Chile/Argentinien 7 - Januar/Februar 2012

Bevor es zu unserer dreiwöchigen Argentinien-Abschieds-Tour geht, ist eine zweite Runde Tattoo-Termine in Santiago angesagt: die Krake und maritimes Allerlei bei Simon und bei mir mal wieder der Adler und noch einiges mehr: böse Bienen mit ner Bombe und nem passenden Schriftzug und ein Glücksschwein. Mehr zu letzterem im übernächsten (?) Kapitel, wenn sich Simon das gleiche Motiv auf den Unterarm stechen läßt!

Diesmal sind wir nicht bei Scott abgestiegen, sondern ins Hostal Moai gegangen.
Nicht nur die direkte Nachbarschaft zur Polizei-Wache, die sich in ca. einem Dutzend grün-weißer Autos vor der Tür und damit einem unschlagbaren Sicherheitsfaktor niederschlägt, spricht für dieses Hostal. Die Moppeds parken in der überdachten und durch ein Tor gesichterten Einfahrt und auch sonst ist dieses Etablissement um Längen angenehmer als unsere bisherige Absteige in Santiago. Der Preisaufschlag ist vor allem Dank Spezialpreis aufgrund besonderer Umstände für uns nur geringfügig: 14.000 CLP für die Besenkammer. Regulär kostet ein Doppelzimmer 18.000 CLP, ein Dorm-Bett 6.500 bis 7.500.
S33°27.267 W070°40.067, http://www.moaiviajerohostel.cl/
Billiger in zentraler Lage in Santiago inklusive gesichertem Motorrad-Stellplatz unterzukommen, dürfte nach meiner Einschätzung unmöglich sein.

Sightseeing beschränkt sich wie bei den vorherigen Besuchen Santiagos auf den Weg vom Hostel zur Tattoo-Bude, was in einer solchen Stadt aber dennoch nicht ohne Reiz ist:

Nach vier Tagen und einigen Sessions haben wir die Schnauze vom uns quälen lassen und vom Großstadtleben voll und wollen endlich wieder unser Vagabunden-Leben führen, das seit Weihnachten ziemlich kurz gekommen ist.

Es geht nach Osten: der Grenzübergang nach Argentinien/Mendoza ist in diese Richtung sogar noch schlimmer als in die andere. Vor uns stehen schon ca. 100 Autos Schlange, um abgefertigt zu werden und inklusive der für Südamerika üblichen Pannen bei der Abertigung brauchen wir diesmal fast zwei Stunden für den Grenzübertritt. Als vom Schengener Abkommen verwöhnter Ex-Grenzgänger und überzeugter Europäer krieg ich da echt zuviel! Das mag der am stärksten frequentierte Übergang zwischen Argentinien und Chile sein, aber es ist auch der am wenigstens zu empfehlende.
Ein gewichtiges Argument dafür ist allerdings die exzellente Landschaft auf dieser Strecke, die wir nun auch in der Gegenrichtung genießen:

Wir übernachten beim Bergsteiger-Friedhof, den wir schon in einem vorherigen Kapitel vorgestellt haben. 

Makaber: als wir morgens unser Zelt abbauen, fliegen zwei Rettungshubschrauber der Bergwacht  vermutlich mal wieder zu Südamerikas höchstem Berg. Als sie wenig später wieder über uns hinweg schweben, drücken wir schweigend die Daumen für die verunglückten Alpinisten. So unterschiedlich Bergsteigen und Motorrad-Reisen auf den ersten Blick sein mag: man fühlt sich solidarisch mit anderen, die ebenfalls für die Verwirklichung ihres Traumes bewußt Risiken eingehen.

