Bolivien 3 – Anfang August 2011

Salar de Uyuni, Tupiza

Der Salar der Uyuni ist der größte Salzsee der Welt. Er liegt auf knapp 4.000 Meter.

Ihn mit dem Motorrad zu befahren und eine Nacht auf ihm zu zelten, wäre DAS Highlicht Südamerikas für mich, auf das ich mich seit Monaten freue!

Allerdings ist es zweifelhaft, ob dieser Traum in Erfüllung gehen wird. Seit vielen Wochen berichten alle Reisenden, die uns entgegen kommen, daß der Salar noch immer unter Wasser steht, was ganz untypisch für die Jahreszeit (Trockenzeit) ist. Die jüngsten Nachrichten, die wir hören, sind auch nicht viel besser: wir hatten uns auf minus 15 Grad des nachts auf dem Salar eingestellt. Derzeit sollen es aber minus 25 und selbst tagsüber weit unter Null sein.

 

So brechen wir denn in Sucre mit gemischten Gefühlen auf.

 

Bis Potosi kennen wir die Strecke ja schon. Die letzten rund 200 km bis Uyuni sind dann zu unserer Freude großes Kino.

Die Strecke ist zu einem Drittel Baustelle und zwei Dritteln frische Teerstraße. Dennoch kommen wir nicht voran, da wir ständig zum Fotographieren anhalten!

Wüste in allen Variationen: vielfältige Kakteen, tiefe Schluchten und Sanddünen.

Daß wir es heute nicht mehr bis Uyuni schaffen, macht uns nichts aus. Nur zu gerne sind wir bereit, in dieser schönen Landschaft unser Lager aufzuschlagen.

Heute ist allerdings große Vorsicht geboten. Der trockene sandige Flußlauf, den wir auf der Suche nach einem Lagerplatz entlangfahren, ist voller Dornen, die hart genug sind, um einen Reifen zu durchlöchern.

 

Die Nacht ist ein gutes Training für den Salar de Uyuni. Nachtfrost ist für uns nichts ungewöhnliches, aber so kalt hatten wir es noch nie: selbst die Wasserflaschen im Innenzelt sind gefroren. Brrrrr!

Bolivien gefällt uns hier im Süden viel besser als im Norden!

Die Felsen schimmern in immer wieder anderen Farben im Sonnenlicht.

Als wir den Salar dann das erste mal erblicken, sind wir ergriffen: eine schier endlose ROSA blitzende Fläche mit schneebedeckten Bergen im Hintergrund. Wow!

Uyuni ist ein ziemlich schäbiges Nest: die ganze Stadt ist von einem mehrere Hundert Meter breiten Müllhalden-Gürtel umgeben.

 

Nachdem wir uns ein Quartier gesucht haben, versuchen wir rauszufinden, ob man den Salar befahren kann. Da es keine Touri-Info gibt und ansonsten so ziemlich jeder in dieser Stadt versucht, einem eine Geländewagen-Tour zu verkaufen, wollen wir den Aussagen nicht so recht glauben.

 

Wir lassen das Thema erstmal auf sich beruhen und machen uns zu Fuß zu dem berühmten Eisenbahn-Friedhof am Rande der Stadt auf.

Hier stehen rund 200 vor sich hinrostende Wagons und Lokomotiven in unterschiedlichen Verfallsstadien. Alleine für diesen stimmungsvollen Ort, an dem man stundenlang auf Entdeckungstour gehen kann, hat sich die Fahrt nach Uyuni gelohnt.

Abends befrage ich jeden Touristen, den ich erwischen kann, um Infos über den Zustand des Salars und der Lagauna-/Wüsten-Strecke zu bekommen, die wir anschließend noch machen wollen.

Es ist teilweise etwas schwer, brauchbare Informationen von Fußgängern, die sich in einem Geländewagen chauffieren lassen, zu bekommen. Aber nach einem halben Dutzend Interviews zeichnet sich dann doch ein klares Bild ab.

Da die Gefahr besteht, daß man am Ufer und bei den sogenannten Inseln im Schlamm einsackt, kann man auf den See eigentlich nur an sogenannten Rampen auffahren. Die nächste Rampe bei Colchani soll aber unter Wasser stehen. Noch schlimmer ist es um die Rampe im Süden bestellt. SCHEISSE! Das hört sich nicht gut an. Wir sind zwar noch immer nicht bereit aufzugeben, aber große Hoffnungen machen wir uns nicht mehr. Morgen werden wir es uns mit eigenen Augen anschauen.

Was die Laguna-/Wüstentour angeht, sind die Nachrichten noch vernichtender: auf bis zu 5.000 Metern geht wegen Schnee und Eis derzeit gar nichts. Keiner der Geländewagen-Tour-Anbieter fährt derzeit die Strecke. Da wir schon seit längerem von ungewöhnlich starken Schneefällen und unpassierbaren Pässen in dieser Region hören, ist das kaum noch eine Überraschung.

Auch wenn unsere Stimmung wegen der schlechten Nachrichten ziemlich bescheiden ist, wird der Abend dennoch lustig: Mit Chris (Schweizer) und Maja (Tochter einer Japanerin und eines zutätowierten schweizer Seemanns (!)) haben wir viel Spaß.

