Peru 1: Kuelap - Juni 2011
Der Grenzübergang bei Macará soll angeblich der einfachste von den dreien sein. Tatsächlich läuft alles problemlos. Allerdings scheint dem Typ beim Zoll der Arzt geraten zu haben, schnelle Bewegungen zu unterlassen. Es dauert fast eine Stunde, bis wir fertig sind, obwohl es, wie gesagt, eigentlich keine Probleme gibt und die Prozedur im Vergleich zu Mittelamerika mal wieder ziemlich schlank ist. Während Simon versucht, den Mann daran zu hindern, beim Arbeiten einzuschlafen, werde ich von einem freundlichen ecuadorianischen Geschäftsmann über seine bösen peruanischen Nachbarn aufgeklärt. Er rät uns dringend davon ab, Nebenstraßen zu benutzen, da wir dort garantiert ausgeraubt würden. Wenn nicht schlimmeres! Und die nächste große Stadt (Sullana) sei die gefährlicheste von ganz Peru! Zum Beweis untermauert er die Behauptung mit einer persönlichen Geschichte.
Ich höre interessiert zu, ziehe in Gedanken 90% ab und komme zu dem Schluß, daß Peru kein Stück gefährlicher ist als seine Nachbarstaaten.
Was mich mehr bewegt, sind die Warnungen, die uns Rob und Christine am Vorabend mitgegeben haben: sie wären in keinem Land so oft von den Bullen kontrolliert worden wie in Peru. Und in keinem Land hätten diese so oft versucht, die Hand aufzuhalten, wie hier. Die beiden waren mächtig angepißt!

So ahne ich denn Böses, als wir schon nach 5 Minuten das erste mal von der Polizei gestoppt werden.
Zu unserer großen Verwunderung verlangt der Beamte nicht unserer Papiere, sondern schüttelt uns die Hand und begrüßt uns freundlich in Peru! Wow! Damit hatten wir nicht gerechnet!
Die Frage, ob wir einen Fotoapparat hätten, finden wir dann direkt wieder befremdlich. Aber wie sich herausstellt, will er ihn uns nicht abluchsen, sondern möchte gerne ein Erinnerungsfoto mit jedem von uns, das wir ihm doch bitte an seine eMail-Adresse zuschicken sollen.
Sollte der Typ gerade ein internes Verfahren wegen Korruption laufen haben und versuchen, mit diesen Fotos seinem Vorgesetzten seine Touristenfreundlichkeit zu beweisen? Während ich noch diesem sarkastischen Gedanken nachhänge, bringt ein zweiter Polizist zwei Becher mit Wasser für uns. Zum Schluß müssen wir noch jeder eine Packung Kekse mitnehmen – nur für den Fall, daß wir auf dem Weg bis zur nächsten Stadt Hunger bekommen. Simon wird dann gar noch mit Küßchen auf die Wange verabschiedet - gerade als wären wir alte Freunde, die nun leider weiterfahren müßten.
Das war nun wirklich die bei weitem netteste Begegenung mit Polizisten, die wir auf dieser Reise hatten!
Am nächsten Kontroll-Punkt hebt der Cop schon von weitem den Arm. Aber nein, er will uns gar nicht stoppen. Er hält ein Handy in der Hand und versucht uns zu fotografieren!
Am nächsten Tag salutiert gar ein Polizist als wir an ihm vorbeifahren!

Zumindest in einer Sache hatte der Ecuadorianer an der Grenze recht: Peru scheint bitter arm zu sein.
Viele „Häuser“ entlang der Panamerica sind aus Holz-Knüppeln gebaut.
Anfangs haben wir sie für Vieh-Gatter gehalten, aber offensichtlich leben Menschen in ihnen.

Später sehen wir ganze Siedlungen, wo die „Häuser“ nur aus Wänden aus Flechtmatten bestehen – oftmals ohne Dach und so winzig, daß ich bezweifel, daß ich mich darin überhaupt ausgestreckt hinlegen könnte. Krass!

Wir halten an einer „Cevicheria“: hier gibt es das peruanische Nationalgericht: Ceviche = rohen Fisch. Wir wollen den Salmonellen keine Chance geben und entscheiden uns für die frittierte Variante. Leider meint es die super nette Wirtin gut mit uns und spendiert uns einen Teller Ceviche zum probieren. Den können wir unmöglich ablehnen. Schmeckt sogar ziemlich lecker. Leider müssen wir bei jedem Bissen an den Schrauberprinz und an seinen Meeresfrüchte-Cocktail in Mexiko denken.

