Peru 5: Nasca, Cuzco - Anfang Juli 2011

Für uns heißt es nach 6 Tagen trist-grauem Lima endlich: es geht weiter!
Die Landschaft ist mal wieder, wie wir sie nicht anders von der peruanischen Küste kennen: Wüste, die immer wieder von rießigen Hühnerfarmen und künstlich bewässerten Agrarflächen gigantischen Ausmaßes unterbrochen wird. Simon fühlt sich angesichts der vielen Weinreben und Spargelfeldern schon fast wie in der Heimat.
Im Vorfeld unserer Reise haben wir alles an Dokus über Südamerika geguckt, was das deutsche Fernsehen zu bieten hatte. Keine Sendung über Peru oder den Großraum, in dem nicht die zwei Mega-Sensationen Machu Picchu und die Nasca Lines erwähnt werden. Letztere liegen nun vor uns.
Die Nasca-Linien wurden über mehrere Epochen hinweg mit unterschiedlichen Methoden in die Wüste "gemacht". 800 Linien, 300 geometrische Figuren und 70 Tier- und Pflanzendarstellungen bedecken eine Fläche von 500 Quadrat-Kilometern und variieren in ihrer Ausdehnung und Länge von enigen 10 Metern bis hin zu mehreren Kilometern. So richtig erkennen kann man sie erst aus der Luft, was sie umso mystischer macht, da zu ihrer Entstehung (teilweise deutlich vor Christi Geburt) es diese Möglichkeit ja nicht gab. Warum hat man sie also in dieser Art und Weise erschaffen? Es gibt Theorien en masse – inklusive natürlich solche, die Ufos und Außerirdische einschließen (eine der berühmtesten Figuren heißt auch „der Astronaut“).

20 km nördlich der Stadt Nasca gibt es einen Aussichtsturm an der PanAm, von dem man drei der Figuren erkennen kann.
Wenn man genau hinschaut, kann man auf dem Foto zum Beispiel „die Hände“ ausmachen.

In dem Örtchen nördlich davon gibt es ein Museum, das DER Nasca-Line-Forscherin Maria Reiche gewidmet ist.
Die Frau hat praktisch ihr ganzes Leben (bis 95!) unermüdlich an der Entschlüsselung dieses Mysteriums gearbeitet – überwiegend von einer hohen Leiter aus!
Bei dem Wind hier kann ich mir echt schönere Lebensaufgaben vorstellen!
Das Museum ist übrigens nur mäßig interessant.
Das Top-Exponat ist aus unserer subjektiven Sicht eine tätowierte Mumie.
In der Stadt Nasca steuern wir die zwei Hostals an, die Camping anbieten. Beide liegen am Flughafen, von wo die Flugzeuge im 5 bis 10 Minuten Takt zu den Nasca Lines aufsteigen und verlangen unglaubliche 20 Soles pro Person fürs Zelten. Wir haben schon für 10 Soles pP Hotelzimmer in diesem Land gehabt. Da wir uns eh keinen Flug für mehr als 100 Dollar pro Person leisten wollen, überlegen wir, ob wir nicht direkt weiter fahren sollen. Aber heute fehlt uns der Kampfgeist und so bauen wir unser Zelt in den Garten der Maison Swisse (oder so ähnlich).
Sobald das Zelt steht, schwingen wir uns wieder in die Sättel und fahren nach Süden aus der Stadt raus. Nach ein paar Kilometern weist ein großes Schild nach links zur Necropolis de Cauchilla.

Eine Sandpiste führt uns an einem coolen Friedhof vorbei bis wir nach ca. 8 km an der Ausgrabungsstätte von Cauchilla ankommen (S14°58.996 W074°55.670).

Auf den ersten Blick beeindruckt uns das Areal nicht allzusehr. Starker Wind weht uns Sand ins Gesicht. Überall sind einfache auf Stelzen stehende Dächer zu sehen und ein winziges Gebäude, das als Museum bezeichnet ist.
Nach ein paar Minuten sind wir jedoch begeistert: unter all diesen Dächern befinden sich freigelegte Gräber, in denen gut erhaltene Mumien sitzen – alles in allem bestimmt 40 Stück! Keine Glaswand oder sonst etwas schütz die Artefakte. Wenn man wollte, könnte man die Absperseile hochheben und sich zu den Mumien in die Grube setzen. Archälogie zum (beinahe) Anfassen. Zwischen den einzelnen Grabungsstätten, die durch einen Weg verbunden sind, liegen überall Gebeine im Sand, denn bevor die Wissenschaft hier loslegte wurde dieser Friedhof von Grabräubern entdeckt und geplündert. Ein spannender Ort mit einer ganz eigenen Atmosphäre. „Unbedingt anschauen“ ist unser Urteil.

