Peru 4: Lima - Ende Juni 2011

Wenn wir nicht so viel in Lima zu erledigen hätten, wären wir dort nicht hingefahren. Alleine daß wir unsere mühsam erworbene Höhengewöhnung durch diesen Ausflug auf Meeresniveau aufgeben und anschließend wieder neu erringen müssen, wäre schon ein starkes Argument dagegen.

Aber wie gesagt: wir haben einiges dort zu erledigen.

 

 

Wir bleiben notgedrungen 6 Tage in der Hauptstadt Perus, die sich zu dieser Jahreszeit grau in grau zeigt. Man kommt sich vom Tageslicht her wie an einem Novembertag in Deutschland vor. Vielleicht habe ich mich für Lima deshalb nie so richtig erwärmen können.

Der Start ist aus pragmatischer Sicht schon mal gar nicht so schlecht: während wir uns noch durch den Großstadtverkehr in Richtung des Hostal-Viertels Miraflores quälen, erblicken wir einen Honda-Dealer. Der Lenkkopflager-Wechsel in Cali hat sich als böser Pfusch entpuppt: der Mechaniker hatte seine schlechte Arbeit betrügerisch unter viel Lagerfett verborgen und mittlerweile hat das neue Lenkkopflager mehr Spiel als das alte, bevor es ausgetauscht wurde. Ich hoffe, man kann es einfach etwas nachziehen. Zu meiner großen Überraschung geht der Honda-Meister die Sache nicht, wie erhofft, mit einem Haken-Schlüssel an, sondern genau so, wie es jeder Hinterhof-Schlosser machen würden: mit Hammer und Schraubendreher wird die Mutter weitergeschlagen, bis die Gängigkeit des Lagers paßt.

Ölfilter für den Ölwechsel, den wir wie immer selber machen wollen, haben sie zwar nicht auf Lager, aber immerhin kann ich sie für den nächsten Tag bestellen.

Wir wollen gerade zufrieden mit unserem glücklichen Auftakt auf die Motorräder steigen, als uns ein Typ anspricht. Er entpuppt sich als Mitglied der Moto Viajeros, eines Motorrad-Reise-Clubs, deren Präsi Ivan uns für einen kleinen Vortrag auf ihrem wöchentlichen Clubabend eingeladen hat. Eben der taucht dann prompt auch noch auf und wir schwätzen locker ne Stunde vor dem Laden, bis wir uns aufmachen, uns ein Quartier zu suchen. Ivan verspricht, uns abends zum Club-Treffen abzuholen und bis dahin auch noch unsere neuen Hinterreifen zu organisieren. Wir sind begeistert. Das läuft ja super.

Der erste Dämpfer ist dann die Hotelsuche. Das einzige erschwingliche Hostal mit Motorrad-Parkplatz ist ausgebucht und so enden wir nach einigem hin und her endlich mit einer suboptimalen Lösung, bei der unserer Motorräder 600 Meter entfernt von unserem Hostal parken. Da wir viel mit ihnen fahren müssen + dran schrauben wollen, ist das nervig.

 

Der Clubabend findet abwechselnd bei Mitgliedern zu Hause statt und das zu Hause, das wir den Abend betreten verschlägt uns die Sprache: auch ohne Ausbildung als Immobilienmarkler sehen wir sofort, daß das Ding selbst wenn es in der ländlichen Eifel stünde, viele Millionen kosten würde. Trotz allem Reichtum ist der Mann arm wie eine Kirchenmaus in Sachen BIER! Es ist ihm sichtlich peinlich, unser Wunschgetränk nicht vorrätig zu haben und schnell wird ein Bediensteter ausgeschickt, um ordentlich Pilsener für uns zu organisieren. Das könnte mir dauerhaft gefallen:-)

 

Daß alle Mitglieder des Clubs SEHR gut verdienen, ist offensichtlich und macht uns in unseren abgewetzten verdreckten Vagabunden-Klamotten ein bißchen befangen. Dabei sind alle sehr nett zu uns und dank überdurschschnittlichem Bildungsniveau sprechen angenehmerweise alle fleißend Englisch.

 

Ein netter außergewöhnlicher Abend auch wenn mein „Dia“-Vortrag ziemlich unter der südamerikanisch-chaotischen Agenda leidet. Unter anderem vereinbaren wir am übernächsten Tag (Freitag) um 5.00 Uhr morgens (!) mit dem Club zu einer drei-Tage-Ausfahrt durch die Berge aufzubrechen. Was für eine geile Gelegenheit! Darauf freuen wir uns sehr!

