Peru 3: Cordillera Blanca - Juni 2011

Die Cordillera Blanca ist Bergweld auf absolutem Weltklasse-Niveau: über 600 (!) Gletscher und alleine 21 Gipfel von über 6.000 Meter sorgen für ein Panorama, das zuweilen zu schön erscheint, um wahr zu sein.

In Caraz genießen wir von der Dachterasse des Hostal Los Pinas, in dessen Garten wir zelten, die ersten entspannten Ausblicke auf schneebedeckte Gipfel, die mit schneeweißen Wolken verschmilzen.
Unser erstes Ziel in der Cordillera Blanca ist die Laguna Llanganuco.
Als wir dort ankommen, erleben wir eine unangenehme Überraschung: der Tages-Eintritt beträgt zwar akzeptable 5 Sol (1,25 EUR), wenn man aber am See zelten möchte, muß man das Wochen-Ticket für 65 Soles kaufen (das entspricht dem Preis für 6 Hotel-Nächte!) - indiskutabel für uns.
Da es zudem schon 14.00 Uhr ist und man den Nationalpark mit Tagesticket schon um 15.30 verlassen muß, beschließen wir, den Besuch auf den nächsten Tag zu verschieben und uns lieber in der Nähe einen Platz zum wild zelten zu suchen.

Nur wenige Kilometer entfernt finden wir am Lago Keushu eine erstklassige Stelle! Einer der besten Camp-Spots, die wir auf der gesammten Reise hatten!
3.482 m,
S09°05.410 W077°41.957
Wenn wir den Blick schweifen lassen, sehen wir außer dem schimmernden Bergsee noch mehrere schneebedeckte Gipfel - darunter auch den höchsten der peruanischen Anden.
Das Foto wird dem Charme dieses Fleckchens bei Weitem nicht gerecht.

Zum Abendessen braten wir uns auf unserem Benzinkocher köstlichen Käse, der hier in Peru echt die Wucht ist – egal ob gebraten oder kalt.
In Sachen (bezahlbarer) leckerer Käse schlägt Peru alle Länder, durch die wir auf dieser Reise gekommen sind.
So schön die Atmosphäre, so lecker das Abendessen, so süffig der Rotwein an solch einem großartigen Ort ist, mit Einbruch der Dunkelheit wird es verdammt schnell verdammt kalt und wir flüchten uns ins Zelt, wo wir uns lesend aneinander kuscheln und dank Wein, vollem Bauch und muckeligen Temperaturen in unserem Doppelschlafsack mal wieder viel zu früh einpennen.

Am nächsten Morgen sind wir daher viel zu früh wach und alles ist noch mit Eis überzogen und steif gefroren, so daß an sofortigen Aufbruch nicht zu denken ist.

Sowohl die Laguna Llanganuco als auch die angrenzenden Gipfel sind wunderschön und doch sehen wir hier keine Stelle zum zelten, die es mit der unseren hätte aufnehmen können.

Huaraz ist die touristisch am stärksten entwickelte Stadt der Cordillera Blanca. Kein Ort in dieser Region, von dem man nicht auf mehr als einen schneebedeckten Gipfel blickt, aber in Huaraz ist die Aussicht besonders schön.
Wir mieten uns in ein Hostal ein und machen uns auf die Suche nach einem bestimmten Restaurant, das angeblich von einem englischen Motorrad-Fahrer geführt wird. Den wollen wir fragen, ob er einen Alu-Schweißer kennt, da eine von Simons Kisten eingerissen ist.
Tatsächlich finden wir den Typ nach einigem Suchen. Er kann uns zwar selbst überhaupt nicht weiterhelfen, schleppt uns aber kurzerhand zu einem High-Tech-Fahrrad-Laden in der Nähe und die Jungs haben dann tatsächlich eine Idee, wo ne Werkstatt sein könnte, die Alu schweißen kann. Naja, so ungefähr zumindest. Und so geht’s weiter. Irgendwann haben wir dann tatsächlich den Fachbetrieb gefunden und der Meister macht sich ohne viele Worte an die Arbeit. Das Ergebnis ist – sagen wir mal „okay“. Aber man muß halt nehmen, was man unter solchen Umständen resp. in solchen Dritte-Welt-Ländern bekommen kann. Wir sind nicht begeistert, aber zufrieden.

