Ecuador Teil 2 - Anfang Juni 2011

Bei Lasso biegen wir von der Panamericana nach Westen ab und schwenken dann bei Sigchos nach Süden auf eine unbefestigte Straße.
Das ist die bisher beste Etappe in Südamerika!
Geile Strecke! Tolle Kanion-Landschaft!

Freilaufende Viehcher machen uns besonders hier in Ecuador zu schaffen. Kühe die einem mit unvermuteter Plötzlichkeit und Agilität vors Motorrad springen. Hühner, Esel, Schafe, Lamas und Schweine sind im besten Falle am Straßenrand angebunden, um dort fressen zu können. So kann sich der eine oder andere nicht gegen Simons Liebkosungen wehren oder wird von der Mutter Theresa der Tiere mit Leckerchen gefüttert, die außerhalb seiner Reichweite wachsen.
Vor allem freilaufende Hunde sind hier in Ecuador eine echte Plage! Selbst in Ost-Anatolien und Kurdistan wurden wir nicht so oft von Hunden attakiert wie hier. Wir sind zwar noch nicht gebissen worden, aber es nervt mich mächtig, daß ständig irgendwelche Hunde angeschossen kommen und man entweder voll in die Eisen gehen muß oder auf beschissenen Off-Road-Kurven-Strecken mehr Gas geben muß, als einem lieb ist, um den kläffenden Biestern zu entkommen. Ich HASSE diese Drecks-Köter, die übrigens nicht wild sind, sondern immer irgendwem gehören. Wilde Hunde gibt es hier natürlich auch reichlich. Aber die haben so oft von Menschen einstecken müssen, daß sie sich eigentlich immer total devot verhalten und keinen Ärger machen.

Auch hier allerorts Schäden aufgrund der Regenzeit. Wir kommen zweimal an Erdrutschen vorbei, die noch kurz zuvor die Straße komplett blockiert haben. Bagger arbeiten fleißig daran, auch die zweite Spur wieder freizubekommen.
An einer Stelle ist die Dirtroad noch nicht geräumt und wir müssen erstmal zu Fuß die Spur durch den Schlamm erkunden. „Zu schaffen“ ist unser Urteil und so geht die Fahrt weiter auf dieser spannenden Strecke.

Wir übernachten am Lago Quilotoa auf 3.850 Meter bei Temperaturen um den Gefrierpunkt.
Da der gestrige Tag so klasse war, dehnen wir unseren Abstecher noch ein bißchen aus und fahren in Richtung Quevedo weiter, anstatt den Loop über Zumbahua, Pujili und Latacunga zu beenden.
Wir sind überrascht, mit welchem Tempo wir in die Niederungen absteigen: 4.000 Meter in zwei Stunden ist mit Abstand unser persönlicher Rekord und sowohl für den Organismus als auch alle mit Flüssigkeiten gefüllten Flaschen und Kanister eine echte Herausforderung (der zunehmende Luftdruck drückt alles mit eiserner Faust zusammen). Es gibt vermutlich nicht allzu viele Orte auf der Welt, wo man so schnell so viel Höhe mit einem Motorrad verlieren kann!
Nachdem wir eine Stunde auf kaum mehr als Meeresniveau durch eine grüne Tiefebene gefahren sind, schwenken wir wieder zurück in die Berge.

