Peru 6: Heiliges Tal und Machu Picchu – Juli 2011

Ich bin zwar noch lange nicht wieder fit, aber wir haben Hummeln im Hintern. Nach fast zwei Wochen Zwangs-Seßhaftigkeit wollen wir endlich wieder unser Krad-Vagabunden-Leben aufnehmen und sehnen uns danach, wieder im Sattel unserer Motorrad zu sitzen!

Von Cuzco brechen wir ins Heilige Tal (Valle Sacrato) auf. Unser Tagesziel heißt Urubamba.

Alleine die schöne Fahrt dorthin hebt sofort die Stimmung!

 

In Urubamba bleiben wir für zwei Nächte auf dem „deutschen“ Campingplatz von Conny (Los Cedros S13°17.904 W072°07.005, 2.934m) und machen von dort einen Tagesausflug zu einigen nahen Sehenswürdigkeiten.

 

Als erstes fahren wir die Trassen von Moray an – quasi ein Agrar-Versuchslabor längst vergangener Zeiten: auf jeder der Ebenen herrscht ein anderes Micro-Klima.

Moray S13°19.804 W072°11.672, 3.537 m

Die Schotterpiste zu unserem nächsten Ziel, den Salinas, ist tadellos und geizt nicht mit Hammer-Aussichten.

Die Salinas sind weit eindrucksvoller, als wir es erwartet hatten – egal ob aus der Höhe, oder wenn man sie zu Fuß durchstreift. Über 5.000 Becken werden von einem stark salzhaltigen Bach über ein ausgeklügeltes System gespeist und das Wasser wird dann zum Verdunsten gebracht. Wie immer in Südamerka: alles Handarbeit.

Salinas S13°18.249 W072°09.237, 3.050 m

Wir treffen eine Truppe Schweitzer, die auf V-Stroms und coolen alten BMW-GS (mit ungewöhnlichen Holz-Top-Cases) unterwegs sind und kommen natürlich mit ihnen ins Gespräch. Die haben schon einiges mit dem Motorrad gemacht, allerdings scheinbar immer „punktuelle“ Touren. So geht auch diese Reise in „nur“ rund fünf Wochen von Lima (Peru) nach Buenos Aires (Argentinien) und dann heißt es wieder heim in die Schweiz. Bei so einem Ansatz hauen die Transportkosten natürlich extrem rein. Wir erfahren, daß alleine der Flugzeug-Transport Schweiz-Peru mit 3.500 EUR pro Krad zu Buche schlägt! Die Verschiffung ab BA wird dann zwar billiger sein, aber die Gesamtkosten für einen solchen „Kurz“-Trip durch Süd Südamerika dürften beachtlich sein.

Machu Picchu ist die bekannteste und meistbesuchteste Attraktion ganz Südamerikas.

Im Reisetagebuch-Kapitel „Nasca – Cuzco“ erwähnte ich es ja schon: im Schnitt besuchen 2.500 Touristen pro Tag die Inka-Ruinen von Machu Picchu. Da wir jetzt Hochsaisson haben, dürften es entsprechend mehr sein.

Was uns erst kurz bevor wir hier ankamen klar wurde: man kann nicht bis nach Aguas Caliente, dem Dorf am Fuße von Machu Picchu, mit dem Motorrad fahren. Wenn man nicht gerade den vier-tägigen und total überteuerten Inka-Trail wandern will, dann bleiben einem nur diverse Varianten übrig, bei denen man immer in der Endphase mit dem Zug fahren muß, um nach Aguas Caliente zu kommen. Alle Varianten haben eins gemeinsam: sie sind teuer. Die Unterschiede sind allerdings enorm. Noch nie waren wir an einem Ort, wo der Unterschied zwischen High- und Low-Budget-Reisen so krass war. Wem Geld egal ist oder wer einfach nur ignorant ist, der fährt direkt ab Cuzco mit dem Zug nach Aguas Caliente. Die billigeste Veriante kostet 140 EUR pro Strecke, die teuerste (quasi all inklusive) ist für schlappe 450 EUR zu haben. Und wer richtig Geld hat, der übernachtet dann nicht in Aguas Caliente, sondern direkt vor den Toren von Machu Picchu. Zimmer gibt es dort ab 900 USD.