Die Strecke über Sullana bis Olmos ist heiß, trocken und ermüdend.
Landschaftlich fühlen wir uns an die Baja California erinnert.

Über 100 km lang kommt keine Tanke und so freuen wir uns doppelt, als wir kurz vor Sonnenuntergang endlich Olmos erreichen. Unsere Fremdsprachen-Beauftragte Simone macht sich wie immer daran, ein Hotel klar zu machen, während ich die Motorräder bewache. Schnell bin ich mal wieder von einem Dutzend Einheimischer umringt, die wie immer alles über die Motorräder wissen wollen. Daß keiner die Sprache des anderen spricht, ist bei solch einem Thema kein wirkliches Hinderniss

Morgens biegen wir dann sofort von der 1A nach Osten ab und halten auf das noch weit entfernte Chachapoyas zu. Schlagartig wird die Landschaft gefällig und das Motorradfahren ist mal wieder ein Vergnügen. Berglandschaft mit viel saftigem Grün und viele Reisfelder, von denen viele gerade mit Ochsengespannen gepflügt werden.

In einer etwas größeren Stadt machen wir Mittagspause: für kleines Geld holen wir uns im vegetarischen Restaurant zwei Take-Away-Menüs, die wir in Ruhe auf dem Place Central verspeisen wollen. Das war zumindest unser Plan. Ruckzuck sind wir von Massen von neugierigen lauten Schulkindern umgeben, die uns mit Fragen bombadieren und uns, unsere Sachen und unserer Motorräder befingern.. Es ist uns kaum noch möglich weiter zu essen, so dicht rückt uns die Bande auf die Pelle. Irgendwann gebe ich frustriert auf, flüchte auf die andere Straßenseite und knipse die Szene.
In Chachapoyas endet dann die Teerstraße – zumindest für uns. Die nächsten 30 km geht es auf einer erstklassigen Schotterpiste weiter, bis wir in Tingo sind, wo wir zu später Stunde ein Quartier finden. Eigentlich wollten wir es noch bis nach Kuelap hoch schaffen. Das müssen wir uns dann aber für den nächsten Tag aufheben.
Gute Entscheidung: Die 37 km Schotter-Piste hoch nach Kuelap wären im Dunkeln echt kein Vergnügen gewesen und wir hätten viel schöne Berg-Landschaft verpaßt! Alleine für all die tollen Ausblicke würde sich die Fahrt hier hoch lohnen.

Aber auch die Festungsruinen aus der Vor-Inka-Zeit sind sehenswert.
Die Anlage ist auf einem Bergrücken in 3.000 Meter Höhe gebaut worden.
Wir sind ergriffen, als wir den Blick 360 Grad über die umliegenden Berge und Täler wandern lassen.

Wir zögern kurz, ob wir es wagen sollen, am Rande des Hubschrauber-Landeplatzes beim Ticket-Büdchen der Ruinen zu zelten. Wir erinnern uns beide noch sehr lebhaft an eine Nacht in den Bergen oberhalb der französischen Cote d`Azur, als wir vom Lärm eines Hubschraubers geweckt wurden, der praktisch direkt vor unserem Zelt in der Luft schwebte. Wir waren dem Herzinfakt nahe! Am nächsten Morgen sahen wir dann, daß wir verbotenerweise in einem Naturschutzgebiet direkt neben einem Hubschrauberlandplatz gezeltet hatten.
Wir sind optimistisch, daß hier in Peru nachts keine Hubschrauber rumfliegen und schlagen unser Zelt auf. Den Abend verbringen wir mit Sylvia und Paul, zwei Deutschen, die mit einem fernreisetauglich umgebauten Bundeswehr-LKW unterwegs sind. Da die beiden schon seit mehreren Jahren in Südamerika unterwegs sind, können sie uns viele nützliche Tips geben. Bei einigen Fläschen Wein wird so manche Anekdote ausgetauscht und viel gelacht.

Es wird keine Minute langweilig auf dieser Etappe!
Das ist Motorrad-Reisen vom Feinsten!
Wir lieben Peru!

Teilweise haben wir, wie so oft in den letzten Wochen, mit dichtem Nebel zu kämpfen.
Da heißt es, sich vorsichtig um jede Kurve zu tasten und aufzupassen, daß man nicht aus Versehen in den Abgrund fährt.
Trotz frischer Temperaturen wird einem in solchen Momenten ziemlich warm unter der Jacke!

