Guatemala - Teil 4 (Xela) - Februar 2011

In Guatemala gibt es wirklich in jeder Stadt und jedem noch so kleinen Städtchen günstige Sprachschulen.

Die meißten Traveller entscheiden sich dabei für die touristische Perle und Sprachschul-Hochburg Antigua.

Uns erscheint Guatemalas zweitgrößte Stadt Quetzaltenango, das üblicherweise nur Xela genannt wird, attraktiver. Die Preise sind hier sowohl in geringem Maße für die Sprachschulen und für Unterkünfte gar deutlich günstiger. Außerdem ist die Stadt weniger touristisch, was uns immer lieber ist.

Wir mieten uns wochenweise zu einem günstigen Preis in ein Hostel ein und Simon sucht sich aus den gefühlt 100 Spanish Schools eine symphatische aus.

5 Stunden Einzelunterricht täglich kosten pro 5-Tage-Woche unglaublich günstige 60 EUR! Besagter Einzelunterricht wird zudem ganz auf die Fähigkeiten und (thematischen) Bedürfnisse des Schülers ausgerichtet.

Wenn Simon aus der Schule kommt (wenn ich diese Formulierung laut ausspreche, fühle ich mich wahlweise 30 Jahre jünger oder wie ein Päderast:-)), qualmt ihr der Kopf. Trotzdem paukt sie tapfer täglich nochmal 2 Stunden „zu Hause“.

Unser Zuhause hat übriges u.a. einen Kühlschrank und eine Gemeinschaftsküche. Ungewohnter Luxus für uns, den wir genießen: verderbliche Lebensmittel müssen endlich mal nicht am Kauftag sofort komplett aufgebraucht werden und man kann z.B. einfach wenn es einem in den Sinn kommt, an den Kühlschrank gehen und sich ein KALTES Bier holen! Aaaahh! Was für ein Genuß!

Dank meines extremen Un-Talents für Fremdsprachen war direkt klar, daß ich mich dem Kampf mit der spanischen Sprache nicht stellen werde.

Statt dessen betreibe ich zwei Wochen lang Online-Research für unsere weitere Reise.

U.a. muß die Überquerung des Darien Gap geplant werden: ein ca. 100 km langes (?) für Normalsterbliche mit dem Motorrad nicht überwindbares Sumpfgebiet zwischen Panama und Kolumbien.

Außerdem müssen wir so langsam mal ganz grob festlegen, wie wir durch Südamerika fahren wollen und speziell von wo auf diesem Kontinent wir die Motorräder dann nach Ozeanien (vermutlich Neuseeland) transportieren wollen.

Was für andere eine Strafe wäre, macht mir großen Spaß: täglich zig Stunden vor dem Netbook sitzen, recherchieren, Informationen zu noch vielen weiteren Themen außer den oben genannten zusammen tragen und diese dann auch noch sinnvoll managen.

Außerdem ist es mal eine ganz angenehme Abwechslung, täglich ein paar Stunden eigene Wege zu gehen. So profane Dinge, wie zum Beispiel den Zeitpunkt des Frühstücks oder was gegessen wird, spontan und ohne Rücksprache mit dem Partner entscheiden zu können, tut für ein paar Tage mal ganz gut.

 

Nachmittags erkunden wir gemeinsam die Stadt.

Xela hat einen netten Friedhof. Neben den üblichen Grab-“Schubladen“-Wänden und -Häusern und vielen tollen und teilweise auch ungewöhnlichen Mausoleen und Grab-Statuen, ist dieser Friedhof dank des majestätisch im Hintergrund thronenden Vulkans Santa Maria besonders fotogen.

Am Wochenende hat Simon keinen Unterricht und so kraxeln wir samstags auf den Hausberg mit dem Kreuz.

Was als Spaziergang geplant ist, wird zum schweißtreibenden Hochleistungssport.

Wir finden nicht den richtigen Weg und kämpfen uns schnaufend auf Trampelpfaden extrem steile Hänge hoch.

