Strecke über den fast 5.000 Meter hohen Paß ist diesmal nicht halb so schlimm, wie auf dem Hinweg, wo wir vor Kälte mit den Zähnen geklappert hatten.
Zurück auf der geteerten Hauptverkehrsstraße nach Arequipa genießen wir die Fahrt durch die wüstenartige Berge in vollen Zügen.
Keine Ahnung, was in diesem Industrie-Komplex gewonnen oder produziert wird. Aber auf uns wirkte es wie eine Fabrik auf dem Mond. Abgefahren!
Arequipa, die zweitgrößte Stadt Perus (900.000 Einwohner) ist nicht nur was die Lage angeht, eine wesentlich sympathischere Stadt als Lima. Der Blick auf den stadteigenen Vulkan oder die schneebedeckte Bergkette im Norden bietet sich von vielen Stellen in der Stadt.
Wir bleiben nur eine Nacht, da uns Bolivien lockt.
Morgens vor der Abfahrt lassen wir noch schnell Simons Kamera professionell reinigen und kurz vor Mittag rollen wir wieder nach Norden. Das wir einen Teil der Strecke nun zum dritten mal fahren, liegt daran, daß wir zwischenzeitlich eigentlich auf ein Motorrad-Treffen in Arica (Chile) wollten, das sich dann aber eher als städtische All-inclusive-Veranstaltung und damit so gar nicht in unserem Sinne entpuppte.
Die GPS-Karte von Peru, mit der ich bisher sehr zufrieden war, enttäuscht heute massiv. Die Route, die mir der Navi zum Titikaka-See berechnet, entpuppt sich als übler Dirt-Track.
Leider war das vorab nicht zu erkennen und so quälen wir uns über eine Buckelpiste mit sandigen Abschnitten und „Bull-Dust“ zwischen dem Vulkan und der schneebedeckten Bergkette in die
Höhe.
Wir sind froh, als wir es endlich bis auf den Altiplano geschafft haben, wo die Piste zumindest ein bißchen besser wird. Scheinbar ist die Straße bei Regen ziemlich übel, so daß sich mittlerweile zig Fahrspuren herausgebildet haben. Teilweise sind es bis sechs, die alle mehr oder weniger in die gleiche Richtung gehen, sich verzweigen und irgendwann wieder vereinigen.
Leider ständig mit tückischen sandigen Abschnitten. Wir hören irgendwann auf zu zählen, wie oft es uns um Haaresbreite fast geschmissen hätte.
Übermut kommt vor dem Fall!
Die Teerstraße ist nur noch wenige Hundert Meter entfernt. Krad-Vagabund 1 komplimentiert Krad-Vagabund 2 zu seiner tollen Motorrad-Beherrschung in heiklen Sandpassagen. Krad-Vagabund 2 daraufhin: „der Trick ist, man muß Gas geben und darf nicht zu langsam sein“. Eine Minute später liegt das Krad von Krad-Vagabund 2 auf der Seite. In Sichtweite der Teerstraße.
Dank dieses unfreiwilligen Off-Road-Abstechers sind wir nun ziemlich spät dran und preschen mit nur einem einzigen kurzen Fotostop an der einer tollen Lagune zügig durch bis Juliaca. Dort geht es dann zielstrebig auf die uns mittlerweile vertraute Motorrad-Meile, wo ich schnell noch zwei Bowden-Züge auftreibe.
Ein Original-Zug mit Mantel würde bei Honda rund 32 EUR kosten (wenn man ihn denn überhaupt bekäme). Für einen Bowdenzug inklusive Schraubnippel für das „offene“ Ende zahle ich hier 0,25 EUR. Das gefällt mir und ich nehm direkt mal zwei mit. Man weiß ja nie!
Am nächsten Tag erweist sich die Weitsicht beim Bowdenzug-Kauf als golden. Kurz vor der bolivianischen Grenze reißt der Behelfszug! Das dünne Scheiß-Ding hat nur zwei Tage gehalten! Fuck! Als ich mir anschaue, wo der Zug gerissen ist, verstehe ich, warum es in dem peruanischen Motorrad-Teile-Laden nur Bowdenzüge gab, bei denen der obere Nippel verlötet war und der untere geschraubt wird. Bei meinem aus Deutschland mitgebrachten Bowden-Zug-Reperatur-Set war es nämlich genau umgekehrt und das hat in Kombination mit dem ziemlich dünnen Zug zu diesem rasant schnellen Verschleiß geführt.
Während ich mal wieder total genervt das Werkzeug auspacke und mich auf offener Landstraße an die Reparatur mache, brausen 13 argentinische Motorrad-Reisende an uns vorbei und hupen munter. Aber keiner dieser Wixer hält mal an, um einem anderen Motorrad-Reisenden, der ganz offensichtlich eine Panne hat, Hilfe anzubieten. Ich bin sprachlos angesichts eines solchen Verhaltens!
Aber dann kommen noch zwei Nachzügler mit Anstand: Alberto(?) und Gustavo steuern zwar praktisch nichts zur Reparatur bei, da ich ja schon alles parat und nun leider auch Übung habe,
aber alleine die Geste, anzuhalten und „mitzuhelfen“ baut auf und erfreut mich! Danke Euch beiden!
Anschließend machen wir erstmal Picknick-Pause am See und atmen tief durch.
Der Titikaka-See ist hier im Süden übrigens viel schöner als im Norden bei
Puno!
Werden Fotos mit schneebedeckten Bergen eigentlich so langsam langweilig? Es ist schwer in den peruanischen Anden einen Schnappschuß ohne dieses Element hinzubekommen.
Resüme Peru
Es ist schwer, Länder miteinander zu vergleichen. Aber sollte ich partout ein einzelnes „bestes Motorrad-Reiseland“ dieser Reise benennen müssen, so wäre ich in Versuchung, Peru zu wählen. Die Landschaften sind atemberaubend, die Motorrad-Strecken sind erstklassig und unzählig und es ist ein Paradies zum wild zelten: hier einen Weltklasse-Spot zum campen zu finden, ist nichts ungewöhnliches!
Nicht ohne Grund haben wir hier 7 Wochen verbracht und das Land dennoch mit dem Gefühl verlassen, noch ganz viel nicht entdeckt zu haben.
hier geht unsere Geschichte weiter: Bolivien 1: Titikaka-See, La Paz, Straße des Todes