 

Leider wird daraus nichts: Simon hat mittags mal wieder Ceviche (rohen Fisch) gegessen und der scheint sich nicht mit der Pizza am Abend vertragen zu haben. So zumindest erklärt es unser engagierter Wirt mit Händen und Füßen. Endergebnis und Siegerehrung ist auf alle Fälle: Simon liegt mit Magenschmerzen und Kotzerei flach und wir müssen die Teilnahme an der Ausfahrt zu unser beider großen Enttäsuchung absagen.

 

Apopos Enttäuschung: Entweder haben wir hier mal wieder einen krassen Fall von Kulturunterschieden oder Ivan ist einfach nur ein total unzuverlässiger Typ. Der Tag vor der Tour ist der nunmehr dritte Tag, an dem wir von Ivan keine Erfolgsmeldung in Sachen Reifen erhalten. Dabei war eigentlich schon alles en detail geregelt. Als er Freitags morgens immer noch nicht auf unsere Nachfragen geantwortet hat, geben wir auf. Ivan sitzt nun bestimmt auf dem Motorrrad und hat uns schlicht und einfach hängen lassen. Ich bin voll angepißt! Uns bleibt nichts anderes übrig als an Tag vier unseres Lima-Aufenthaltes die Sache endlich selbst in die Hand zu nehmen.

Wenigstens wissen wir dank Ivans Vorarbeit, wo wir unserern Wunschreifen überhaupt nur bekommen könnten. Ein nicht zu unterschätzender Vorteil, denn in Lima ZWEI passende Enduro-Reifen aufzutreiben scheint ungefähr so einfach zu sein wie in der Kanadischen Wildnis.

Zum Glück klappt die Verständigung mit der Metzler-Generalvertretung und wir erfahren, daß unser Schlappen aus einer Niederlassung im Amazonasgebiet nach Lima geschickt werden müßten.

Dafür müssen wir nun zuerst eine Filiale der Hausbank des Reifenhändlers finden, dort bar den Kauf- und Transportpreis bezahlen. Als nächstes müssen wir einen Shop suchen, der uns den Bank-Einzahlungsbeleg einscannen kann, den wir dann dem Reifenhändler per eMail zuschicken müssen und dann erst wird er die Reifen an uns auf den Weg schickt.

In Lima geht mir diese typisch mittel- und südamerikanische Mentalität nochmal richtig auf den Sack! Dieses nicht voran machen und chaotisch sein, hab ich weitgehend gelassen zu ertragen gelernt. Aber vielleicht liegt es daran, daß ich durch Ivans „Vorarbeit“ schon reichlich genervt bin: der Reifenhändler läßt sich jedenfalls 24 Stunden Zeit, bevor er die Reifen endlich losschickt. Und das geschieht dann auch nicht, wie versprochen per Linienbus (weit verbreitetes Verfahren in Südamerika), sondern per Flugzeug, so daß wir vor dem Dilemma stehen, wie wir an einem Sonntag in der „Cargo City“ des Flughafens an unsere Reifen kommen sollen. Alleine das wäre eine laaaange Geschichte. Der Spaß kostet uns summa sumarum einen nervenaufraubenden halben Tag!

 

Wie eingangs erwähnt, haben wir wie so oft eine ewig lange To-Do-List, von der wir in Lima zum Glück ordentlich was abgearbeitet bekommen: (bezahlbares) 10W40-Öl zu bekommen ist wie immer eine Suche nach der Nadel im Heuhaufen, aber in diesem Punkt bin ich kompromißloser denn je, denn unserer Motorräder werden in den nächsten Monaten extreme Temperatur-Unterschiede abdecken müssen: nachts bis zu 15 Grad Minus (und entsprechende Start-Temperaturen am Morgen) und in die andere Richtung über 40 Grad plus, wenn es durch Wüsten und andere heiße Regionen geht. Und all das soll ein und das selbe Öl leisten.

Ne Plastikschüssel als Auffanggefäß gibt es für wenige Cent auf dem Markt und das Altöl verschenken wir nachdem wir den Ölwechsel auf der Straße gemacht haben an den Fahrer eines alten Pickup, bei dem wir nicht sicher sind, ob er es wegschütten oder wiederverwenden wird.

Simon hat ihren vierteljährigen Zahnarzt-Pflicht-Termin und wir beantragen für uns beide ZWEIT-Pässe bei der deutschen Botschaft! Da hatten wir schon per eMail einiges an Vorarbeit geleistet, denn Zweit-Reisepässe zu bekommen, ist nicht so einfach. Ganz zu schweigen von dem deutlich aufwendigeren und vor allem natürlich auch teureren Verfahren, wenn man Reisepässe im Ausland beantragt.

