Argentinien Teil 3 - Oktober 2011

Über eine Brücke, die vage Assoziationen zur „Pont de Normandie“ auslöst, geht es mal wieder nach Argentinien. Daß es dort oben fast windstill ist, überrascht uns, denn in den letzten Tagen hatten wir viel Wind – sowohl am Rio Uruguay, als auch an der Küste. Daß der bestimmt nur eine laues Lüftchen ist im Vergleich zu dem, was uns bald in Patagonien erwartet, ist uns nur allzu bewußt.

 

Es ist früher Nachmittag, als wir 100 km vor Buenos Aires auf einen schön gelegenen Campingplatz fahren. Der Besitzer kontert unsere Frage nach dem Preis mit der Gegenfrage, ob wir Reisende seien. Als wir bejahen, ist seine Antwort: dann kostet das für Euch nichts. Solche Erlebnisse erfreuen das Herz der Krad-Vagabunden!

 

Am nächsten Morgen geht es früh und voller Energie in die Hauptstadt. Unser Plan ist, schnell ein paar Ersatzteile abzuholen, dann in Ruhe drei Hotels zu checken, die uns empfohlen wurden bzw. die wir in ungewohnt mühsamer Recherche ermittelt haben und die hoffentlich nur „teuer“ und nicht „sehr teuer“ nach unseren Maßstäben sind. Soviel zur Theorie.

Das in Motorrad-Reisekreisen sehr bekannte Dakar Motos, findet sich dank GPS-Koordinaten recht gut. Mehr dazu in unserer Rubrik „Anlaufstellen für Motorrad-Reisende“

Unsere vorab bestellten Ersatzteile liegen schon bereit, was ziemlich un-südamerikanisch ist. Die Betreiber Xavier und Sandra sind uns sehr nett und wir sind kurz in Versuchung dort zu bleiben. Man könnte auf einer Wiese im Hof zelten und es gibt vier Etagen-Betten. Aber neben dem strammen Preis spricht vor allem die Lage weit ab vom Schuß dagegen. Wir sind nämlich wild entschlossen, im anstehenden Wochenende, das Punk-Rock-Nachtleben von Buenos Aires zu erkunden. Der Gedanke, in leicht angetüteltem Zustand noch fast 20 km Heimweg in einer fremden Weltstadt hinbekommen zu müssen, ist da wenig verlockend.

Dank Käffchen und viel Gequatsche ist es unbemerkt früher Nachmittag geworden, als wir Dakar Motos endlich verlassen und uns ins Zentrum vorkämpfen, wo es dann prompt kommt, wie es kommen muß: die Suche nach einem günstigen Hotel, mit Motorrad-Parkplatz wird zur unmöglichne Aufgabe. Nach einigen Stunden sind wir frustiert und kurz davor, Buenos Aires unverrichterter Dinge den Rücken zu kehren. Da es aber selbst dafür schon zu spät ist, beziehen wir notgedrungen in einem Hostal Quartier, das damit geworben hatte, einen Parkplatz zu haben. Eine Lüge! Aber es gäbe doch (gebührenpflichte) Parkplätze in der Nähe – so die Erklärung. Aber sicher! Und als nächstes darf man mit WIFI und warmen Wasser werben, wenn es im gleichen Viertel ein Internet-Cafe und ein öffentliches Hallenbad gibt...

Besagte Parkplätze im Zentrum wollen zum Einen alle fette Gebühren (ca. 14 EUR für 2 Motorräder pro Tag), zum Anderen klappern wir vier Parkplätze ab, die sich alle weigern, unsere Motorräder zu nehmen, obwohl sie allesammt Motorrad-Parking auf ihrer Preistafel stehen haben. Typisch südamerikanisch: Zwei Motorräder nehmen genausoviel Platz weg, wie ein Auto, würden jedoch fast doppelt so viel Einnahmen bedeuten. Aber man ist hier gedanklich an Autos gewöhnt und jedes geringfügige Umdenken ist zu viel Mühe. Frustrierend! Ziemlich angepißt verlange ich vom Hotel eine Lösung: schließlich sind wir wegen Ihrer Täuschung hier gelandet. Und tatsächlich, so geht es. Der Typ vom Hotel redet mit Engelszungen auf den nächstegelegenen Parkplatz-Heini ein, bis dieser uns endlich mürrisch erlaubt, die Motorräder auf seine heilige Erde zu fahren.

 

Mittlerweile ist es Abend und unser Plan, am Anreisetag schon ordentlich was von Buenos Aires zu Fuß zu erkunden hinfällig.

Angesichts der hohen Kosten fürs Hotel und fürs Parken (insgesamt rund 40 EUR) beschließen wir notgedrungen, unseren Aufenthalt auf zwei Nächte zu beschränken.