Die etwas billigere Variante ist: mit dem Sammeltaxi (Collectivo) nach Ollantaytambo im heiligen Tal fahren und dort den Zug besteigen. Fahrpreise variieren je nach Uhrzeit. Ab 31 USD (21 EUR) pro Strecke kann man dann von dort nach Aguas Caliente kommen.

Leider ist der Spaß mit dem Zug-Ticket noch nicht bezahlt. Von Aguas Caliente muß man dann nämlich nochmal einen total überteuerten Bus nach Machu Picchu nehmen: 21 Soles pro Strecke (ca. 5 EUR). Nur ganz Harte mit gesunden Knien sparen sich dieses Geld und bewältigen den reisigen Höhenunterschied per pedes.

Bevor man den Bus besteigt, muß man übrigens erstmal in Aguas Caliente das Eintritts-Ticket für Machu Picchu kaufen (am Eingang zu den Ruinen gibt es keine Tickets!): 126 Soles pro Person (ca. 31 EUR).

Wer all diese Einzelpreise mal fix im Kopf zusammen zählt, kommt auf eine Summe, bei der wir uns sehr lange überlegt haben, ob wir sie für eine touristisch total überlaufene Sehenswürdigkeit ausgeben wollen. Für uns wäre es die bei weitem teuerste Touri-Attraktion, die wir je angeschaut hätten.

Wenn man das Ganze mal am peruanischen Preisniveau mißt, wird einem erstmal klar, wie exorbitant teuer es ist: ein einfaches Hotel Zimmer auf dem Land kostet 2 EUR pro Person.

 

Da uns einige Langzeitreisende, die unsere Einstellung zu solch gleichermaßen überteuerten wie überlaufenenen Attraktionen teilen, jedoch versicherten, Machu Picchu wäre es wirklich wert, entschließen wir uns, es uns anzuschauen.

Allerdings wählen wir die etwas abenteuerlichere Variante, quasi durch die Hintertür.

 

Dafür müssen wir erstmal nach Santa Teresa fahren. Die 250 km lange Fahrt dorthin entpuppt sich als wunderschön.

Wie so oft in dieser Region schraubt sich die Straße in Serpentinen in den Berge.

Schnell wird es kalt und wir fahren auf einer perfekten Aspalt-Straße durch eine immer winterlichere Bergwelt.

Rings um uns herum ist alles schnee-weiß, als wir den Paß (4.350 m) überqueren. Der war eine Woche zuvor noch unpassierbar. Ein niederländischer Motorrad-Reisender, den wir trafen, mußte wegen Schnee und Eis umkehren. Backpacker, mit denen wir sprachen, saßen 28 Stunden lang in einem Linienbus im meter-tiefen Schnee hier oben fest und haben sich den Arsch abgefrohren!

Jetzt ist zumindest die Straße frei und wir verdrängen den Gedanken daran, wie wir hier wieder rauskommen wollen, falls das Wetter abermals umschlagen sollte.

 

Die Paßstraße auf der anderen Seite Richtung ins tropisch gelegenen Santa Marias herunterzufahren ist sehr beliebt bei Touristen. Täglich stochen hier einige 100 Ein-Tags-Helden auf geliehenen Fahrrädern die Serpentinen runter. Dabei fahren einige von ihnen, als wären sie auf einer Privat-Straße und nicht im brutal-rücksichtslosen südamerikanischen Straßenverkehr unterwegs.