Auch wenn die Piste keine Passagen mit tiefem Sand hat, so tun wir uns doch mit dem Fahren schwer. Natürlich haben wir dafür die falschen Reifen und sogar den falschen Luftdruck, aber in erst Linie liegt es wohl an der mangelnden Übung Ich nutze die Rückfahrt und fahre testweise mal im Stand. Kostet ein bißchen Überwindung bei dem Untergrund, geht aber schon nach wenigen Sekunden deutlich besser, als im Sitzen.
Leider muß ich nach wenigen Minuten feststellen, daß ich entweder vollkommen verkümmerte Oberschenkelmuskeln habe oder technisch noch etwas falsch mache, denn meine Beine werden schnell zittrig und müde. Da bin ich froh, nach meinem erfolgreichen Experiment mal ein kleines Päuschen machen zu dürfen, während Simon Fotos schießt.
Auf HUBB (einem der zwei internationalen Motorrad-Reise-Foren) gibt es eine Diskussion über die schönste Motorrad-Strecke in Südamerika. Keine wird dabei so oft genannt, wie die 2-Tages-Tour von Nasca nach Cuzco.
Entsprechend hoch sind unsere Erwartungen, als wir am nächten Tag aufbrechen.
Die unverschämten 40 Soles für das Camping haben wir übrigens nicht gezahlt, sondern kurzerhand den Preis auf die Hälfte gekürzt, weil es weder Heißwasser noch WIFI gab. Eigentlich immer noch viel zu viel. Wir hätten, wie wir das schon öfter gemacht haben, einfach abends irgendwo in der Wüste zelten sollen. Das wäre kein bißchen unkomfortabler gewesen und hätte unser Reisebudget geschont.

Der Anfang der legendären Nasca-Cuzco-Strecke ist jedenfalls schon mal ne Wucht: die Straße windet sich durch ein Wüsten-Gebierge in die Höhe.
Solche Landschaften liebe ich!

Hinten links auf diesem Bild kann man übrigens die höchste Sanddüne der Welt erkennen: Cerro Blanco (2078m)

Die insgesamt ca. 650 km lange Strecke ist abwechslungsreich und bietet ganz verschiedene Landschaften. Das Wüstengebierge wird von einem Hochplateau abgelöst. Wir fahren für rund zwei Stunden auf ca. 4.500 Meter Höhe und sehen viele Lagunen und vor überall Lama-Herden und deren wilde Verwandte grasen. Es ist ziemlich frisch (ca. 5 Grad) und ich bin mit meiner Zunfthose heute definitiv falsch angezogen, aber mal wieder zu stur, anzuhalten, die Gepäckrolle aufzumachen und meine warme Motorrad-Hose rauszuholen. Bei soviel Schönheit macht die Kälte einem eh weniger aus.

Kurz vor Sonnenuntergang geht es dann in ein enges Flußtal runter und wir haben etwas Probleme, hier eine Stelle zum wild campen zu finden. Leider haucht an diesem Abend auch noch unser Benzinkocher endgültig sein Leben aus. Trotz mehrmaligem Zerlegen und akribischem Reinigen bleibt die Brennleistung vollkommen unzureichend und wir kriechen frustriert und hungrig in unsere Schlafsäcke.

Auch am zweiten Tag folgen wir dem schönen Flußtal noch für lange Zeit.

Danach heißt es sich dann wieder über Kurven, Kurven und nochmehr Kurven in die Höhe zu schrauben.
Auch heute ist es wieder den ganzen Tag ziemlich frisch. Dennoch haben wir Glück, denn wir überwinden den Paß wenigstens schneefrei. Freunde von uns müssen ihn am nächsten Tag bei dichtem Schneetreiben passieren.

Cuzco ist die größte Stadt in der Nähe des Heiligen Tals (sacred valley) und der bekanntesten Touristen-Attraktion von ganz Südamerika: Machu Picchu.
Im Jahresdurchschnitt besuchen 2.500 Touristen pro Tag die Ruinen. Da jetzt auch noch Hauptsaisson ist, kann man sich ausrechnen, wieviel mehr es sind. Und fast alle nehmen früher oder später mal Quartier in Cuzco. Es könnten gut und gerne 10.000 Touris sein, die sich hier gleichzeitig aufhalten. Entsprechend ist die ganze Stadt ausgerichtet: mega-touristisch! Inklusive des von mir gehassten Effekts, daß man keinen Schritt tun kann, ohne daß man aufdringlich von jemanden angesprochen wird, der einem eine Tour, ein Restaurant, eine „gratis“ Massage, Koks, oder sonst was verkaufen will. Meine Toleranz für diese Schmeißfliegen ist nahe null und meine Laune geht dann immer schnell in den Sturzflug.