Direkt um die Ecke finden wir dann nach weiterem Durchfragen noch einen „Fachbetrieb“ für Bremsbelags-ERNEUERUNG. Nein, wir kaufen da keine neuen Bremsbeläge, wie man das in der Heimat machen würde, sondern wir geben die alten abgefahrenen Beläge ab und lassen sie, wie in solchen Ländern üblich, erneuern. Dazu wird der Rest des alten Bremsbelages (so denn überhaupt noch einer übrig ist) abgeschliffen und dann werden neue Reibflächen aus IRGENDWELCHEN Schrottteilen darauf genietet. Und ich meine wirklich aus IRGENDWELCHEN Schrottteilen. Da lagen alte Kupplungsscheiben rum und was weiß ich nicht noch alles. Die „neuen“ Reibflächen können sich gerade mal einen Millimeter abfahren, bevor die Nietklöpfe erreicht sind. Aber der Fachmann versichert uns, die seien ganz weich und würden der Bremsscheibe nicht schaden.
Wir werden sehen, wie gut diese Methode ist, die hier fast jeder nutzt und die nach dem, was ich von anderen Krad-Reisenden gehört habe, auch im mittleren Osten und in Asien weitverbreitet ist.
Als letzter Punkt auf unserer To-Do-Liste steht Hosen reparieren lassen. Nicht zum ersten mal. Das klappt diesmal aber leider nicht wirklich gut. Wir finden zwar mit nach der üblichen Frage-Odyssee einen Schneider, aber als wir am nächsten Tag zur verabredeten Zeit dort auftauchen, sind die Hosen nicht wie verabredet fertig. Was er uns zwei Stunden später dann übergibt, entspricht nicht meinen Erwartungen. Das ist Pfusch, wie ich ihn selber mit Nadel und Faden hinbekommen hätte. Als auch die „Nachbesserung“ kein Stück besser ist, geben wir auf. Wir sind eben auf einem südamerikanischen Markt und nicht bei der erstklassigen türkischen Näherin zu Hause um die Ecke.

Nach der Pflicht kommt die Kür: heute gibt es eine peruanische Spezialität für mich, auf die ich mich schon seit über einem Jahr freue: Meerschweinchen.
Aber wie das so mit Dingen ist, auf die man sich sehr lange gefreut hat – sie sind oftmals bei weitem nicht so toll, wie erträumt. Um genau zu sein: Mein (viertel) Meerschweinchen hat die Konsistenz von zähem Gummi und es ist nicht mehr Fleisch daran als an einer unterernährten Wachtel.
Egal: es gibt Erfahrungen, die muß man einfach selber machen, weil man sich sonst das ganze Leben ärgert, sie verpaßt zu haben. Nun weiß ich, wie Meerschweinchen schmeckt und muß sagen: das kommt mir kein zweites mal auf den Teller!

Kurz hinter Huaraz biegen wir wieder von der „Hauptstraße“ Richtung Osten ab. Diesmal ist unser Ziel Chavin de Húantar.
Erst geht es durch schönes Grasland, an dessen Horizont überall was wohl zu sehen ist? Richtig: schneebedeckte Berge!

Der Lago Querococha bringt uns schon in Versuchung, den Fahr-Tag vorzeitig zu beenden und dort wild zu zelten.
Aber zum Einen wären wir dort unweigerlich für jeden Vorbeifahrenden zu sehen, was wir grundsätzlich zu vermeiden suchen, zum Anderen ist es noch zu früh und es liegt noch zu viel Verlockendes vor uns.

Je weiter wir uns in die Berge hocharbeiten, desto mitreißender die Landschaft.

Auf 4.516 Meter geht es dann durch den „Tunel Kahuish“, der damit gleichzeitig der höchste Punkt dieser Etappe ist.
S09°41.357 W077°15.286
Ich muß mich ganz schön recken, um unseren Krad-Vagabunden-Aufkleber auf das Schild kleben zu können!

Der Abstieg nach Chavin de Húantar ist dann zwar schön, aber nicht gar so doll, wie der Aufstieg.
Chavin selbst ist uns zu überfüllt mit Touristen und Einheimischen (was an einem Fest liegen mag) und irgendwie haben wir plötzlich gar keine rechte Lust mehr, die Ruinen mit ihrem Tunnell-Labyrinth anzuschauen, weswegen wir eigentlich hierhin gefahren sind. Statt dessen zieht es uns wieder hoch zum Paß und in die faszinierend rauhe Berg-Welt.

