Chile 5 – 2011/2012

Die Krad-Vagabunden leben ja bekanntlich nach der alten Pipi-Langstrumpf-Weisheit: je schmutziger, desto lustiger!

Pipi Langstrumpfs Haus, die Villa Kunterbunt, zeugt allerdings nicht von diesem Motto.

Lustig ist es aber dennoch bei Enzo und Martina in Valparaiso und das nicht zu knapp.

 

Die beiden betreiben seit vielen Jahren eine Herberge der besonderen Art: backpackerfreie Zone. Hier trifft man ausschließlich auf motorisiert Reisende. Schwerpunkt Motorrad-Fahrer.

Die beiden bieten auch einen erstklassigen Verschiffungsservice an. Daß sie bei alleine mehreren Hundert (!) Motorrad-Verschiffungen pro Jahr Übung haben und das Ganze nicht nur wie geölt sondern auch ziemlich fix geht, ist kein Wunder. Oder vielleicht doch, denn schließlich sind wir in Südamerika und ich habe gerade bei meinen mühsamen und leider mäßig erfolgreichen Bemühungen, die Verfliegung unserer Motorräder nach Neuseeland selbst zu organisieren, einmal mehr erkennen müssen, daß in Südamerika (fast) nichts wie geölt und fix geht.

 

Als wir am 30ten Dezember mit Verspätung bei der Villa ankommen, sind neben drei fremden Motorrad-Reisenden auch schon einige alte Bekannte da: Tobis Töff steht vor der Tür und als das Tor aufgeht, erblicken wir als erstes das Gespann von Annette und Kai.

 

von links nach rechts: Kai, Stefan, Simon, Tobi, Panny, Martina von links nach rechts: Kai, Stefan, Simon, Tobi, Panny, Martina

Schnell sind all unsere Sachen abgerödelt und dank vieler helfende Hände ins Turmzimmer hoch getragen.

Von hier aus hat man einen Hammer-Ausblick auf Valparaiso. Den bezahlt man mit zwei Etagen bis zur nächsten Toilette.

 

Wir sind emotional noch gar nicht richtig angekommen, da setzt Enzo schon unsere Wunsch nach einem Aluschweißer per Telefon in die Tat um und kramt ein passendes Alu-Blech aus seinem Vorrat. So viel Effizienz sind wir auf diesem Kontinent echt nicht gewohnt. Als wir später bei der Schlosserei vorfahren, ist der Meister aber schon nach Hause gegangen. Da werden wir wohl im neuen Jahr einen zweiten Versuch starten müssen.

 

Mit 8 Motorrad-Reisenden plus Enzo und Martina wird am ersten Abend zünftig gegrillt und die Motorrad-Reise-Geschichten fliegen kreuz und quer durch den Hof.

 

Stefan hat neben vielen anderen Abenteuern schon 14 mal die Sahara durchquert. Das kommt bei ihm allerdings überhaupt nicht angeberich sondern eher ruhig und bescheiden rüber.

Ein Charkterzug, den er mit Miles und Tracey, mit denen er schon seit Wochen gemeinsam unterwegs ist, teilt.

Die beiden entpuppen sich ebenfalls als höchst außergewöhliche Menschen: Miles hat schon auf unterschiedlichste Art sein Geld verdient. Unter anderem als professioneller Rennfahrer. Kaum zu glauben, daß er jetzt auf nem (lahmen) Uralgespann unterwegs ist.

Die Gespräche mit Tracey und Miles, die beide extrem viel gereist sind, regelrecht inspirierend. Da kommt man echt auf neue Ideen.

Valparaiso ist für sein Silvester-Feuerwerk bekannt. Über eine Million Besucher zieht diese Attraktion zum Jahreswechsel in die Stadt – einige Hundert davon scheinen Punks zu sein, was uns gut gefällt.

Dennoch ziehen wir es vor, im kleinen Freundeskreis in der Villa zu feiern. Tracey, Miles und Stefan gehen dann kurz vor Mitternacht fürs Feuerwerk zu einem Aussichtspunkt. Wir quetschen uns mit Annette und Kai in unser Turmzimmer, von wo man einen unschlagbaren Ausblick hat. Das hier ist quasi „Loge“.

Am nächsten Tag machen wir einen Bummel durch die Stadt, in der es aussieht wie am Abschluß-Tag auf einem Punkfestival. Überall liegen selbst nachmittags noch die Schnappsleichen rum. Der Geruch nach schalem Bier und Pisse vermischt sich an vielen Stellen mit ätzenden Reizgas-Schwaden, die durch die Straßenschluchten wabbern und uns immer wieder die Tränen in die Augen treiben. Die Bullen müssen mächtig draufgehalten haben, wenn nach so vielen Stunden noch so viel vom dem Zeug in der Luft ist. Mist! Da haben wir wohl wirklich was verpaßt!

Zum Abschluß fahren wir dann noch mit einer der vielen Kabel-Bahnen den Berg zur Villa hoch.

Am nächsten Tag lassen wir Simon Touratech-Kiste „renovieren“. Ein doppeltes Alublech wird in die Innenwand genietet. Zuvor hatten wir sie schon zweimal schweißen lassen, was aber nie allzu lange gehalten hat. Mal schauen, ob diese Methode nachhaltiger ist.

Auf dem Rückweg sticht mich während der Fahrt „irgendwas“ in die Schläfe. Dem Schmerz nach wohl ne Biene oder Wespe. Keine große Sache: bei unserem Lebens-Stil sind Bienenstiche und Co. Alltag.

Zehn Minuten später kommen wir bei der Villa Kunterbunt an.