Anfangs geht es auf einer Teerstraße beschaulich durch Reis-Felder, auf denen die Bauern im schlammigen Wasser stehen und pflanzen. Dann wird die Straße, die laut Simons Ecuador-Karte durchgängig geteert sein soll, zu einer nassen Drecks-Piste, die mit jedem Meter, den wir uns in die Berge hochkämpfen rauher wird. Das Kartenmaterial des Navis ist wie immer in diesen Breiten äußerst bescheiden, nicht routingfähig und reicht gerade mal, um die grobe Richtung zu halten. Da sind Improvisation, Erfahrung und auch eine ordentliche Portion Glück nötig, um so den Weg zu finden.
Mittlerweile ist es vier Uhr und wir hatten heute eigentlich mal vor, den Tag früh zu beenden, damit wir den Aufstieg am nächsten Tag genießen könnten. Aber es kommt, wie es kommen muß: unsere Zuversicht, auf der richtigen Straße zu sein, schwindet zusehends. Warum passiert das immer am späten Nachmittag? Ich könnte mich nicht erinnern, daß wir uns mal morgens verirrt hätten oder auf schlimmen Pisten VIEL langsamer voran gekommen wären, als geplant. Kurz vorm Abend ist das aber fatal. Natürlich gibt es hier keine Unterkünfte und da wir im Hochgebierge unterwegs sind, ist jedes Stückchen Land außer der Straße stark abschüssig: wild campen scheidet also aus. Ganz nebenbei haben wir in den letzten Tagen mehrere frische Geschichten von Freunden gehört, die überfallen oder beklaut wurden. Daß ich innerhalb von einer Stunde dreimal Einheimische mit Gewehren sehe, steigert unserer Vorfreude, hier im Dunkeln zu stranden, nicht gerade. Aber wir haben keine Wahl. Zum Umkehren ist es viel zu spät. Es gibt nur einen Weg: vorwärts und damit bergauf. Wir geben unseren Esel kräftig die Sporen und fordern ihnen deutlich mehr ab, als wir es sonst auf so einer Strecke täten. Daß wir fast 3.000 Höhenmeter auf einer Dirt Road mache, gibt eine Vorstellung vom Anspruch der Piste. Als wir entgegen aller Sorgen mit dem letzten Tageslicht wieder auf eine geteerte Straße kommen, strahlen zwei Krad-Vagabunden übers ganze Gesicht: wir haben es geschafft! Hätte mich vorab jemand gefragt, so hätte ich es für ausgeschlossen gehalten, daß wir auf einer solchen Buckelpiste in so kurzer Zeit einen solchen Höhenunterschied bewältigen können.
Der nächste Morgen fängt mit einem Tiefschlag an: Simons Bremshebel klemmt. Beim Ausdrehn der Schraube, die den Hebel hält, bricht ein Stück vom Guss-Gehäuse das Handbremszylinders ab! Ich kann es nicht fassen! Wie kann sowas passieren? Mit manchem Schaden hatte ich im Laufe der Reise gerechnet, aber ganz sicher nicht mit sowas. Bremsen geht auch so noch, aber mittelfristig muß das in Ordnung gebracht werden, weil jetzt der Hebel nicht mehr sauber gegen die Handbremspumpe drückt.
Nachdem der erste Frust verraucht ist, schwingen wir uns auf unsere Esel und setzen unseren Aufstieg fort. Die nächsten knapp 100 km sollen besonders schön sein.
Bevor wir dazu kommen, die Strecke genießen zu können, gibt es erstmal einen fetten Adrenalin-Schub: auf der Straße stehen wie so oft Rindviehcher. Ich fahre mit mindestens zwei Metern Abstand an einem jungen Bullen vorbei, der sich genau in dem Moment, in dem ich auf seiner Höhe bin, erschreckt und mit unglaublicher Schnelligkeit in meiner Richtung springt. Es kommt mir vor, als würde er mich nur um Zentimeter verfehlen. Daß wir beide böse Verletztungen im Falle eines Zusammenpralls davongetragen hätten, steht außer Frage. Alter Schwede, das war knapp!
Leider war das nicht die letzte Aufregung dieses Morgens. Wenige Kilometer später wird die Straße repariert: Die ganze Fahrbahn ist auf einigen Tausend Metern mit frischem zähflüssigen Bitumen überzogen. Fatalerweise steht die erste zudem kaum erkennbare Baustellenmarkierung erst WEIT hinter dem Beginn der Todesfalle für Motorrad-Fahrer. Ich weiß gar nicht, wie mir geschieht, als plötzlich mein Motorrad bei mindestens 60 km/h zu rutschen anfängt. Hölle! Die Karre geht ab wie auf Schmierseife und ich kämpfe verzweifelt darum, mich nicht abzulegen. Daß die Straße seitliches Gefälle hat und auch noch eine leichte Kurve beschreibt und ein tiefer Graben an ihrem Rand entlang läuft, macht die Sache nicht einfacher. Während mein Krad abwechselnd hinten und vorne auszubrechen droht, kommt die Absperrung zur Markierung der Baustelle unaufhaltsam näher. Alptraumhafte Sekunden, die wie in Zeitlupe ablaufen. Am Ende stehe ich zitternd im 45Grad-Winkel vor der Absperrung. Nur mit Mühe kriege ich mein Motorrad selbst im Stand wegen des Gefälles auf der glitschigen Bitumen-Pampe gehalten. Die letzten zwei Meter bis auf trockenen Teer dauern gefühlt ewig. Mein Herz klopft wild! Genauso wie bei dem geplatzten Hinterreifen neulich, hab ich auch diesmal wieder nicht daran geglaubt, es zu schaffen. Aber irgendwie wächst man dann doch über sich hinaus, wenn man muß.
Neben dem Schreck hat die Sache aber auch was gutes: es zeigt mir, daß ich doch ein bißchen besser Motorrad fahren kann, als ich es mir selber zugetraut hätte. Nichtsdestotrotz: es dürfte eine gehörige Portion Glück im Spiel gewesen sein, daß es mir mal wieder gelungen ist, die Karre nicht abzulegen.
Drei Aufregungen dieser Güte sind ein bißchen arg viel für einen Morgen! Ich fahre mit zittrigen Beinen weiter.