Viel zu schnell geht die schöne Etappe bis Uspallata zu Ende, wo wir ja schon Weihnachten gefeiert hatten.
Der langschaftliche Genuß wurde allerdings durch Sorgen um mein Krad getrübt: meine Benzin-Anzeige signalisiert mir seit Tagen durch ein bestimmtes Anzeigemuster einen Fehler. BMW-verwöhnt wie ich war, dachte ich bis gestern, daß besagte Fehlermeldung mit meinem defekten Rücklicht zusammenhängt. Da das Birnchen mittlerweile ersetzt ist, fällt diese Erklärung weg und ich greife notgedrungen zur Betriebsanleitung, die sich dann doch wieder sehr BMW-mäßig anhört. Dank schlechter Übersetzung aus dem Japanischen ins Deutsche bleibt unklar, ob nun nur meine Benzinanzeige spinnt (was zu verkraften wäre) oder mein Kraftstoffsystem einen fatalen Schaden hat. Das Handbuch empfiehlt jedenfalls ganz wie bei zu niedrigem Luftdruck im Reifen einer BWM, umgehend die nächste Marken-Werkstatt aufzusuchen.
Ich versuchs erstmal mit Kabel und Leitungen unter dem Tank sauber arrangieren und Luftfilter reinigen. Der Typ in der lokalen Reifenbude bejaht mit dem üblichen „Si, Si“, ob er den K&N-Luftfilter mit Druckluft durch pusten könne. Dumm wie ich bin, glaube ich diesem „Si, Si“, obwohl mich die Erfahrunge lehrt, daß es auf einer Stufe mit einem „Ja, ja“ der Freudin oder Ehefrau steht: es heißt alles nur nicht „ja“. Und eh ich verstehe, was passiert, bläst der Reifen-Heini meinen K&N-Luftfilter mit Druckluft UND zerstäubtem Benzin durch! Ich fass es nicht und kann gar nicht schnell genug einschreiten.
Nachdem der erste Schaden angerichtet ist, laß ich ihn allen Schmutz sammt dem guten K&N-Öl wegblasen und bekomme einen jungfräulichen Filter ausgehändigt, den ich mangels Alternativen mit dem einzigen Öl  behandel, das ich dank des Scott Oilers zur Hand habe: ATF.
In drei Wochen müssen beide Luftfilter eh wieder gereinigt werden, da die Neuseeländer berüchtigt dafür sind, neben einigen anderen kritischen Stellen auch gerne den Luftfilter bezüglich Sauberkeit/Bio-Security in Augenschein zu nehmen.

 

 

Von Uspallata wenden wir uns nach Norden.
Ich finde diesen Gegensatz immer wieder krass: man fährt bei brütender Hitze durch eine trockenen Landschaft und am seitlichen Horizont hat man permanent schneebedeckte Berge im Blick.

Hinter Barreal halten wir Ausschau nach einer Stelle zum wild campen.
Ein Wegweiser zum „Cerro El Alcazar“ führt uns über eine schmale Piste in das bunt schimmernde Falten-Gebierge hinein. 

Wir schlagen unser Zelt an einer Stelle mit erstklassigem Ausblick auf: S31°28.680 W069°23.785, 1.541 m

Dieser Platz gehört zu den besten, die wir in Argentinien und Chile je hatten.
Ein der außergewöhnlichen Location angemessener Sonnenuntergang rundet den Abend perfekt ab.

Morgens sind wir früh auf den Beinen, um diesen Abenteuer-Spielplatz bei noch erträglichen Temperaturen zu erkunden.
Für zwei Stunden wandern und kraxeln wir durch die kleinen Schluchten und folgen dem Höhen-Pfad, der wunderbare Ausblicke gewährt.

 

Die ersten zwei Drittel der Strecke von Barreal nach San Juan sind top de luxe: eine nette Piste durch meine Lieblings-Landschaftsart Südamerikas: wüstenartiges Gebierge!

Wir bekommen optisch viel Reizvolles geboten.

 

Überall in Argentinien und Chile sieht man sie am Straßenrand: kleine Schreine, die teilweise wegen Hunderter oder gar Tausender Wasser-Falschen, die Opfergaben für die Difunta Correa sind, gar nicht mehr zu sehen sind.
In Vallecito soll sich die Geschichte der aus Sicht der katholischen Kirche gar nicht heiligen „Heiligen“ zu getragen haben: hier ist sie 1835 in der Wüste gestorben und ihr Baby hat an der Brust der toten Mutter saugend überlebt, bis es einige Tage später von Gauchos entdeckt wurde.

DER Difunta Correa Schrein, zu dem Ostern Hundertausende kommen, ist vor lauter Souvernier-Buden fast nicht auszumachen und den Mega-Berg von Wasserflaschen, auf den wir spekuliert hatten, gibt es nicht, da man die Pet-Flaschen hier rigoros ausschüttet und recycelt.