Lohn der Mühen ist ein imposanter Blick auf Xela.

Sonntags geht es zu einem Vulkan-Kratersee in der Nähe. Nach einer knappen Stunde Fahrt sind wir im richtigen Dörfchen angekommen. Die Straße hoch zur Laguna de Chicabal ist heftig.

Irgendwann geben wir auf, stellen die Motorräder ab und mühen uns zu Fuß weiter. Bei einer Höhe von rund 2.700 Metern ist das nicht ohne. Es geht endlos steil bergauf und selbst Allrad-Trucks kommen hier teilweise ins Rutschen.

Auf Fotos sehen Haarnadelkurven und üble Gefälle immer viel weniger imposant aus, als aus der über-den-Lenker-Perspektive, aber ich glaube, dieser Schnappschuß vermittelt dennoch ein Gefühl dafür, wie heftig die Piste ist.

Nun wäre es eigentlich mal wieder an der Zeit für einen Lohn-der-Mühen-...-Satz.

 

Aber mit dem Lohn ist es nicht allzuweit her.

 

Der Kratersee hat irgendwie nichts von Krater und sieht aus wie jeder x-beliebige Waldsee.

 

 

Da ist der Blick in die andere Richtung schon interessanter:

die Vulkane Santa Maria und der etwas kleinere dafür aber permanent rauchende Santiaguito.

 

Ein Hostel-Mitbewohner kommt einige Tage später von einer Exkursion zum Santiaguito-Vulkan zurück: alles an ihm ist voller Asche, aber aus seinem grau gepuderten Gesicht strahlt er uns begeistert an. Das sei die geilste Vulkan-Tour gewesen, die er je gemacht habe: sie hätten eine mächtige Eruption miterlebt und Lavaströme links und rechts von ihnen und einer, der gar beängstigend schnell auf sie zugekommen sei.

Das wollen auch wir erleben und buchen für den nächsten Samstag eine Tour bei genau diesem Guide, der auf Drängen unserers Mitbewohners bereit gewesen war, so mutig (oder leichtsinnig) nah an den Vulkan heranzugehen.

 

Was uns der Guide nicht verrät: am Wochenende ist der normale Zugang über das private Gelände einiger Finkas nicht möglich, da diese aus verständlichen Gründen dann keine Touris auf ihrem Grund dulden.

Die Alterativroute weiter südlich führt ebenfalls über Privatgelände, deren Besitzer aber auch am Wochenende nichts gegen Fremde haben. Einerseits ist die anderthalb-stündige Fahrt über die Finkas und durch ihre diversen Plantagen sehr interessant, andererseits zeigt sich, daß sich unser Führer hier überhaupt nicht auskennt und wir immer wieder in Sackgassen landen und umkehren müssen, was bei der Qualität der Wege teilweise ganz schön schwierig ist.

 

 

Über scheinbar seit langem nicht mehr benutzte und bereits hüfthoch zugewachsene Wege rumpeln wir dem Vulkan näher und laufen dann nochmal ein paar Minuten, bis wir eine Stelle mit guter Sicht gefunden haben.

 

Der Santiaguito hat im Durchschnitt alle 30 Minuten eine Eruption.

Im Durchschnitt...

 

Bei sengender Hitze starren wir eine Dreiviertelstunde auf den Vulkan, sehen manch Wölkchen aufsteigen und hören einige Male ein Donnern und Rumpeln, aber eine ORDENTLICHE Explosion wird uns leider nicht geboten.

Dann bewölkt sich der Himmer so stark, daß man selbst eine richtig fette Eruption vor diesem Hintergrund zumindest auf einem Foto nicht mehr ausmachen könnte und wir geben auf.

 

Schade! Nett war die Tour und der Anblick dennoch!

 

Auf dem Rückweg machen wir noch einen kleinen Abstecher zu einem Städtchen, das in den 1920ern vom Vulkan fast vollständig verschüttet wurde.