Aber schon wenige Minuten später weiß ich wieder, warum wir diese „Scheiße“ hier machen: die Straße windet sich bis auf 4.224 Meter hoch und führt durch eine faszinierende karge Hochgebiergslandschaft. Zum Vergleich: der höchste Paß der Alpen bringt es gerade mal auf 2.770 Meter.

Im Laufe unserer Reise durch die Anden werden wir wahrscheinlich noch rund 1.000 Meter höher kommen, aber für uns ist das hier jetzt schon ein ergreifender Moment und wir sind gleichermaßen stolz und glücklich und können uns gar nicht satt sehen an dem sich uns bietenden Bild.

Als dann die Wolkendecke aufreißt und den Blick auf den 6.310 Meter hohen Vulkan Chimborazo freigibt, hat sich der Tag endgültig für uns zu einem Gewinner-Tag gewandelt! YEAH!
Auch hier der Statistik-Vergleich mit den Alpen. Deren höchster Berg, der Mont Blanc ist 4.810 Meter hoch.
Bei Ambato kommen wir wieder auf die PanAm und suchen in der Stadt den Honda-Dealer. Ob die uns wohl weiterhelfen können? In Mittel- und Südamerika ist das nämlich so eine Sache: wer Honda verkauft, repariert nicht auch automatisch Honda-Motorräder. Andererseits muß im schlimmsten Fall das ganze Guss-Gehäuse bestellt werden und da kann uns am ehesten eine Honda-Vertretung helfen.
Aber wir haben Glück: die beiden Mechaniker sind super nett und engagiert. Klar könne man das schweißen lassen. Sie würden sich sofort dran geben und wir könnten das Motorrad morgen früh abholen. Wir sind erleichtert, wenn auch skeptisch. Zu schlecht ist meine Meinung bezüglich der häufig total unrealistischen Selbsteinschätzung der Fähigkeiten von südamerikanischen Motorrad-Mechanikern. Erst am Morgen habe ich gemerkt, daß der so kompetent wirkende Schrauber in Cali beim Austausch des Lenkkopflagers Pfusch gemacht hat: am oberen Lager klafft eine zwei bis drei Millimeter breite Lücke, in die nun munter Wasser eindringen und damit das neue Lager fix ruinieren kann. Der Lump hatte es offensichtlich nicht besser hinbekommen und das Manko mit viel Lagerfett überdeckt.
Am nächsten Morgen ist das Motorrad natürlich nicht zur verabredeten Zeit fertig. Wir nehmen es gelassen. Nach nunmehr 7 Monaten in Latein-Amerika sind wir an die Unverbindlichkeit von Terminen gewöhnt. Eine Stunde später ist es dann aber soweit: Sie haben sogar die Bremse, wie von mir verlangt, mit Dot4-Flüssigkeit befüllt (zumindest steht demonstrativ ein entsprechender Behälter neben dem Krad) und entlüftet.