Neben Kurbelwellen, Motor-Kolben, Zündkerzen und sonstige Auto- und Motor-Teilen sieht man vor allem Tausende von  Kfz-Kennzeichen.

Die Zuständigkeit der Difunta scheint sich im Laufe der Zeit stetig ausgeweitet zu haben: anfangs sollte sie ja nur vorm Verdursten schützen, dann wurde sie scheinbar zur Schutzpatronin der Reisende und nun sehen wir, daß man mit einem selbstgebastelten Häuschen als Opfergabe auch um ein Eigenheim bitten kann. Hunderte „Puppenhäuser“ bedecken den Hügel. 

 

Fiesta-Rekord: in San Augustin del Valle Fertil schließen die Geschäfte täglich um 12.00 und machen erst um 18.00 wieder auf. Üblich sind vier bis fünf Stunden Mittagspause in Argentinien. Eine Sitte, die für uns Krad-Reisende ziemlich lästig ist. Oft sind wir in einsamen Regionen unterwegs und kommen nur alle paar Tage mal durch eine Stadt mit ordentlichen Einkaufsmöglichkeiten. Nicht selten ist das Timing dabei schlecht und wir müßten einige Stunden warten, um unsere Vorräte auffüllen zu können. Das nervt gewaltig!

 

 

Überall in dieser Gegend gibt es Fossilien-Funde in Museen und Nationalparks zu bestaunen.

Den Parque National Ischigualasto und den Parque Provincial Talampaya kann man beide nicht auf eigene Faust erkunden. Ergo sind sie ziemlich teuer (z.B. Talampaya 20 EUR p.P.) – zu teuer finden wir angesichts der Werbe-Fotos, die nichts verheißen, was wir nicht schon andern Orts so oder besser gesehen hätten.

Phantasie-anregende Felsformationen gibt es hier überall am Wegesrand:

An passablen Spots zum wild campen mangelt es seit einigen Tagen schon nicht. Aber der heutige ist wirklich ganz besonders stimmungsvoll an einer Serpentinen-Strecke inmitten der Berge (zw. Villa Union und Monogasta) gelegen.
S29°20.780 W067°44.667, 1.776 m

In Cruz del Eje kommen wir beim täglichen Frühstücks-Picknick mal wieder kaum zum Essen. Immer wieder halten nette Menschen an, um uns freundlich-interessiert nach dem Woher und Wohin zu befragen, um uns gute Motorrad-Strecken zu empfehlen oder uns mit Empanadas zu beschenken.  Diese unbefangene Kontaktfreudigkeit und diese stark ausgeprägte Gastfreundschaft (Süd-)Südamerikas werde ich vermissen! Ob es uns in Ozeanien ähnlich ergehen wird?

 

 

Alle zwei, drei Tage gehen wir auf einen Camping Municipal, die in dieser nicht gar so touristischen Gegend rund 5 EUR für zwei Personen kostet. Eine Dusche ist bei dieser Hitze echt eine Wohltat.

Abends haben wir vorm Zelt unerwarteten Besuch: die erste Schlange seit vielen Monaten.
Daß unser Innenzelt wegen defekter Reisverschlüsse nicht mehr zu geht, macht uns schlagartig reichlich nervös und befeuert unsere Phantasie in unangenehmer Art und Weise.

Außer der Schlange gibt es hier noch Hunderte von Fröschen, die uns unermüdlich ein üppiges Konzert quaken. Es sind so viele, daß man nur mit äußerster Vorsicht nachts durchs Gras laufen kann.
Beim morgentlichen Zeltabbau kommt dann auch noch prompt einer unterm Zelt hervor.
Einen weiteren, der es sich wohl in den Falten des Innenzeltes gemütlich gemacht hatte, müssen wir beim Zusammenpacken übersehen haben.
Als wir abends das Zelt wieder aufbauen wollen, kommt es uns beiden fast hoch: ein Frosch, der beim straff Zusammenrollen des Zeltes zermattscht und dann den ganzen Tag in der prallen Sonne bei 40 Grad und mehr in der Gepäckrolle aufgewärmt wurde, ist echt keine appetitliche Sache!

 

 

hier geht unsere Geschichte weiter: Chile/Argentinien - Teil 8