Bolivien 1 – Ende Juli 2011

Titikaka-See, La Paz, Straße des Todes

Von Einheimischen wurde uns der verschlafene Grenzübergang bei Copacabana (BOL) anstatt dem hektischen bei Desaguadero empfohlen. Ein guter Tip. Der Grenzübertritt dauert zwar ein bißchen, aber ist alles in allem ziemlich locker. Beide Grenzübergänge am Titikaka-See haben eine gewisse Reputation für Korruption und Abzocke. Aber außer einem halbherzigen Versuch eines Bolivianischen Zöllners, der eine Cola haben möchte, damit er nicht mehr so müde ist und den Antrag schneller bearbeiten kann, läuft alles korrekt. Und die Cola bekommt der Penner natürlich NICHT.

Copacabana ist eins dieser Örtchen, an dem sich die Geister scheiden. Wir konnten uns allerdings weder für Liebe noch für Hass entscheiden.

Da hier die Fähre von Peru anlegt und damit einen nie versiegenden Strom von Backpackern anlandet, ist der Ort entsprechend touristisch ausgerichtet – inklusive einer Überdosis alberner Tretbote am Ufer. Haufenweise Restaurants und Büdchen  und bieten mehr oder weniger alle das gleiche an: 80 % der Speisekarte bestehen aus Forelle in zig Varianten. Da wir die schon öfter in Peru hatten und sie dort sehr gut war, gönnen wir uns auch hier nochmal eine zum Copacabana-Einheitspreis von 2 EUR. Für 0,20 EUR gibt’s noch eine verkochte Erdnuß-Suppe als Vorspeise. Den Blick aus dem Restaurant-Fenster auf das Ufer des Sees, der in anderen Urlaubsorten 50% Preisaufschlag bedeuten würde, gibt’s für lau oben auf.

 

Unser Doppelzimmer kostet uns schlappe 4 EUR. Und das in diesem, wie gesagt, ziemlich touristischen Örtchen. Was die Preise angeht, ist unser erster Eindruck von Bolivien klasse!

Am nächsten Morgen zeigt sich Bolivien dann aber auch von der typisch südamerikanischen Seite: am Vortag hatten wir uns belacht über die strikte Aufgabenteilung all der unterbeschäftigten Angestellten. Umso verwunderter sind wir, als der Rezeptionist bereit ist, uns am nächsten Morgen das Tor zum Hof höchstpersönlich aufzuschließen. Das Mysterium klärt sich schnell: der Wixer behauptet, wir müßten noch für den Parkplatz bezahlen: 50% vom Hotelzimmerpreis und cash in seine Hand! Was ich davon halte, bringe ich kurz und knapp zum Ausdruck. Der Lump setzt noch ein paar mal nach und erntet immer nur ein rigoroses „no way“. Angepißt zieht er ab und 10 Minuten später erscheint dann der zuständige Parkplatz- und Tor-Aufschließ-Angestellte, der uns ohne Gebühr aufmacht.

Der Titikaka-See besteht eigentlich aus zwei Seen, die an einem einen Kilometer breiten Engpaß miteinander verbunden sind. Leider gibt es keine Brücke über diesen Engpaß, sondern man muß sich von kleinen klapprigen Kähnen schiffen lassen. Das Unangenehme daran ist: Sie haben nur eine Öffnung. Leider haben wir keine Chance, rückwärts auf sie draufzufahren, so daß wir später beim Entladen die Motorräder gegen das Gefälle des Uferhangs rückwärts von ihnen runterschieben müssen!

Bis La Paz fahren wir dann weiter über den Altiplano. Der Anblick dieser „endlosen“ Grasfläche, die von schneebedeckten Bergen begrenzt wird, verliert allerdings ziemlich an Reiz, wenn man einige Tage auf dieser Hochebene unterwegs ist.

La Paz, die Hauptstadt Boliviens, hat zweifelsohne ihre Reize. Dennoch lautet unser Urteil: wenn man La Paz nicht gesehen hat, hat man nicht wirklich was verpaßt im Leben.

