Guatemala - Teil 5 (Antigua) - Ende Februar 2011

Auf unserem Weg von Xela nach Antigua fahren wir nochmal am Lago de Atitlan vorbei, in der Hoffnung, daß diesmal besseres Wetter zum frotografieren ist.
Julius hatte uns beim letzten mal einen super Aussichtspunkt gezeigt, den wir ohne ihn nie gefunden hätten (N14°42.294' W091°06.859').
Kurz zuvor hatten wir schon die unverwechselbare Silhouette unseres Freundes Nick, der mit einer 125er um die Welt fährt, erspäht, ihn mit Gehupe überholt und am Straßenrand mit viel Hallo begrüßt. Solche zufälligen Begegnungen gehören zum Schönsten, was das Vagabunden-Leben zu bieten hat. Nach einem gemeinsamen Frühstück mit Blick auf den See und einer Fotosession bei der leider partout kein wirklich witziges oder gutes Foto rausspringen will, fahren wir gemeinsam weiter.

Die kürzeste Strecke laut GPS nach Antigua windet sich durch Berge und zum Glück erfahren wir erst später, daß es hier regelmäßig Überfälle gibt.
Statt dessen haben wir mit anderen Widrigkeiten zu kämpfen: plötzlich endet die Straße.
Die Brücke ist weggerissen worden.
Wir folgen einer Sandpiste dem Fluß entlang, bis wir zu einer Furt kommen, an der wir übersetzen können.
Nick schlägt sich wie immer kurz vor der Stadt ins Gebüsch, um dort zu übernachten. Der Kerl reist echt Hardcore: über die 125er mag manch einer lächeln, aber mit der fährt er Pisten, die wir uns nicht antun würden und der Mann hat Mumm: er zeltet so ziemlich überall wild. So ist er sogar durch ganz Afrika gefahren.

Die Unterkunftssuche in Antigua gestaltet sich nicht ganz einfach.
Die Stadt ist DER Touristenmagnet des Landes! Entsprechend verdorben sind die Preise. Am Ende sind wir froh, ein Hostel mit Küche, Kühlschrank und WLAN für umgerechnet 10 EUR gefunden zu haben, bei dem unsere Motorräder im Flur parken können.
Wenn man bedenkt, daß wir in den sechs Wochen, die wir nun schon in Guatemala sind, noch nie mehr als 6 EUR für ein Doppelzimmer bezahlt haben, ist der Preis ganz schön saftig.
Normalerweise zahlen wir immer Tag für Tag, um flexibel zu bleiben. Aber da wir in vier Tagen mit Andi und Susanne hier verabredet sind, löhnen wir ausnahmesweise für die ganze Zeit.
Murphy´s Law: am nächsten Tag laufen wir schweizer Bekannten über den Weg, die ganz verwundert sind, daß wir nicht auf dem zentral gelegenen Gelände der Touristen-Polizei für lau campen - Null-Sterne-Sanitäranlagen und von der Polizei zur Verfügung gestelltes WLAN inklusive! AAAAARRRRGG! Wir ärgern uns schwarz, denn eins haben so ziemlich alle Hostels und Hotels in Guatemala gemeinsam: ein Schild über dem Front-Desk, das verkündet „no refunds“ = kein Geld zurück!

Am nächsten Tag treffen wir uns mit Nick, um die Stadt zu erkunden.
Er läßt sein Motorrädchen wie immer voll aufgerödelt auf der Straße stehen.
Das würden wir nie riskieren, aber bei Nick ist es wohl bisher immer gut gegangen. Hilfreich ist vielleicht, daß man Nicks Ausrüstung echt ansieht, daß er schon lange unter harten Bedingungen on the road ist. Nur seinen Helm nimmt Nick immer mit, dabei ist der Einzige, den ich kenne, der sich sogar so nen ollen miefigen Helm "aneignen" würde, derzeit weit weg und kommt erst Ostern in Mexiko an!
Die Angeber-Pose Nicks auf diesem Foto hat er übrigens nur dem Fotografen zu liebe eingenommen. Im Gegensatz zu mir ist Nick kein Angeber.

Auf den Hügel mit dem Kreuz, von dem man eine schöne Aussicht auf die Stadt hat, kann man sich mittlerweile dank massiver Polizei-Präsenz auch wieder auf eigene Faust wagen.

Antigua ist in der Tat eine sehr reizvolle Stadt: alle Straßen im Zentrum haben Kopfsteinpflaster, es gibt keine hohen Häuser, dafür aber Straßenfluchten mit postkartenreifer Vulkanperspektive und alle paar Meter sieht man wieder neue fotogene Ruinen.
Für viele muß man leider Eintritt zahlen, wobei für die zwei schönsten unverschämte 40 Quetzales (4 EUR) verlangt werden, was für lokale Verhältnisse exorbitant ist, zumal wir hier von ziemlich übersichtlichen Ruinen sprechen.