 

Wenn ich das so sehe, dann kommen mir Zweifel ob die Zahl der tödlich verunglückten Mountainbiker auf der Straße des Todes in Bolivien ("Camino del Muerte") wirklich ein Indiz für deren Gefährlichkeit ist, oder ob da nicht einfach nur ein gehöriger Teil Idioten darwinistisch aussortiert wird. Bald werden wir es genauer wissen. Aber erstmal sind wir noch in Peru und nicht in Bolivien und wir haben noch einige Kilometer bis zu unserem Ziel zu fahren. Die letzten knapp 40 km bis Santa Maria sind übrigens wenig erbaulich: eine einzige schier endlose Baustelle mit unzähligen Engpässen, an denen von niedlichen peruanischen Bauarbeiterinnen mit grünen und roten Kellen der Verkehr geregelt wird. Allen optischen Reizen zum trotz ist es kein Vergnügen, ständig in der prallen Sonne abwarten zu müssen, bis es endlich mal wieder durch einen dieser Engpässe weiter geht. In einige Wochen dürfte das hier Vergangenheit sein und die gesamte Strecke von Cuzco bis Santa Maria eine pfusch-neue Teerstraße sein.

Ab Santa Maria geht es dann die letzten 26 km über eine Dreckspiste entlang eines Flusses. Ein geiler Ausblick jagt den nächsten. Für Fahrer mit Höhenangst ist dieser Route allerdings nur bedingt geeignet: manchmal ist sie nur einspurig und es geht, wie so oft in Peru, steil neben der Piste in die Tiefe

Alles in allem ist diese Strecke aber für regionale Verhältnisse ganz normal und nicht allzu anspruchsvoll. Selbst das Dutzend Bach-Durchfahrten ist locker.

In Santa Teresa campen wir in tropischem Klima (inklusive vieler Mücken) bei Cola de Mono (S13°08.469 W072°36.567, 1.614m).

Dort lassen wir am nächsten Tag unser Zelt stehen und fahren die letzten 10 km durch ein wunderschönes Tal mit mehreren tollen Wasserfällen.

An der zur Schranke der Hidroelectrica (Wasserkraftwerksgesellschaft) ist Ende. S13°10.452 W072°33.807

Links geht es über eine Brücke, wo man für ein kleines Trinkgeld sein Fahrzeug bei einem Bauern bewacht abstellen kann. S13°10.443 W072°33.917, 1810 m

 

Nun sind es nur noch wenige Meter bis zur Bahnstation „ Hidroelectrica“.

Viele und ich meine wirklich VIELE wandern von hier innerhalb von zwei Stunden nach Aguas Caliente. Die Strecke hat kaum Gefälle. Wir heben uns den Fußmarsch für den Rückweg auf und nehmen hin zu den ersten Zug um 07:54. Kosten: 50 Soles pro Person (12,50 EUR).

Die letzte Rückfahrt wäre übrigens um 13.30 und würde 34 Soles (8,50 EUR) kosten.

Die 40-minütige Zugfahrt nach Aguas Caliente macht Spaß. Der Wagon ist auf neustem Stand, inklusive Deckenfenster. Wir staunen und genießen es, kutschiert zu werden.

 

Am Fahrkartenschalter der Zugstation mußten wir übrigens schon zum ersten mal unseren Reisepaß vorzeigen.

Beim Kauf der Eintrittskarten in Aguas Caliente muß man ihn dann wieder vorlegen und wenn man die Ruinen betritt wird der Paß ein drittes mal kontrolliert!

Aguas Caliente ist übrigens genau so, wie man sich ein Dorf vorstellt, durch das täglich 2.500 Touristen hindurch müssen, von denen die meisten das Geld locker sitzen haben.

Blos schnell weg hier!

Nach 20 Minuten Busfahrt sind wir dann endlich an unserem Ziel angekommen: Machu Picchu.

Gleich hinterm Eingang geht es links den Hang hoch, von wo aus man DAS Foto machen kann.

Dafür brauch man NICHT mühsam auf einen der benachbarten Berge steigen!

Mühsam ist der Tag dann aber letztendlich doch. Denn es gibt hier einiges zu sehen und es geht ständig hoch und runter.

 

Ich muß sagen: alle Mühen und Kosten haben sich gelohnt! Wir sind uns einig: Machu Picchu ist die eindrucksvollste Ruinen-Stadt, die wir je gesehen haben. Dieses Urteil gründet sich auf die Ruinen-Stadt ansich, aber noch viel mehr auf die spektakuläre Lage: in (fast) jede Richtung geht es steil in die Tiefe, was die Einzigartigkeit der Anlage ausmacht.