Wir werfen auf dem Rückweg vorsichtige Blick in die aufgegebenen Kohle-Stollen entlang der Straße (die nichts mit den Ruinen/Tunneln in Chavin zu tun haben), trauen uns aber nicht rein, da wir angesichts des vielen durchfließenden Wassers große Zweifel an deren Stabilität haben.

Einige Kilometer hinter dem Paß entdecken wir einen einspurigen Track, der von der Straße abgeht. Einspuriger Track? Ein Trampelpfad halt. Aber immerhin breit genug für unsere Motor-Esel. An dessen Ende schlagen wir unser Zelt auf. Hier sind wir zwar theoretisch immer noch von der Straße zu sehen, aber zum Einen liegt die Stelle außerhalb des normalen Blickfeldes der Autofahrer, zum Anderen passen sich unserer Motorräder und unser Zelt perfekt in diese dunkelgrün-graue Welt ein, so daß wir uns keine Sorgen bezüglich unliebsamen Besuch machen.
4.167 Meter, S09°42.896 W077°18.801

Zurück auf der PanAm geht es schon nach wenigen Kilometern hinter Catac ins Pumapampa Tal.
Die Fahrt durch die Nevado Pastoruri wäre alleine schon den Abstecher wert: und es tut mir kein leid, aber es sind schon wieder SCHNEEBEDECKTE GIPFEL und eine großartige Landschaft, deren wir hier nicht müde werden.
Das könnt ich mir tagelang gefallen lassen!
Der eigentlich Grund für diesen Abstecher ist jedoch die bis zu 12 Meter hohe Puya Raimondi Pflanze, die hier wächst.
Kakteen-Landschaften, tiefe fief-blaue Seen und bräunlich schimmernde Wasserlöcher, aus denen munter massig Gas-Bläschen aufsteigen – es gibt immer wieder einen anderen Grund, anzuhalten und den Fotoapparat zu zücken.

Und weil es uns so gut gefällt, fahren wir den Dirt-Track einfach noch ein knappes Stündchen weiter und werden mit zwei tollen Gletschern belohnt. Bei 4.825 ist mit dem Motorrad Ende. Von dort kann man dann nur noch zu Fuß weiter zu einem der beiden Gletscher. Man soll zwar nur eine Stunde zu diesem im wahrsten Sinne des Wortes schneeweißen Bilderbuch-Gletscher brauchen, aber wir sind leider zu spät dran. Und um hier zelten zu dürfen, bräuchten wir wieder dieses überteuerte Wochen-Ticket. Die Enttäschung hält sich in Grenzen – zu üppig sind wir heute schon mit schönen Eindrücken beschenkt worden!
(Parkplatz Gletscher: S09°53.959 W077°11.125)

Hätten wir doch nur in Catac getankt. Wir hatten fest darauf gebaut, daß die letzte nennenswerte Ortschaft, bevor es an den langen Abstieg zur Küste runter geht, eine Tankstelle hat.
Statt dessen verkauft ein halbes Dutzend Tante-Emma-Läden Benzin aus dem Kanister. Wir halten vor einer dieser „Tankstelle“ und ein stockbesoffener Besitzer, der sich kaum auf den Beinen halten kann, kommt heraus. Hier tanken wir ganz sicher nicht, ist unser beider Gedanke! Bevor wir jedoch die Flucht ergreifen können, stürzt die hilfbereite Nachbarin heran und übernimmt rigoros das Geschäft. So kommt dann auch nochmal mein Tee-Sieb zum Einsatz, mit dem ich zumindest den gröbsten Dreck aus dem Benzin zu filtern hoffe. Da es dort oben derbe windig ist, geht gut ein halber Liter des teueren Naß über die Motorräder und den tee-sieb-haltenden Panny. Ich fluche so heftig, daß auch für die des Deutschen nicht mächtigen Peruaner kein Zweifel an meiner Stimmung besteht.

Die Abfahrt zur Küste runter ist ein nicht enden wollender Kurvenspaß!
Allerdings ist es in Sachen Höhenunterschied mal wieder eine Tour de Force: 4.100 Meter in zwei Stunden - da leiden nicht nur Wasserflaschen, die durch den Luftdruck-Unterschied brutal zusammengedrückt werden.
hier geht unsere Geschichte weiter: Peru 4: Lima