Die letzten Kilometer bis Celendin kommen wir dann sowohl im übertagenen als auch im eigentlichen Sinne nochmal richtig ins schwitzen.
Der Navi ist mal wieder nicht routingfähig und auf der Karte sieht es aus, als ob die letzten Kilometer fix gefahren wären. Von wegen! Es geht über endlose Serpentienen in ein brütend heißes Flußtal runter und auf der anderen Seite genauso mühsam wieder hoch. Seit Chachapoyas haben wir nur eine einzige altersschwache Tankstelle gesehen, bei der wir stark bezweifelten, daß sie überhaupt noch in Betrieb war. Die vielen Schotter-Berg-Pisten mit all den Kurven und den vielen Höhenmetern haben unserern Benzin-Verbrauch leider erheblich ansteigen lassen. Als wir erschreckend früh auf Reserve schalten müssen, sind wir noch weit von Celendin und damit von der nächsten Tankstelle entfernt. Eine schnelle Überschlagsrechnung ergibt, daß es verdammt eng werden wird. Natürlich wird es wie immer in solchen Situationen bald dunkel und zu allem Überfluß geht es die letzten 40 oder 50 km nur steil bergauf, so daß es immer unwahrscheinlicher wird, daß wir es mit unseren letzten Tropfen bis in die Stadt schaffen werden.

Aber wie so oft: wir haben Glück: ziemlich geschafft und total verdreckt rollen wir nach 310 km endlich vor die ersehnte Zapfsäule. Unter normalen Umständen wären wir bei der Kilometer-Zahl gerade mal auf Reserve gegangen. Diese Etappe hatten wir hinsichtlich ihrer Distanz total unterschätzt. Aufgrund unseres schlechten Kartenmaterials (sowohl GPS als auch Papier) waren wir von weniger als der Hälfte ausgegangen.

Am nächsten Tag geht es dann entspannter weiter: 25 km vor Cajamarca fängt der Teer wieder an.

Unsere liebste Mahlzei: am späten Vormittag oder gegen Mittag gibt es Frühstück. Hier in Peru bekommen wir ohne Probleme unsere bevorzugten Zutaten dafür und das in sehr guter Qualität und auch noch zu Preisen, die Spaß machen:
1 Kilo Tomaten: 1 Sol (0,25 EUR). Geschätzt 300 Gramm eines außergewöhnlich leckeren Käses: 5 Soles (1,25 EUR). 10 kleine Brötchen, die knusprig sind (und nicht weiche Pappe, wie oftmals in Mittelamerika): 1 Sol (0,25 EUR).
Das alles reicht locker für zwei Mahlzeiten.
Ach ja: diese billige köstliche Mahlzeit gibt es natürlich wie immer als Picknick mit unbezahlbarer Aussicht!

Daß wir einen kleinen Menschauflauf auslösen, das passierte auch in anderen Ländern in Mittel und Südamerika hin und wieder. Aber hier in Peru ist es doch anders: die Leute sind super nett und wenn erstmal das Eis gebrochen ist, gibt es immer wieder Szenen wie hier, wo dann JEDER mit uns für ein Handy-Foto possieren will.

In einem Moment fahren wir noch durch saftig grüne Felder und im nächsten sind wir in der für die Küste typischen Wüste angekommen.

Bei Pacasmayo treffen wir dann wieder auf die PanAm, die sonst oftmals nicht gerade die spannendste Straße ist, weil sie als DIE Fern- und Last-Verkehrs-Route natürlich besonders gut ausgebaut ist. Die 100 km bis zu unserem nächsten Ziel fahren wir sie aber ohne Langeweile. Stein- und Sandwüsten wechseln sich ab. Dazwischen immer mal wieder Ansammlungen riesiger Zelte wo Millionen von Hühnern gezüchtet werden. Der Gestank der zu uns herüberweht ist ekelerregend.
In Huanchaco gibt es noch immer Fischer, die mit ihren typischen Schilf-Bötchen rausfahren. Aber in erster Linie ist die Stadt zu einem hippen Badeort und einer Surfer-Hochburg geworden.
Für einen Tag finden wir das ganz nett, auch wenn wir auf dieser Reise bestimmt schon ein Dutzend mal in Surfer-“Mekkas“ waren.
hier geht unsere Geschichte weiter: Peru 2: Pato Canon