Nicaragua - Ende März 2011

Der Bürokratie- und Abzocke-Alptraum Honduras liegt hinter uns und im Vergleich dazu ist die Einreise nach Nicaragua ein Klacks!

Erleichtert und in bester Laune nehmen wir die ersten Kilometer in diesem bei Reisenden sehr beliebten Land unter die Reifen, das auch prompt seinem Ruf als das Land der Seen und Vulkane gerecht wird: auf einem guten Teil der Strecke nach Leon haben wir einen der beiden aktiven Vulkane Nicaraguas im Blick.

Wir umrunden den rauchenden Vulkan Telica in weitem Bogen und können ihn so aus wechselnden Perspektiven bewundern. Der Gedanke, daß wir für weit weniger Rauch-Wölkchen in Guatemala einige Mühen auf uns genommen haben, belustigt uns selber.

Nachdem wir die „Raubritter“-Länder El Salvador und Honduras geschafft hatten, ohne auch nur einmal von korrupten Cops angehalten worden zu sein, sind wir etwas verwundert, daß wir in Nicaragua schon nach kurzer Zeit fällig sind. Simons Gesetzeshüter versucht die Sache ernsthaft und bedrohlich anzugehen, meiner will aber trotz Anschiß des Kollegen nicht mitziehen und schüttelt mir freundlich die Hand, behält die Knarre lässig über die Schulter gehängt und interessiert sich für unserer Motorräder und dafür, was wir von Nicaragua halten. Da die Erinnerung an Honduras noch frisch ist, gebe ich Nicaragua ein spontanes “double-thumbs-up“, was wohl so ehrlich rüber kommt, daß die Ausweiskontrolle endgültig abgebrochen wird und die Jungs uns stattdessen den Weg nach Leon erklären, den man nebenbeibemerkt echt nicht verfehlen kann. Aber wer würde solch Freundlichkeit mit arroganter Klugscheißerei kontern? Selbst ich kann hin und wieder taktvoll meine Klappe halten.

Leon ist ein nettes Städtchen und wie immer nehmen wir die Atmosphäre eines für uns neuen Landes mit Begeisterung in uns auf und vergleichen Alles und Jedes mit den zuvor bereisten Ländern: auffällig ist die sehr viel höhere Anzahl von Bettlern in diesem Land, die ungewohnt dreist schnorren. Generell scheint die Armut hier größer zu sein.

Dafür sind die Straßen hier abends voller Menschen, was wir als starkes Indiez dafür werten, daß Nicaragua wesentlich sicherer ist.

Wir laufen Harry und Chris in die Arme, die uns davor bewahren, einen Haufen oller langweiliger Steine zu besichten (weswegen wir eigentlich in diese Stadt gekommen sind) und statt dessen zu einem von ihnen organisierten Ausflug zu einem lokalen Hahnenkampf-Turnier einladen.

Für 12 Doller wird man zum Ort des Geschehens chauffiert und bekommt drei Stunden Rooster-Fights und zudem noch frei saufen!

Solche Versprechen haben i.d.R. einen Haken. Nicht so hier: die Veranstalter schleppen wacker Rum und Bier in tadelloser Schlagzahl an.

Daß sie bei dieser Tour nur zweimal (mit Iren) draufgezahlt haben, liegt nicht an uns. Hätten die anderen Luschen so viel Durst gehabt, wie wir, dann wäre die Tour in die Annalen eingegangen!

Aber auch die Hahnenkämpfe sind große Klasse.

 

Auch wenn nicht grad wenig Blut fließt, so wird doch, nicht zuletzt dank der kundigen Erklärungen unserer Guides, deutlich, daß man sich hier in Nicaragua um relativ natürliche Kämpfe mit Chancen-Gleichheit der Kontrahenten bemüht.

Der ganze Zirkus drumherum ist jedenfalls großes Kino: die Einheimischen, die fette Beträge wetten, gehen voll mit und wir fühlen uns an glorreiche Tage auf der Pferderennbahn in Köln erinnert! Zu schade, daß ich sprachlich einfach nicht in der Lage bin, hier ne FAIRE Wette zu plazieren und im Falle eines Gewinns diesen auch einzuklagen. Also lasse ich notgedrungen lieber die Finger davon. Leider...