Trotz allem Zynismus muß ich sagen: ich hatte es mir schlimmer vorgestellt. Die Menschen-Massen verteilen sich überraschend gut in der Anlage. Da haben wir in Mexiko bei der einen oder anderen Maya-Ruine Schlimmeres erlebt.

Apropos Tourisen-Massen: Frage an den aufmerksamen Betrachter des Fotos: wo ist der Eingang und wo geht’s zu der Stelle, wo man DAS Foto machen kann?

Man beachte die Anzahl der Touris, die sich da in einer Schlange fortbewegen und wieviel bzw. wie wenige Besucher sich die Mühe machen, ein wenig die Trassen herabzuklettern.

Runter zu nehmen wir aus Rücksicht auf unsere beider kaputte Knie nochmal den Bus, aber nach Santa Teresa wollen wir laufen.

Einfach den Gleisen folgen wurde uns gesagt.

Als echte Abenteurer mißachten wir natürlich das gelb-rote Schild, das das Laufen auf den Gleisen untersagt.

Pah! Das gilt ja wohl nicht für uns.

Am ersten Tunnel wird uns dann doch ein wenig mulmig. Was, wenn genau dann wenn wir im Tunnel sind, ein Zug kommt? Wir erinnern uns an Indianerfilme unserer Kindheit und horchen an den Schienen. Die müßten doch vibrieren, wenn da was kommen würde, oder?

Wir haben zum Glück kaum ein paar Meter geschafft, als eine Lok angedonnert kommt.

Puh, das war knapp!

Nachher sehen wir zwar, daß wir es auch im Tunnel eng an die Wand gedrückt überlebt hätten, aber wir beschließen dennoch unser Wissen aus Indianerfilmen und ähnlich seriösen Quellen in Zukunft nur noch sehr vorsichtig einzusetzen.

Hinter dem letzten Tunnel sehen wir dann, daß man bis hierhin auch bequem und sicher der Bus-Strecke hätte folgen können. Wo diese dann über den Fluß schwenkt, zweigt ein kleiner Trampelpfad zu den Gleisen ab. Und ab hier sind wir dann auch in üppiger Gesellschaft: rund Hundert andere Wandere trotten mit uns Richtung Santa Teresa bzw. kommen uns zu dieser späten Nachmittagsstunde entgegen. Null Gefahr, null Abenteuer, aber eine sehr schöne Wanderung. Allerdings merke ich mit jedem Kilometer, daß ich noch weit von wieder fit zu sein entfernt bin. Am Ende bin ich wirklich am Ende!

Als wir unser Motorrad kurz vor Einbruch der Dämmerung erreichen, kommen gerade George und Andrea mit ihrem 4x4-Toyota an. Großes Hallo! Wir haben die beiden das letzte mal vor vier Monaten in Costa Rica gesehen. Neben dem üblichen Traveller Talk berichten wir ihnen strahlend von unserem tollen Tag und bekräftigen nochmal unser positives Urteil: trotz hoher Kosten und Touristen-Massen lohnt es sich wirklich, Machu Picchu anzuschauen!

 

Jedem der mit eigenem Fahrzeug unterwegs ist, rate ich zudem eindeutig zu der Santa Teresa Varianta! Selbst ohne Machu Picchu wäre die Fahrt es wert, unternommen zu werden. Geile Strecke!

Das heilige Tal hat noch weit mehr zu bieten, als das, was ich hier erwähnt habe. Speziell die Ruinen von Ollantaytambo und noch mehr die von Pisac sollen toll sein. Aber wir haben in den letzten 9 Monaten soviele Maya und Inka-Stätten gesehen, daß wir „müde“ sind. Gegen Machu Picchu würden sie eh verblassen. Da hätten wir sie aus taktischen Gründen schon vorher machen müssen.

 

Und so rauschen wir auf unserem Rückweg an einem einzigen Tag gemütlich aber zielstrebig durchs Heilig Tal, ohne groß anzuhalten und Sightseeing zu machen.



 

hier geht unsere Reise weiter: Peru 7: Titikaka-See, Colca-Canon, Arequipa