Zugegeben, für eine Welt-Metropole ist der Preis wirklich nicht hoch. Aber wenn man bedenkt, daß wir in letzter Zeit PRO MONAT gerade mal 100 EUR für Übernachtungen ausgegeben haben, dann versteht man vielleicht unsere Unwilligkeit. Früher hätten wir uns bei einem unserer vielen mehrtägigen Städte-Trips keine großen Gedanken über solche Beträge gemacht. Aber wenn man ohne laufendes Einkommen auf Langzeitreise ist, verändert sich die Perspektive.

 

Am nächsten Morgen brechen wir früh und voller Tatendrang zur Stadt-Erkundung auf.

Die „Avenida 9 de Julio“ gehört zu den breitesten Straßen der Welt. Durch Grünstreifen und Baumreihen wirkt die Prachtstraße etwas „schlanker so daß die 18 (!) Spuren, die man auf diesem Foto eigentlich sehen könnte, nicht gar so heftig erscheinen. Nichtsdestotrotz ist auch so eine Überquerung dieser Verkehrs-Achse nicht ohne: bis zu 7 Spuren müssen überquert werden, bis man wieder eine rettende Verkehrsinsel erreicht und die Grünphasen sind definitiv nicht für un-rüstige Rentner geeignet, wie wir mehrfach mit mitleidig sehen müssen.

Wir frönen unserer morbiden Leidenschaft für Friedhöfe und schauen uns „la Recoleta“ an. Die prunkvollen Mausoleen sind quasi eine Stadt in der Stadt, was auf den nachfolgenden Fotos anschaulich rüber kommt: zumindest die perspektivische Grenze zwischen Toten- und Wohnhäusern ist fließend.

Dabei könnte man meinen, die Wohn-Vorlieben zu Lebzeiten würden auch nach dem Tode beibehalten: Auf dem nächsten Foto sehen die Wohnsilos doch nicht viel anders aus als die Urnen-“Hochhäusern“, oder?

Mit dem Punk-Rock-Nachtleben hat´s dann übrigens auch nicht so geklappt, wie erhofft. Wir hatten zwar ungewöhnlich viele erstklassige Adressen „in der Tasche“, aber genau an diesem Wochenende war natürlich absolut nix los. Es war mal wieder wie verhext! Außerdem sind Öffnungszeiten ab Mitternacht nix für müde Punk-Rock-Rentner wie uns. Wenn wir einen ganzen Tag durch so ne fremde Stadt gerannt sind, dann wäre es schon eine Leistung für uns BIS Mitternacht aufzubleiben.

Manchmal gewinnt man, manchmal verliert man. Buenos Aires hätte ich ganz subjektiv in letzere Kategorie verbucht, wäre da nicht das Treffen mit Axel und Suse gewesen. Die beiden wollten am nächsten Tag mit ihren beiden DR650 aufbrechen zu einer einjährigen Motorrad-Reise durch Süd- und vielleicht auch noch Mittelamerika. Der Abend mit den beiden ist jedenfalls äußerst amüsant. Es werden viele Anekdoten erzählt, es wird viel geschwätzt, viel gelacht und viel getrunken. Nur viele Fotos macht mal wieder keiner und so haben wir nur diesen einen obskuren Schnappschuß, um das lustige Treffen der vier deutschen Motorrad-Globetrotter zu dokumentieren.

Am nächsten Tag regnet es in Strömen! Furchtbar! Bei so einem Dreckswetter würde weder ein zusätzlicher Tag in Buenos Aires Sinn machen, noch haben wir Lust bei diesem sintflutartigen Regen die 300 km bis zu unserem nächsten Ziel zu fahren. Aber es hilft nichts, irgendwann ist der Moment gekommen, wo wir aus dem Hostal raus und unsere Motorräder aufrödeln müssen. Selten hatten wir so wenig Lust auf einen Fahrtag, wie heute und selbst einem meiner Lieblingssprüche fehlt es heute an Überzeugungskraft: Lieber den ganzen Tag bei Regen Motorrad fahren als bei Sonnenschein im Büro sitzen.

 

 

La Posta del Viajeros en Moto“ - diese Anlaufstelle für Motorrad-Reisende in Azul bzw. sein Betreiber Jorge, der von allen nur Polllo genannt wird, ist eine Legende!

 

Eine Südamerika-Motorrad-Reise fehlt etwas wesentliches ohne einen Stop bei „La Posta“!



Pollo ist eine echte Frohnatur: immer gut drauf und sehr unkompliziert!

 

Seit 18 Jahren ist „La Posta“ eine beliebte Anlaufstelle für Motorrad-Globetrotter! Rund 50 kommen pro Jahr vorbei, wobei sich das meist auf die Saisson (Dezember bis März) konzentriert.

Zu Hoch-Zeiten stehen dann schon mal 20 Zelte gleichzeitig im Garten.

Schade, daß wir das nicht erlebt haben. Wir sind Anfang Oktober ungewöhnlich früh für zweirädrige Patagonien-Fahrer dran und so haben wir das Reich für uns alleine.