Zu Simons Schrecken wurde ihr Esel auch noch gründlich gewaschen und mit fetten Honda-Aufklebern verschönert. Nicht nur Simons Kennzeichen erstrahlt nun in gänzlich ungewohntem Glanz! Hoffentlich läuft der Bock so noch zuverlässig! Schließlich glaube ich fest daran, daß ein Motorrad dreckig sein MUSS, damit es ordnungsgemäß funktioniert. Naja, ein klein bißchen hat der Dreck auch mit Stil zu tun!
Die Rechnung ist dann eine Sache, für die ich diese Region liebe: Insgesammt 17 USD fürs Schweißen in einer Fach-Werkstatt und geschätzt 3 Stunden Arbeit bei Honda.
In Deutschland hätte jeder Vertragshändler nur eine Lösung angeboten: das Guss-Gehäuse, das es natürlich nur mit allen „Klein“-Teilen wie Handbremspumpe, Federn und Dichtungen für schlappe 300 EUR gibt, zu ersetzen. Zuzüglich dann nochmal 3 Arbeitsstunden zu 70 EUR. Damit ist die Ecuador-Variante rund 500 EUR günstiger. Hoffentlich auch nachhaltig und fachmännisch.
Wir nehmen die „routa de las cascades“, die von nach Banjos nach Puyo für 60 km an einem Fluß entlang führt. Es gibt einige Seibahnen über die Schlucht und zig Wasserfälle, deren sehenswertester der „pailon del diablo“ ist.
Nachdem uns der Abstecher nach Westen neulich so gut gefallen hatte, versuchen wir es nun mal in die andere Richtung: nach Osten runter zum Amazonas Becken.

Tip: vor dem zweiten Tunnel nach Baños geht 10 Meter rechts neben dem Tunnel die alte Straße ab. Die ist in top Zustand (perfektes Kopfsteinpflaster) und verläuft am Rand der Schlucht. Da bekommt man viel mehr zu sehen, als wenn man die neuen geteerte Tunnel-Straße nimmt.
Insgesammt dreimal führt die alte Straße für einige Hundert Meter parallel zur neuen.

Je näher man Puyo kommt, desto mehr ändert sich der Charakter des Flusses, der anfangs noch durch einen engen Canion strömte und sich nun delta-ähnlich verbreitert und um viele kleine Inseln schlängelt.

Auf dem Rückweg campen wir kurz vor Rio Verde bei einer Lodge.
Aus Schaukel-Sitzen blicken wir genüßlich auf den weit unter uns fließenden Rio Pastaza. Hier könnten wir ewig sitzen bleiben!

Valcabamba ist unser letzter Abstecher in Ecuador: viele Jung-Hippies sieht man hier und auch den einen oder anderen uralten Langhaarigen. Unsere Nachbarn im Hostal sind eine bunte Mischung von Freaks. Unter anderem ein Pärchen, das auf der Flucht vor der Verstrahlung aus Japan ist und sich begeistert mit in Ecuador verschreibungsfrei erhältlichem kortisonhaltigem Hustensaft wegschießt. Leute gibt’s....

In Macará, dem letzten Ort vor der Grenze, treffen wir Rob und Christine, ein symphatisches australisches Pärchen.
Die beiden bereisen per BMW GS Adventure die Americas und sind in die andere Richtung (nach Norden) unterwegs.
Wir verbringen einen prächtigen Abend mit ihnen, brüten gemeinsam über Landkarten und tauschen mit Begeisterung Tips, Fremd-Währungs-Reste, Reiseführer und Landkarten aus.

Am nächsten Morgen wollen wir nochmal volltanken, da in Peru der Sprit mehr als doppelt so teuer ist. Doch so einfach ist das nicht: die erste Tankstelle ist „trocken“. An der zweiten regelt das Militär scheinbar die Abgabe. Da es ohnehin nur Diesel gibt, werden wir Richtung Grenze weitergewunken. Auch die nächste Tanke ist geschlossen. Aber die vierte hat dann endlich Benzin. Leiter hat sie auch zwei laaaange Schlangen. Wir reihen uns ein und beobachten die Prozedur. Auch hier stehen Soldaten mit Namens-(?)Listen an den Zapfsäulen. Uns kommen Zweifel, ob wir hier überhaupt was bekommen werden. Aber als wir dran sind, klappt es problemlos. Wir dürfen sogar unsere vier Benzinkanister a 5 Liter befüllen.
hier geht unsere Geschichte weiter: Peru 1: Kuelap