 

Verkehrstechnisch ist die Stadt allerdings eine angenehme Überraschung. Als wir uns durch den chaotischen Vorstadtverkehr kämpfen, schwahnt uns Schlimmes. Irgendwann beginnt dann aber eine Schnellstraße, über die man geschmeidig und ungehindert bis ins Herz der Großstadt rollen kann. Eine ungewöhnlich effiziente Lösung für regionale Verhältnisse.

 

Die Straße des Todes – Mythos und Wirklichkeit

 

Camino del Muerte – die Straße des Todes. Sie ist eine der berühmtesten Straßen Südamerikas. Wir hatten schon viel über sie gelesen und einige Dokus über diese gefährliche Piste im deutschen Fernsehen gesehen.

Was von unseriösen Journalisten und angeberischen Reisenden gerne durcheinander geworfen wird: diese Straße WAR EINMAL extrem gefährlich und hat DAMALS Todesopfer im Tages-Takt produziert. Heutzutage besteht die größte Gefahr darin, daß man mit einem von Hunderten Moutain-Bikern kollidiert, die die Piste teilweise ohne Sinn und Verstand runterstochen.

 

Als wir den Camino del Muerte angehen, vermuten wir zwar schon etwas in diese Richtung, aber so richtig sicher sind wir uns nicht.

Hintergrund für die entschärfte Situation ist eine Teerstraße, die seit nunmehr einigen Jahren parallel zu der berühmt-berüchtigten Piste verläuft.

Von La Paz geht es über eine Teerstraße nach Norden. Wir überqueren einen ca. 4.700 Meter hohen Paß.

Tolle Landschaft!

Hinter der Ortschaft Cotapata (besteht praktisch nur aus einer gleichnamigen Tankstelle) (ca. 47 km nach La Paz) zweigt die Straße des Todes von der Teerstraße ab. S16°17.242 W067°49.841, 3.841 m

Ein Verkehrsschild fordert zum Linksverkehr auf. Hintergrund war früher, daß die LKW-Fahrer bei Linksverkehr aus dem Fenster schauen und so zentimeter-genau sehen konnte, wie weit Ihre Reifen noch vom Abgrund weg waren.

 

Wir fahren aber erstmal auf der „neuen“ Teerstraße weiter. Wir wollen heute noch bis Coroico kommen, dort übernachten und dann morgen früh die Straße des Todes bergauf befahren.

 

89 km, nachdem wir La Paz verlassen haben, kommt ein Kontrollposten, bei dem wir von der Teerstraße nach Coroico abbiegen. S16°11.633 W067°44.547, 1.085 m

Von dort fahren wir für 5 Kilometer auf einer Dirtroad weiter, bis rechts die Straße des Todes ab geht. Folgt man dem linken Abzweig, so erreicht man nach weiteren 5 km Kopfsteinpflaster Coroico. S16°13.143 W067°44.341

 

Coroico, das vom Reiseführer als tropisches Kleinod gelobt wird, kann bei uns nicht punkten. Wir verbringen fast zwei Stunden damit, eine bezahlbare Unterkunft mit Parkmöglichkeit für die Motorräder zu finden. Unmöglich! Am Ende entscheiden wir uns für eine runtergekommene Pension, die an einer ultra-steilen Kopfsteinpflaster-Straße liegt. Die Anfahrt treibt einem Schweißperlen auf die Stirn und wird uns im Nachhinein als angsteinflösender in Erinnerung bleiben als die Straße des Todes!

Die Aussicht von unserer Terasse ist allerdings nicht von schlechten Eltern!

 

Früh machen wir uns auf den Weg zur Straße des Todes. Wir wollen sie fahren, bevor die Horden von Moutain-Bikern auf ihr unterwegs sind. In La Paz gab es Dutzende von Tour-Agenten, die diesen Pseudo-Nervenkitzel anbieten und wir rechnen dementsprechend mit Massen von Fahrradfahrern.