Die Besitzer sind übrigens mit vollem Einsatz bei der Sache: wenn die Kontrahenten in Rocky-Filmen sich den Mund ausspülen und ihre Trainer ihnen Q-Tips mit Trockeneis an die aufgeplatzte Augenbraue halten, dann nehmen „Trainer“ beim Hahnenkampf standard-mäßig den ganzen blutigen Kopf und Hals des Hahns in den Mund und saugen daran, um das Blut aus dem Schnabel und vor allem dem Hals zu entfernen. Die Amis kriegten sich aus zugegebenermaßen nachvollziehbaren Gründen angesichts dieser Szenen gar nicht mehr ein. Zu schön ist der Cock-Sucker-Kalauer, den man nicht adäquat auf Deutsch übersetzen kann.

 

Jinoteca ist eine kühle Abwechslung im heißen Nicaragua.

Endlich nochmal erträglich Temperaturen!

Einigen hier in der Gegend sieht man an, daß sie von Deutschen abstammen. Aufgrund der Ähnlichkeit zum Schwarzwald nannten deren Vorfahren Ihre neue Heimat Selva Negra.

Wir können das landschaftlich nicht so richtig nachvollziehen. Vielleicht liegt es daran, daß wir gerade Trockenzeit haben und alles un-schwarzwald-mäßig braun und trocken aussieht.

Allerdings ist die Strecke von Jinoteca nach Matagalpa aus Motorrad-Fahrer-Sicht durchaus auf Schwarzwald-Niveau: unzählige Kurven und super Straßenzustand. Die beste Motorrad-Strecke, die wir in Nicaragua gefahren sind.

Viel zu schnell sind wir wieder fast auf Meersniveau runter und damit in der Hitze.

Wir erhaschen einen kurzen Blick auf den Lago de Managua, bevor wir nach Masaya abbiegen.

 

Masaya ist die günstigere und entspanntere Alternative zum Touristen-Magnet Granada, um die diversen Sehenswürdigkeiten in der Nähe zu erkunden:

 

 

 

Als erstes fahren wir den gleichnamigen Vulkan an. Aus dem Krater steigen Gas-Schwaden auf, die weder gesund aussehen, noch riechen. Hinweisschilder raten dazu, sich deshalb maximal 20 Minuten hier aufzuhalten.

Auf dem Weg zum Fort Coyetepe versuchen uns die Cops anzuhalten.

Ich ziehe es vor, das Zeichen mißzuverstehen und weiterzufahren.

 

Es ist spannend, die unterirdischen Bunker des Forts, in denen Regime-Gegner gefangen gehalten und gefoltert wurden, zu erkunden und dabei von aufgeschreckten Fledermäusen begleitet zu werden.

Aber schon alleine die Aussicht ist den Weg bzw. die Fahrt hier hoch wert.

Dummerweise müssen wir auf dem Rückweg zwangsläufig wieder an der Kreuzung vorbei, an der ich die Bullen ignoriert habe.

Scheinbar sind sie aber weg, so daß ich nicht wie geplant einige Hundert Meter auf der Schnellstraße als Geisterfahrer fahren muß, um ihnen auszuweichen.

Weg? Von wegen! Die Jungs haben ein Päuschen im Schatten gemacht und kommen wütend angelaufen, als ich direkt bei Ihrem Ruheplatz einen U-Turn mache.

Ich verfluche lautlos und doch höchst leidenschaftlich meine Dämlichkeit.

Zu allem Unglück habe ich ausgerechnet heute nicht unsere laminierten Ausweiskopien mit.

So bleibt mir nichts übrig, als Originale rauszurücken und mir eine wütende Strafpredikt anzuhören.

Wenn wir sie recht verstehen, hätten wir Fahrerflucht begangen und würden dafür einfahren.

Als wir uns saudumm stellen und sie einfach ignorieren, verlegen sie sich darauf, daß der U-Turn unzulässig gewesen wäre. Linksabbiegen wäre zwar erlaubt und es gibt auch kein Schild, das besagt, daß man nicht wenden darf, aber mein Manöver sei trotzdem höchst illegal. Angeblich müssen wir unsere Papiere in Managua abholen. Ich könnt mich selbst in den Arsch treten, daß ich ausgerechnet heute nicht die Fälschungen mit habe. Genau für solche Fälle haben wir die gemacht und sonst auch immer im Tankrucksack griffbereit.