 

Ich ziehe den Helm ab und sofort wird mir schwindelig. Mein Klagen nimmt erstmal keiner ernst. Wenige Sekunden später klappe ich ohnmächtig zusammen. Allergischer Schock!

Die Aufregung ist groß! Enzo versucht den Rettungswagen zu rufen. Südamerika pur: bei der Notrufzentrale geht niemand ans Telefon.

 

Einige Minuten später komme ich in stabiler Seitenlage auf dem Boden liegend zu mir und habe keinen blassen Schimmer, was passiert ist.

 

Kalter Schweiß dringt mir aus allen Poren. Alter Schwede, das hier ist nicht schön!

 

Für die nächsten Stunden bin ich erstmal außer Gefecht und auch danach nur auf wackeligen Beinen unterwegs.

 

Mittlerweile haben wir ein einziges vollständiges Angebot in Sachen Verfliegung auf dem Tisch. Da es zudem das günstigste ist und auch noch einen englischsprachigen Unterstützung bei der Abfertigung am Cargo-Flughafen beinhaltet, fällt uns die Wahl leicht.

Da die Personenflüge ab März erheblich billiger werden, entschließen wir uns, erst am 01.03. nach NZ rüber zu machen.

Was wir mit den letzten zwei Monaten in Südamerika noch anfangen könnten, weiß ich auch sofort: endlich habe ich die Chance meine letzte große Fläche auf meinem Körper tattoo-mäßig in Angriff zu nehmen. Bei unserem ersten Besuch in Santiago de Chile hatten wir ein Old-School-Studio entdeckt, das uns beiden auf Anhieb sympathisch war.

 

So fahren wir also wieder nach Santiago, mieten uns wieder bei Scott ein, parken die Motorräder wieder bei dem anderen Scott und werden bei Gonzalo und Lidia zwecks Tattoo-Planung vorstellig.

Zwei Tage später liegen wir zum ersten mal im Leben gleichzeitig unter der Nadel: Simon bekommt zu ihrer Piratin aus Kolumbien eine Krake und einige andere kleinere maritime Motive und bei mir ist eine schwarze Cobra auf dem Bein fällig.

 

Zwei Tage später ist dann bei mir die erste Session für einen fetten Adler über den Bauch und die Rippen angesagt. Es wird die mit Abstand schlimmste Tattoo-Sitzung, die ich je durchstehen mußte.

Hölle, tut das weh an diesen Stellen! Teilweise ahnte ich es schon, weil die Rippen bei den meisten Menschen sehr sensibel sind. Aber im seitlichen Bauchbereich bin ich über das Ausmaß meiner persönlichen Schmerzempfindlichkeit dann doch ziemlich überrascht.

Die zwei Stunden dieser Sitzung fühlen sich wie zwei Tage an und ich krieg mich vor lauter Vorfreude gar nicht mehr ein bei dem Gedanken, daß ich zwei vermutlich noch schlimmere Sessions vor mir habe!

Und ja, ich kenn sie alle, die Sprüche: „selber schuld“ ünd „wenn´s nicht weh tut, taugt es nix“ und so weiter!

Außerdem laufen wir uns die Hacken wund auf der Suche nach einem Arzt oder Labor, wo ich mich auf Bienen-Allergie testen kann. Kein leichtes Unterfangen! 

 

Da guckt der Panny dumm aus der Wäche, als einer der Test-Piekser auf seinem rechten Oberarm sofort kräftig ausschlägt.

 

Nun ist es amtlich: ich bin allergisch auf Bienengift.

 

Durch Internet-Recherche und eMail-Austausch mit selbst betroffenen bzw. fachlich kompetenten Motorrad-Reise-Freunden ergibt sich ein deprimierendes Bild: ich werde nun immer eine Notfallspritze griffbereit haben müssen.

Neben dem eigentlichen allergischen Schock, der schon aus dem einen oder anderen Grund tödlich sein kann, bleibt ja auch noch das Risiko, daß ich während der Fahrt ohnmächtig werde.

Beim letzten mal hatte ich Glück, daß es zehn Minuten gedauert hat und ich dann schon nicht mehr auf dem Motorrad saß. Es kann genausogut auch in Sekunden geschehen.

 

Für mich besonders bitter: ich müßte eigentlich das Expositions-Risiko minimieren. Im Klartext: auch bei großer Hitze immer Jacke zu, Halstuch tragen und Visir runter. Ein Alptaum! Es gibt für mich kaum etwas schöneres als den Fahrtwind im Gesicht zu spüren – egal bei welchem Wetter.

Und wir sind ja praktisch ständig im Sommer unterwegs und sehr oft auch bei großer Hitze.

 

Ob man hier in Südamerika eine sogenannte Crash-Hyposensibilisierung durchführen kann, ist nicht rauszukriegen. Sieht ganz so aus, als wäre diese Methode sehr personal-aufwändig und damit ziemlich teuer, so daß sie wahrscheinlich eh nicht in Frage käme. Denn die Auslands-Krankenversicherungen deckt ja vereinfacht gesagt nur akute Notfälle und Schmerzbehandlungen ab.

 

Wenn jemand Erfahrungen mit Bienen-/Wespen-Allergie oder eine gute Idee hat, würde ich mich freuen, wenn er sie mir schreibt!

 

Neben seriösen Vorschlägen bin ich auch an Scharlatanerie und Blitz-Wunderheilungs-Methoden interessiert, bei denen man bei Vollmond viel Bier trinken oder sich lustige kleine Bienchen tätowieren lassen muß.

 

 

hier geht unsere Geschichte weiter: Chile - Teil 6