Neben reichlich Platz zum Zelten gibt es eine Werkstatt, ein Bad mit heißem Wasser und vor allem einen Clubraum mit Herd und Kühlschrank.

 

Man kann Stunden damit verbringen, all die kreativen Spuren der Motorrad-Reisenden zu studieren. Es müssen viele Hundert sein, die sich da mit Skulpturen, Wandgemälden und -Sprüchen verewigt haben. Wir entdecken machen Freund und viele von denen wir schon gehört und gelesen haben. Das hier ist echt das Mekka der Motorrad-Globetrotter! Ich kenne keinen Ort, der dem hier das Wassser reichen könnte, auch wenn wir schon einiges in der Richtung gesehen haben (siehe Rubrik „Anlaufstellen für Motorrad-Reisende“)

Wir kommen geschickterweise freitags an. Da ist nämlich immer Asado-Time! Alle Gäste (in dem Fall nur wir zwei) und rund ein Dutzend motorrad-begeisterte Freunde von Pollo kommen hier allwöchentlich zum gemütlichen Grillen zusammen.

 

Wir haben den Überblick verloren, wie oft wir schon von Radio-Sendern in der Regel spontan interviewt wurden. Diesmal ist es aber etwas besonderes: wir sind bei Pollo im Sendestudio zu Gast. Das Sendestudio ist eine winziges Kämmerchen, in das wir drei nur mit Mühe und angehaltener Luft passen. Das Bemerkenswerte: Pollo geht hier wöchentlich für zwei Stunden mit einer Motorrad-Radio-Show auf Sendung!

Gibt es sowas in Deutschland?

 

Wir verbringen eine Woche mit den üblichen Dingen: der quartärliche Zahnarzt-Termin für Simon ist fällig, es sind wie immer diverse Sachen zu besorgen, ein Päckchen muß verschickt werden, wir brauchen Ersatzteile und Regensachen für die als extrem regenreich berüchtigte Patagonien-Etappe und noch einiges mehr.

 

Einen Mittag gönnen wir uns ein Auswärts-Essen im „Casa de Comida“, einem landestypischen Buffet-Restaurant, wo man das Essen, das man sich selbst auf den Teller läd, nach Gewicht bezahlt. Ein Kilo kostet rund 4 EUR, da kann man sich ausrechnen, wie günstig ein üppiges Mahl ist!

Daß Pollo Legende ist, merken wir auch auch hier: jeder der reinkommt, fragt uns aus. Sobald er hört, daß wir mit dem Motorrad reisen, wird der Schluß gezogen: ah, dann seid ihr also bei „La Posta“ zu Besuch. Selbst der asiatische Betreiber ist höchst interessiert an unserer Reise und schenkt uns zum Abschied einen Sack voll Empanadas. Für den langen Weg, den wir noch vor uns haben!

Solch positive Begegnungen sind es, die unsere Lebensqualität stark ausmachen!

 

Wenn wir nicht gerade versuchen, unsere ToDo-Liste in der Stadt zu verkürzen, lassen wir es uns gut gehen und verbringen viel Zeit im gemütlichen Club-Raum.

Für Amerika sehr ungewöhnlich: unser Gastgeber hat keine Hund! Dafür gibt es zwei freilaufende Hasen und den einäugigen Kater „Schnurri“, der mir wacker beim Arbeiten am Netbook hilft!

Ich kann es nur nochmal wiederholen: wer in Südamerika war und nicht bei „la Posta“ vorbeigeschaut hat, hat was verpaßt!

Adresse etc. gibt es in unserer Rubrik „Anlaufstellen für Motorrad-Reisende“

 

 

Statt Patagonien auf dem direkten Weg anzusteuern, machen wir noch einen Schlenker an die Küste nach Mar del Plata!

Im Nachhinein muß ich sagen: das hätten wir uns schenken können! Die Stadt ist eine der beliebtesten Strand-Urlaubs-Städte Südamerikas und sieht auch entsprechend verbaut und touristisch aus!

Während ich die beladenen Motorräder bewache, schaut Simon sich das Muschel-Museum an, das die größte Kollektion der Welt haben soll. Simon Urteil: Daumen hoch!

 

Der örtliche Campingplatz fordert einen Mindestaufenthalt von zwei Nächten und verlangt eine Summe, die uns die Entscheidung sehr leicht macht. Hier bleiben wir nicht!

Zum Glück, denn zu unserer Überraschung gibt es auf den nächsten 20 km immer wieder Möglichkeiten, zum wild campen. Dabei hatten wir angenommen, hier wäre alles total zugebaut.

 

Bei strahlendem Sonnenschein genießen wir die Küste.

 

Der Spot an dem wir dann unser Zelt aufschlagen ist der beste seit Monaten bzw. seit wir die Anden verlassen haben! Daß am nächsten Morgen der Himmel grau ist, tut der Begeisterung für diesen Ort keinen Abbruch!

S38°06.892 W057°35.230

 

hier geht unsere Reise weiter: Patagonien - Teil 1