Abends gehen wir mit Gerd, mit dem wir schon in Xela einige Bierchen platt gemacht hatten, einen trinken.
Gerd, der aus Aachen stammt, ist seit rund 30 Jahren „Teilzeit-Reisender“:
die Hälfte des Jahres verbringt er in Aachen, die andere auf Reise.
Da er die letzten Jahre Stück für Stück von Süd-Südamerika mit seiner DR650 hier hoch gefahren ist, kann er uns manch guten Tip geben.
In Antiugua gibt es gefühlt ca. 100 Travell-Agents, deren Angebote nahezu identisch sind und immer die Tour zum Pacaya-Vulkan einschließt. Handeln bzw. Preise Vergleichen lohnt sich übrigens.
Die eigentlichen Touranbieter sind jedoch nur wenige und werden von einer Vielzahl von Agenten bedient, so daß wir am Ende in einem ziemlich vollen Transporter mit 11,5 Sitzen sitzen. Glückspilz Panny sitzt übrigens eineinhalb laaaange Stunden auf dem halben Platz!
Unsere 12er-Gruppe ist nur eine von vielen, die sich an den ziemlich steilen Aufstieg machen, der aber ungeahnte Höhen für uns bereit hält: so manches mal haben wir in den letzten Monaten beim Erklimmen von Hügeln, Bergen und Vulkanen geschnauft und gekeucht und geglaubt, wir wären schlecht in Form. Aber hier gehören wir überraschenderweise zu den Fittesten! Angesichts von vor Überanstrengung kotzenden Touris, schweißtropfenden Gesichtern und manch einem, der im Laufe des Aufstiegs aufs geführte Pferd umsteigt, kommen wir uns ausnahmesweise mal super fit vor und unser Gang wird immer leichtfüßiger! Sport-Saufen und tägliches Motorrad-Fahren sind halt doch gut für die Kondition!
Nach einer Stunde kommt der erste Lohn-der-Mühen-Punkt: in die eine Richtung eine großartige Aussicht auf den Pacaya-Vulkan, in die andere Richtung der Blick auf ein märchenhaftes Wolkenmeer.
Bei schnell immer dichter werdendem Nebel wandern wir durch die außerirdisch wirkende Lava-Landschaft.
Es wird zunehmend wärmer.
Aus Löchern im Boden strömt siedend heiße Luft. Legt man ein paar Stöckchen an den Rand, so entzünden sie sich umgehend. Vor allem die US-amerikanischen Touris machen, was sie immer an solchen Orten machen: Marshmallows auf Stöckchen stecken und diese „rösten“ bis sie anschwellen und eine klebrig warme tropfende Masse werden.
An einer Stelle kann man sogar in eine Höhle gehen, in der es sich anfühlt, als wäre in der Sauna das Thermostat kaputt. Hölle!
Wir sitzen in dieser Nebelsuppe, in der man kaum ein paar 10 Meter weit kucken kann, mit rund 50 anderen Touris und warten. Worauf wir warten ist uns nicht klar. Bei Sonnenuntergang reißt plötzlich ein Loch in der Nebelwand auf und innerhalb von drei, höchstens fünf Minuten verschwindet aller Nebel um uns herum. Wie von Geisterhand. Sowas haben wir noch nie erlebt!

Die Ausblicke, die sich uns nun bieten sind atemberaubend!
Wir stehen buchstäblich über den Wolken.
Auf „Augenhöhe“ ist der Himmel klar und darüber sind wieder dichte Wolken, in denen sich die letzten Sonnenstrahlen in imposanten Farben brechen.
Der Abstieg im Dämmerlicht ist dann auch noch vom Feinsten: aus dem Watte-Wolken-Meer ragen majestätisch drei Vulkane auf und lassen manch einen ergriffen stehen bleiben! Wow!
Auf dem MRT in Kanada haben wir Andi und Susanne kennen gelernt und uns prächtig mit den beiden verstanden!
Manchen (Motorrad-)Reisenden fährt man immer wieder zufällig über den Weg. Mit Andi und Susanne war es leider umgekehrt! Wir sind die letzten acht Monate mehr oder weniger durch die gleichen Gegenden gefahren. Oftmals mit nur einigen Tagen Abstand zu einander. Und wir haben unzählige Mails ausgetauscht. Aber irgendwie hat es trotz beiderseitigem Willen nie geklappt, uns nochmal zu treffen.
Hier in Antigua ist es endlich so weit!

Da wir uns viel zu erzählen haben und solche Erzähl-“Wut“ doll durstig macht, brechen wir die Suche nach einem netten Lokal schnell ab und setzen uns in das erstbeste, das gemütlich aussieht. Dank sehr angeregter Unterhaltung nehmen wir das „Ballermann“-Drama um uns herum nur mit einem Auge und Ohr war: das Angebot des Hauses ist Schnitzel!
Ich gebe es zu: auch Andi und ich haben eins gegessen.
In der Fremde bekommt man die komischsten Gelüste!

Das Schnitzel-Angebot hat jedoch noch ein knappes Dutzend deutschsprachiger RV-/Campingbus-Reisender ins Lokal gebracht und dazu geführt, daß der Wirt nun den ganzen Abend deutsche Schlager spielt!
Harte Kost, die unserer super Stimmung aber dennoch keinen Abbruch tut!
hier geht unsere Geschichte weiter: Guatemala - Teil 6