Es ist überraschenderweise keine Rede von einer Geldstrafe (vor Ort). Scheinbar geht es hier eher um verletzten Hilfs-Polizisten-Stolz, für den ich keinerlei Mitleid habe. Ich bleibe stur und bange doch innerlich. Nach 10 Minuten verlieren sie die Lust an uns oder daran, in der Sonne arbeiten zu müssen und rücken unsere Papiere raus. Wir machen uns nicht die Mühe, Danke zu sagen oder beim Wegfahren zu grüßen!

 

Abends gibt es wie so oft in Mittelamerika eine Veranstaltung auf der Plaza Central, deren genaue Bedeutung uns mal wieder verborgen bleibt. Könnte was mit Frauenrechten zu tun haben. Könnte aber auch was ganz anderes sein. Ist letztendlich auch egal. Wir setzen uns einfach auf eine Bank und schauen den niedlichen Folklore-Tanz-Darbietungen einiger Kinder zu.

 

 

Von der Ostseite schauen wir uns vom Mirador (=Aussichtspunkt) die Laguna Apoyo an.

 

Die sieht so toll aus, daß wir beschließen, am gegenüberliegenden Ufer zu versuchen, eine (günstige) Unterkunft zu finden.

Naja, günstig ist an einem solch schönen Ort natürlich ziemlich unmöglich.

Da es hier aber so schön ist, gönnen wir uns mal einen Tag „Urlaub“ vom Reisen und überziehen unser Budget ein bißchen. Der Luxus, den wir dafür geboten bekommen, ist die 18 EUR echt wert: Ein piekfeines Zimmer (zumindest nach den Maßstäben, die wir auf dieser Reise gewohnt sind), relaxen bei Hammer-Aussicht auf den See, Hunde und Papageien mit denen Simon spielen kann, eigener Strand-Zugang und LKW-Reifen, um sich träge im Wasser treiben zu lassen. Abends dürfen wir in einem gerade nicht belegten LUXUS-Bungalow auf einem fetten Bildschirm Video kucken und danach machen wir noch eine Fotosession im zugehörigen Swimmingpool. Mit vollem Rotweinglas auf dem Rücken zu schwimmen ist übrigens nicht ganz einfach!

Granada ist der Touristen-Magnet Nicaraguas! Mit seinen schön restaurierten Kolonial-Gebäuden macht es am Ufer des Lago Nicaragua wirklich was her!

Trotz Touristen-MASSEN, die für uns sonst schnell den Ausschlag zum Negativen geben, gefällt uns Granada gut!

Während Simon ein Hostels klar macht, bewache ich wie üblich die Motorräder. Ein älterer Einheimischer spricht mich freundlich auf Englisch an und bietet uns nach wenigen Minuten an, die Motorräder für die Zeit, die wir hier sind, in seinem 20 Meter entferntem Haus unterzustellen. Soviel spontane Nettigkeit macht gute Laune!

Wir schauen uns die üblichen Touri-Sachen an und danach noch ein bißchen vom untouristischen Granada: offene Abwasserkanäle, deren bestialischer Gestank einem echt den Atem verschlägt und aus denen das in großer Zahl frei umherlaufende Viehzeug säuft. Da bin selbst ich in Versuchung, zumindest in dieser Stadt kein Fleisch zu essen.

 

Unser Hostal-Wirt gibt uns einen Tip: um fünf soll ein Reiterumzug beim Fort starten. Wir sind pünktlich zur Stelle und lachen uns über uns selbst kaputt: „Fünf Uhr“ kann in Mittelamerika vieles heißen, nur eins ganz sicher nicht: fünf Uhr!

Die nächsten zweieinhalb Stunden verbringen wir mit rumlungern, Dosen-Bier trinken und den Vorbereitungen zuzuschauen! Mal abgesehen davon, daß eine solche Festivität in Mittelamerika, wie alles im Alltag mit unheimlich viel Lärm und ohrenbetäubend lauter Musik aus verschiedenen, sich überlagernden Quellen einhergeht, ist das Ganze für uns richtig spannend. Zig LKWs und Pick-Ups mit Trailer liefern Pferde an, die selbst für uns als Laien außerordentlich prachtvoll erscheinen und wir staunen einige Male, wie das, was für uns wie Choas wirkt, irgendwann wundersamerweise funktioniert.