 

Am nächsten Morgen starten wir zur östlichen Rampe. Die 27 km „Wellblech“ machen keinen Spaß.

Als wir dann bei Colchani am Ufer des Salars ( S20°18.986 W066°58.902, 3.659 m) stehen, sind wir gleichermaßen ergriffen und niedergeschmettert.

Der Salar ist noch viel schöner, als wir es gedacht hatten! Aber es ist auf den ersten Blick klar, daß wir hier nicht durchkommen. Man müßte für rund 500 Meter durch Salzwasser fahren, das bis zu 30 cm tief ist. Das wäre alleine fahrerrisch nicht ohne, da unter dem Wasser teilweise Salzpampe ist. Das entscheidenden Argument ist allerdings, daß die Motorräder extrem leiden würden. Die Salz-Brühe bekommt man nie wieder richtig aus allen Ecken und Ritzen raus und die Schäden wären langfristig erheblich. Nur zu gut sind mir noch die drastischen Auswirkungen der 36-Stunden-Besprühung mit Salzwasser bei der Überquerung des Darien Gap in Erinnerung! Und diese Brühe hier ist VIEL höher dosiert als Meerswasser! Da uns unsere Esel noch einige Jahre um die Welt tragen sollen, ist die Entscheidung klar: unser Salar-Abenteuer endet hier.

Überraschenderweise hält sich die spontane Enttäuschung in Grenzen, auch wenn hier gerade ein großer Traum zerplatzt. Der Anblick des Salars ist einfach zu überwältigend, um Trübsal zu blasen!

Simon versucht unermüdlich die Schönheit des Augenblicks mit dem Fotoapparat einzufangen. Anschließend picknicken wir an diesem erhabene Ort. Daß es nur knapp über Null ist, macht uns nichts aus angesichts dieses einzigartigen Ausblicks.

Lediglich die dämlichen Holländer, die uns ungefragt fotographieren, stören die Idylle. Das kann ich ja gar nicht ab: Touristen, die Menschen fotographieren, ohne diese vorher um Erlaubnis zu fragen, gehen gar nicht. Wer solch rudimentäre Regeln nicht beherrscht, sollte zu Hause bleiben und darf sich nicht beschweren, wenn er eine drastische Ansage erhält.

 

 

Die 215 km bis Tupiza haben es in sich: fast die ganze Strecke Wellblech in unterschiedlich starker Ausprägung.

Mehrere Tiefsand-Passagen setzen vor allem Simon zu. Am Ende lautet ihre Bilanz: einmal festgefahren und dreimal auf der Seite gelegen. Mit vereinten Kräften geht es aber immer irgendwie weiter – auch wenn wir viel fluchen und schwitzen. 

Landschaftlich werden wir für die Mühen auf dieser Drecks-Piste fürstlich entlohnt: vieles hier erinnert an den Südwesten der USA / Canion-Land!

 

Tupiza ist für seine tollen Felsformationen bekannt. Die wollen wir auf einer 15 km langen Wanderung erkunden. Aber meine Beine sind heute wie Blei. Mit jedem Schritt fällt mir das Laufen in der prallen Sonne schwerer. Nach einer Stunde bitte ich Simon schweren Herzens umzukehren.

Der morgendliche Durchfall scheint wohl doch eine ernstere Sache zu sein. Dabei hatte ich mich anfangs sogar über ihn gefreut. Er schien mir immer noch besser zu sein als die schlimme Verstopfung an der ich seit der Salmonellen-Scheiße vor drei Woche leide! Allmorgendlich nach Zeltnächten bei deutlich unter null Grad mit blankem Hintern in der Landschaft zu hocken, sich im wahrsten Sinne des Wortes den Arsch abzufrieren und gleichzeit mit hochrotem schmerzverzerrtem Gesicht wie ein Weltmeister zu pressen, gehört nämlich ganz entschieden nicht zu den schönen Seiten des Krad-Vagabunden-Lebens.

Leider ist dies nun schon das dritte mal in fünf Wochen, daß ich mit Durchfall und Fieber flachliege. Neben den eigentlischen Qualen macht man sich da auch so seine pessimistischen Gedanken. Das Fieber hält sich zwar nur 24 Stunden, aber der Durchfall ist hartnäckiger.

Simon macht dann wenigstens einen Teil der von uns geplanten Wanderung und bringt mitreißende Foto von ihrer Exkursion zurück.

Neid kommt bei mir allerdings keiner auf. Denn zum Einen bin ich froh, daß wenigstens Einer von uns diese wundervolle Landschaft sehen konnte, zum Anderen hab ich derzeit andere Ziele vor Augen: ich will einfach nur wieder fit genug werden, um mich im Sattel halten zu können und die letzten rund 100 km bis Argentinien zu schaffen. Dort werde ich dann ggf. ins Krankenhaus gehen, um mich untersuchen zu lassen, falls ich dann immer noch diesen heftigen Durchfall habe. Argentinien, dem man die beste Infrastruktur bzw. den höchsten Entwicklungsstand aller Länder Südamerikas nachsagt, scheint mir dafür einfach besser geeignet, als Bolivien, das man am anderen Ende der Skala ansiedeln muß.


 

hier geht unsere Geschichte weiter: Argentinien 1