Zu dieser frühen Stunde haben wir das Tal jedoch noch nahezu alleine für uns. Lediglich eine Gruppe von argentinischen Motorrad-Reisenden fährt in die gleiche Richtung wie wir. Sie bleiben jedoch bald hinter uns zurück, weil sie jede kleine Kurve und jeden Stein, über den sie angeberisch IM STEHEN fahren, filmen. Zu gerne würde ich hören, wie sie diese große Heldentat später kommentieren.

Von Heldentat, großem Abenteuer oder Todesgefahr kann jedoch keine Rede sein.

Die unteren 15 km, der insgesammt nur rund 30 km langen Camino del Muerte sind ziemlich zahm.

Man beachte die Leitplanke auf dem Foto! Eine Leitplanke! Wir überlegen angestrengt, ob wir so etwas überhaupt schon mal in Mittel- und Südamerika gesehen haben!

Die Qualität der Piste ist akzeptabel und der Verkehr gleich null. Das hier ist lockerer, als ein Großteil dessen, was wir in Peru gefahren sind.

Die obere Hälfte der Straße des Todes ist dann schon ein bißchen spannender. Keine Herausforderung für uns. Aber wenn man sich vorstellt, daß dies hier früher die Hauptverkehrsstraße mit richtig viel Verkehr war und ständig LKW einander passieren mußten, dann kann man sich schon verstehen, woher der Name dieser Piste kommt. Da wir in Peru und Bolivien schon mehrfach erlebt haben, wie sich die entgegenkommende Verkehrsströme aus Dummheit ineinander verkeilen und dann feststecken, haben wir Probleme uns ausmalen, wie das auf dieser Strecke früher überhaupt funktioniert hat, ohne daß es ständig zu hoffnungslosen Patt-Situationen kam.

Speziell in Peru sind wir reichlich ähnliche Strecken gefahren. Trotzdem hat man nach wie vor gehörigen Respekt vor dem Abgrund. Um genau zu sein: ich mag noch nicht mal zu Fuß an den Rand treten und bin froh, daß wir dank des Links-Verkehrs auf der sicheren Seite der Piste fahren dürfen bei den sehr seltenen Anlässen, wo uns mal ein Auto entgegenkommt (zweimal auf der ganzen Strecke!).

Viel zu schnell geht die zweite Hälfte des Camino del Muerte zu Ende.

 

Gegen 10:20 erreichen wir die Teerstraße und nur wenige Minuten später beginnt ein bis auf den Paß nicht mehr enden wollender Strom von Moutain-Bikern uns entgegen zu kommen. Sie überholen wild und einige fahren freihändig, um während der Fahrt fotographieren zu können.

Soviel zu den wirklichen Gefahren der Straße des Todes. Sollte einer dieser Deppen aus eigener Schuld sterben, so wird sich die Presse mit Begeisterung darauf stürzen und diesen Toten als Indiz für die Gefährlichkeit der Strecke werten – nicht ohne einige uralte Geschichten über diesen Mythos von Straße mit in den Artikel einzubauen.

 

Der Paß zeigt sich dann übrigens nochmal von seiner besten Seite!

 

Unser Resüme: sowohl die Teerstraße, als auch die Straße des Todes sind interessant. Allerdings sind wir in den Anden viele ähnlich schöne Pisten und einen Haufen spannendere gefahren. Von Nervenkitzel und Todesgefahr kann beim besten Willen keine Rede sein.

Solltet Ihr jemals jemandem begegnen, der ein T-Shirt „I survived the world´s most dangerous road“ trägt, so sind die Chancen hoch, daß Ihr einen peinlichen Angeber vor Euch habt – außer derjenige ist die Strecke vor vielen Jahren gefahren, als es die Teerstraße noch nicht gab. 

Hier geht unsere Geschichte weiter: Bolivien 2: Potosi, Sucre