Als auch nach Stunden noch keine Anzeichen für einen Start des Pferde-Umzugs erkennbar sind, folgen wir dem Ruf unserer knurrenden Mägen und machen uns auf in die Touri-Fußgänger-Zone, in der uns schon nachmittags verlockende Happy-Hour-Cocktail-Angebote den Mund wässrig gemacht hatten.

Anfangs gefällt es uns richtig gut, das Treiben bei einem kühlen Getränk zu beobachten.

Während wir auf unser Essen warten, werden wir aber leider im 60-Sekunden-Takt angeschnorrt oder es wird uns in aufdringlicher Art und Weise etwas zum Kauf angeboten.

So extrem wie hier in Nicaragua haben wir das in keinem anderen Land Mittelamerikas erlebt und ganz besonders hier im Epizentrum des Tourismus ist es regelrecht unerträglich!

Am Ende bin ich sowas von genervt von diesen Belästigungen, daß meine Anssagen sehr unfreundlich ausfallen und es ihnen trotz Sprachbarriere nicht an Eindeutigkeit fehlt. Nützen tut es nichts, denn WENIGE SEKUNDEN später steht der nächste Bettler, Verkäufer oder Musikant 50 cm vor mir und nervt auf´s Neue!

Ob nur ich das als unverschämte Belästigung und Verletzung meiner Intimsphäre empfinde? Man kommt ins Grübeln über Kultur-Unterschiede: bei uns zu Hause gehe ICH auf einen potenziellen Verkäufer zu bzw. in ein Geschäft, wenn ich etwas benötige und empfinde es als unangenehm, wenn mir etwas offensiv angeboten wird. Das geht in unserer Gesellschaft so weit, daß wir Gesetze gegen aufdringle Werbung oder Offerten haben. Hier würde das keiner verstehen und keiner der Verkäufer fühlt sich im Unrecht.

JEDER Nicaragua-Reisende fährt auf die Isla de Ometepe. Vulkanbesteigung (in Mittel-Amerika ungefähr so exotisch wie ein Gletscher in Alaska), ruhige (?) Badestrände, Kajakfahren und Faulenzen locken. Wir können uns noch nicht so ganz entscheiden, ob uns der Abstecher den finanzielle und zeitliche Aufwand von zweimal mit den Motorrädern per Fähre fahren wert ist.

Da wir drei Stunden bis zur nächsten Fähre warten müßten, entscheiden wir uns spontan zur Weiterfahrt.

Zum Glück! Am nächsten Tag treffen wir Andi und Susanne, die noch ganz aufgewühlt sind von ihrem Ometepe-Fähre-Erlebnis: die beiden haben stundenlang gewartet, um dann letztendlich doch nicht mehr auf die Fähre zu passen und das obwohl sie ein Ticket hatten. Vor allem Susanne kocht auch Stunden nach dem Erlebnis noch vor Wut und Frust!

Nördlich von San Juan del Sur soll es angeblich reichlich einsame Strände geben, wo man wild campen kann - so der Tip eines in Nicaragua lebenden Deutschen, den wir neulich getroffen haben. Wir fahren stundenlang bei sengender Hitze über Staub-Pisten auf der Suche nach besagten Stränden. Der einzige, an dem wir wirklich wild hätten campen können, war nicht gerade menschenleer und unser Zelt hätte in der prallen Sonne gestanden, was in diesen Breiten kein Spaß ist.

So landen wir denn irgendwann wieder total verschwitzt und schmutzig und vor allem ziemlich k.o. in San Juan del Sur.

Selten haben wir ein Örtchen gesehen mit einer solchen Hotel- und Hostal-Dichte!

90% der Besucher sind Surfer, 9% sind Mädels, die auf Surfer stehen und dann gibt es noch das etwas verloren wirkende eine Prozent, zu dem wir gehören.

 

Am Abend gibt es einen Hammer-Sonnenuntergang. Wir sind aber so fertig, daß wir die Beachfront mit den netten Restaurants und Bars links liegen lassen und früh im Bett liegen. Die Nacht ist dann mal wieder unerträglich heiß. Typisch für Nicaragua und damit ein Fakt, der gegen das ansonsten ganz sympathische Land spricht.

hier geht unsere Geschichte weiter: Costa Rica - Teil 1