Erstmal sitzen wir aber einem lustigen Mißverständnis auf: Als gute Kölner ist es für uns kein ungewohnter Anblick überall Regenbogen-Fahnen flattern zu sehen. In Köln, Europa und Nordamerika hat die Fahne eine eindeutige Bedeutung: es ist ein Homosexuellen-Erkennungszeichen. Und so ist unsere Interpretation entsprechend, als wir in diese Stadt einfahren und ein MEER von Regenbogen-Fahnen im Wind flattern sehen: offentsichtlich ist hier eine GAY-Hochburg und dieses Wochenende rüstet die Stadt vermutlich für den Christopher-Street-Day!
Daß das Leben in Köln uns nicht pefekt auf die Welt da draußen vorbereitet hat, mußten wir schon mal ziemlich drastisch des nachts nördlich des Central Parks in New York (Harlem) feststellen und auch diesmal liegen wir wieder kräftig daneben: es ist die „National“-Fahne des lokalen Indio-Stamms.

Warum wir uns Cuzco überhaupt antun? Zum Einen wollen wir hier noch einige Informationen sammeln bezüglich Machu Picchu. Dort hin zu kommen ohne ein Vermögen auszugeben ist nämlich nicht leicht. Zum anderen wollen wir unbedingt ein, zwei Bierchen in der legendären Norton Rat´s Tavern trinken – einer Kultkneipe für Motorrad-Reisende, in der sich neben Hunderten von „normalen“ Motorrad-Reisenden auch schon Motorrad-Reise-Buch-Legenden wie Lois Price und Erik Peters besoffen haben.
Als wir abends mit Michael und Tanja dem Etablissement einen Besuch abstatten, ist es, wie wir es erwartet haben: eine nett gemachte Kneipe, die zugepflastert ist mit Motorrad-Aufklebern und Biker-T-Shirts und doch scheinen Simon und ich die einzigen Motorradfahrer zu sein in dieser von Backpackern und Expats bevölkerten British Bar.
Unseren Eintrag im Gästebuch für Motorrad-Reisende machen wir trotzdem mit einem gewissen Stolz und die Eingangstür ziert nun natürlich ein
Krad-Vagabunden-Sticker.
Wettermäßig haben wir es ziemlich scheiße getroffen: es schüttet non-stop. Da wir auch noch oberhalb der Stadt auf 3.600 zelten und es dort arsch kalt ist, wundert es mich anfangs nicht, daß ich friere. Irgendwann setzt dann aber auch noch Fieber ein und ich bekomme schlimmen Durchfall. Fuck! Nicht jetzt! Nicht hier! Es sind immer die selben Gedanken, die man in solchen Momenten hat. Als es am zweiten Tag noch nicht besser ist, beschließen wir in ein Hostal in die Stadt umzuziehen. In so einem erbärmlichen Zustand im Zelt zu liegen und jedesmal durch die Kälte und den Regen aufs Campingplatz-Klo rennen zu müssen, ist kein Spaß. In meinem Zustand Zelt abbauen und Karren aufrödeln ist allerdings auch kein Spaß. Mit zittrigen Beinen steige ich dann endlich auf´s Krad und fahre unsicher über die nasse Wiese.
Dank eines Tips unseres Freundes Adam finden wir ein einfaches aber bezahlbares Hostal in dieser ansonsten nicht gerade billigen Stadt. Es ist sogar kein Stück teurer als der Campingplatz, der 2 km außerhalb und vor allem einige Hundert Meter oberhalb der Stadt lag. Natürlich sind auch hier die Zimmer nicht beheizt und es gibt nur Gemeinschaftsklos im Hof – aber es ist dennoch eine Verbesserung zum zelten!