An dieser Stelle muß ich die Paßstelle der deutschen Botschaft in Lima, namentlich Fr. Waeltermann de Gomez, ganz doll loben: die Frau ist zum Einen super nett und hilfbereit, zum Anderen arbeitet sie perfekt. Ich wähle dieses Wort „perfekt“ mit Bedacht: es gab nichts, aber auch wirklich gar nichts auszusetzen oder zu verbessern an dem kompletten (langen) Prozess. Schnelle eMail-Antworten, 100% Transparenz wie was funktioniert und was jedes Extra (und derer gab es einige) kostet. Selbst unser Wunsch, daß wir die neuen Pässe gerne in Paraguay im Herbst abholen wollen, war kein Problem für sie, obwohl ich mittlerweile verstehe, daß die Erfüllung gar nicht mal so 08/15 ist. Wir verlassen die Botschaft sehr zufrieden – allerdings auch um 161 EUR pro Person ärmer.

Wer mehr zur Beantragung von Pässen im Ausland, zum „dicken“ Reisepaß oder darüber wissen möchte, unter welchen Bedingungen man Anrecht auf einen zweiten Reisepaß hat, der kann dies hier nachlesen: Bürokratie - Reisepaß-Besonderheiten

 

Auch wenn unser Lima-Aufenthalt in erster Linie von der Abarbeitung unserer To-Do-Liste dominiert wird, so verbringen wir doch auch einige schöne Stunden mit Freunden.

 

Michael und Tanja sind auch in der Stadt und wir treffen uns ein paar mal mit den beiden. Was wir da auf dem Foto hochhalten ist übrigens Pisco Sour (Pisco ist ein einheimischer Trauben-Schnapps, der mit geschlagenes Eiweiß, Zucker(sirup) und Limonensaft gemixt wird). Den gibt es (fast) überall und er ist saulecker!

 

„Leider“ ist auch James in der Stadt. Natürlich freuen wir uns, daß er hier ist. Das „leider“ ist den Umständen geschuldet: es stellt sich heraus, daß die CDI seiner Super-Tenere beim schweißen ruiniert wurde. Der Schweißer behauptet zwar, sie abgeklemmt zu haben, aber am Schaden läßt sich nicht deuteln. Eine neue wäre selbst zu Hause praktisch nicht zu bekommen und da James eh reisemüde und gleichzeitig liebeskrank ist (seine frische Liebe wartet sehnsuchtsvoll in Dublin auf ihn), beschließt er, die Reise vorzeitig abzubrechen und die kranke Super-Tenere nach Hause zu verschiffen. Dort wird es ihm als Hubschrauber-Elektriker ein leichtes sein, die alte CDI zu reparieren und damit das hass-geliebte Motorrad vor dem Verschrotten/Ausschlachten zu retten.


Zum Einen leiden wir natürlich mit unserem Freund James, zum Anderen sind Nachrichten über Motorrad-(Total)-Schäden, Unfälle, schlimme Krankheiten und ähnliches immer etwas, das man als Motorrad-Globetrotter nur ungern hört und am liebsten verdrängen möchte. Wenn man so was aus nächster Nähe miterlebt oder über Freunde berichtet bekommt, bleibt immer für einige Zeit ein schaler Geschmack zurück.

 

Okay, in James Fall lag der schale Geschmack zugegebenermaßen auch an weit mehr als einem Bier zu viel in unserer letzten Nacht.

Aber getreu Eriks Motto: große Probleme löst man dadurch, daß man sich in der nächstbesten Kneipe betrinkt, trifft James zu später Stunden in dieser Nacht einen Typen, der ihm letztendlich die Karre zu einem super fairen Preis und mit erstklassigem Service nach Irland verschifft.

 

Am letzten Abend in Lima ruft zu unserer Überraschung nochmal Ivan an. Daß er uns mit den Reifen so schmählich hat hängen lassen, ist für ihn kein großes Ding. Er ist wie immer super nett, gibt uns viele Tips für die Weiterreise und verspricht, uns kurzfristig mehrere erstklassige Kontakte für die Weiterreise zuzuschicken.


Aber Worte sind Worte und Taten sind Taten: ich schreibe diesen Bericht knapp zwei Wochen später und bis heute haben wir die versprochenen Infos und Kontakte nicht erhalten und ich rechne auch nicht mehr damit. Typisch südamerikanisch oder einfach nur ein einzelner Dummschwätzer, auf den man sich partout nicht verlassen kann? Ich neige zu letzterem und hoffe auf noch einige positive Erfahrungen in Südamerika, wo wir uns ja immerhin noch rund rund 7 Monate aufhalten werden.


 

hier geht unsere Geschichte weiter: Peru 5: Nasca, Cuzco