Die nächsten Tage verbringe ich mit Fieber und in erbärmlichen Zustand unter einem Berg von Decken und Schlafsäcken und werde von der weltbesten Krankenschwester gepflegt. In solchen Momenten denke ich oft an unsere alleine reisenden Freunde und wie scheiße es für die sein muß, wenn sie krank sind und keiner da ist, der ihnen dann helfen kann.
So langsam geht es zwar aufwärts, aber der schlimme Durchfall wird und wird nicht besser. Am fünften Tag gehe ich zum Doc, der mir aufgrund der Laborwerte Salmonellen und dazu noch eine Darmentzündung diagnostiziert! Jackpot!
Antibiotika und diverse andere Sachen muß ich schlucken und was ich am schlimmsten finde: noch mindestens eine Woche praktisch nicht viel anderes als Suppe essen. Und dann darf ich ganz langsam anfangen, mich wieder mit fester Nahrung anzufreunden. Alk ist natürlich erstmal verboten. Meine Laune ist im Keller. Wie soll ich so denn wieder zu Kräften kommen, um unter diesen nicht eben leichten Bedingungen Krad fahren zu können? Da ist wohl Abenteuer light für die nächsten zwei Wochen angesagt...
Jeder Gang durch die Stadt wird zum Spießrutenlauf für mich. Diese zig Tausend Touris wollen ja alle essen und trinken und so durftet es aus jedem zweiten Hauseingang gleichermaßen
verführerisch und verboten. Hinter jedem dritten Fenster erblicke ich einen Schankraum, in dem Menschen unbeschwert Bier trinken. Hölle! Ich versuche mich darauf zu konzentrieren, einen neuen Kocher
aufzutreiben und nicht an all die Versuchungen zu denken. Die Aufgabe entpuppt sich in jeder Beziehung als schwierig: in Cuzco gibt es zwar mehr Outdoor-Shops als in ganz Mittelamerika zusammen, aber
die darf man sich in Sachen Sortiment nicht wie einen deutschen Laden vorstellen. Von den ca. 30 Shops haben genau 29 den gleichen Gas-Kartuschen-Kocher und sonst nichts. Der 30te hat dann zusätzlich
noch einen einzigen MSR Wispherlight im Angebot – zu Importpreisen versteht sich. Aber wer keinen Wahl hat, dem fällt die Entscheidung leicht. Ich handel das Teil noch ein bißchen runter und dann
sind wir Besitzer eines neuen Kochers – des dritten auf dieser Reise! Nun haben wir das ganze Sortiment von MSR unfreiwillig durch: EXP, Dragonfly und nun auch noch Wisperlight! Das ist weit entfernt
von dem, was ich mir vor der Reise gedacht hatte: zum Einen hatte ich erwartet, daß der Benzinkocher ewig hält und zum Anderen hatten wir uns extra einen MSR gekauft, da wir dachten, für den würden
wir weltweit Ersatzteile bekommen. Am Arsch! Zum zweiten mal haben wir uns einen neuen Kocher kaufen müssen, weil keine Ersatzteile zu bekommen waren! Und der Kocher ist einfach ein unverzichtbares
Ausrüstungsteil. Beim wild campen, das wir gerade hier in Peru oft und gerne praktizieren geht nichts ohne.

Da schon vor meinem Gang zum Doc abzusehen war, daß wir hier nicht allzubald wieder wegkommen, war die Gelegenheit günstig für Simon nochmal eine Woche Sprachschule zu machen.
Die Arme hat wieder das große Los gezogen: morgens Sprachschule, dannach an den meisten Tagen noch Zahnarzt-Besuche und der quengelige Panny will ja zumindest in der ersten schlimmen Phase auch noch umsorgt werden. Und Hausaufgaben muß sie auch noch jeden Tag machen.
Da bleibt kaum Zeit, sich die Stadt mal anzuschauen. Die nachfolgenden Fotos von einem Karnevalsumzug (bei starkem Regen) sind eher zufällig entstanden.

Als es mir dann so langsam besser geht, machen wir zusammen Spaziergänge.
Der „Convento San Francisco“ ist die 5 Soles Eintritt wert. Ein kleiner buckeliger Mann mit starker Persönlichkeit und hohem Unterhaltswert führt uns und ein brasilianisches Pärchen durch den Konvent und weiß trotz Sprachbarriere mit viel Witz zu unterhalten.
Am Ende der Tour verändert sich dann jedoch seine Haltung: er „bittet“ ziemlich nachdrücklich um Trinkgeld. So glauben wir vier zumindest und angesichts seiner wirklich guten Präsentation bin ich sogar bereit ihn zu belohnen. Die 2 Soles-Münze lehnt er jedoch empört ab und FORDERT frech von jedem von uns mindestens ein Trinkgeld in Höhe des Eintrittspreises. Wir stehen alle Mann mit offenem Mund da angesichts einer solchen Unverschämtheit. Nach dem ersten Schreck fällt uns dann die Entscheidung leicht: keiner gibt ihm auch nur einen Centavo! Gieriger alter Sack!
Das war kein erfreuliches Erlebnis.
Hier geht unsere Geschichte weiter: 40 Tage harte Arbeit