Dabei kamen 7.000 Einwohner um.

 

Von einer Hängbrücke hat man nochmal einen phantastischen Ausblick auf die beiden Vulkane.

Sehr geil ist der Friedhof, der größtenteils von der Katastrophe verschont und bis in die 70er weiter benutzt wurde. Die Vegetation hat den Friedhof zu großen Teilen schon wieder zurückerobert. Viele aufgebrochene Grabkammern und Särge tragen zusätzlich zur abenteuerlichen Athmosphäre bei.

Sonntags machen wir einen Ausflug zum Lago de Atitlan, wo wir uns in Panajachel mit Julius, einem in Guatemala City lebenden südtiroler GS-Fahrer und seiner einheimischen Frau verabredet haben.

Der See und die ihn umgebenden Vulkana sind wirklich wunderschön und das landschaftliche Highlight dieses Landes!

Die Umrundung dauert einige Stunden und im Süd-Westen des Sees gibt es einen Straßenabschnitt, der es in sich hat: knöcheltriefer Staub und Schlaglöcher in Kombination mit der Steigung machen zwei miese Kurven zu echten Herausforderungen für uns, die wir nur in mehreren Versuchen meistern.

 

DIESES Foto ist übrigens wieder eines von denen, auf denen es nach kaum Steigung aussieht, auch wenn es in Echt ganz anders war.

 

Auf diesem schlechten Abschnitte eskortieren uns zwei Bullen, da es hier regelmäßig zu Raubüberfällen kommt. So fordernd wie dieser Abschnitt ist, kann ich mir gut vorstellen, warum die Räuber diese Stelle wählen: man ist extrem langsam unterwegs und hat kaum Widerstandskraft gegen einen Überfall, wenn man alle Hände voll damit zu tun hat, mit dem Krad in der Senkrechten zu bleiben und die Steigung zu erklimmen. Andererseits hätte ein Räuber vielleicht sein blaues Wunder erlebt, wenn ich an ihm meinen Frust über diesen Scheiß-Hügel und meine Unfähigkeit, die Piste (elegant) zu meistern ausgelassen hätte.

Wir haben Xela unter anderem deshalb für diesen zweiwöchigen Aufenthalt ausgewählt, weil die Stadt aufgrund ihrer Größe eine vorteilhafte Infrastruktur bietet. Es macht Spaß, endlich noch mal in großen Supermärkten mit erfreulich breiter Produktpalette und zudem günstigen Preisen einzukaufen.

Außerdem sind einige Punkte auf unserer To-Do-Liste, die wir hier in Xela in Angriff nehmen können.

Was die Beschaffung von Ersatzteilen angeht, müssen wir nach einigen Fehlversuchen leider erkennnen, daß wir diesbezüglich höchstens in der Hauptstadt auf Erfolg hoffen können.

Dafür finden wir heraus, wo wir 10W40-Motorrad Öl bekommen können (was hier sehr viel schwieriger ist, als in Deutschland) und wo wir selber unseren Ölwechsel machen können.

Vor einem Ölwechsel-Dienstleister machen wir uns am Straßenrand an die Arbeit. Als Gegenleistung dafür, daß wir ihnen das Altöl zum Weiterkauf für Industrie-Maschinen überlassen, bekommen wir zwei Ölwannen zur Verfügung gestellt und sie würden uns sogar den Ölwechsel machen. Den möchte ich aber aus einer ganzen Reihe von Gründen lieber selber durchführen.

Als erstes müssen die Unterfahrschutz-Bleche ab. Die sind so verdreckt und unter Spannung durch unzählige Aufsetzer, daß schnell zwei dieser Spielzeug-Touratec-Schrauben ruiniert sind. Die Jungs, die bisher interessiert zugeschaut haben, eilen sofort zu Hilfe und eh ich mich versehe oder es gar verhindern kann, arbeiten zwei professionelle Ölwechsler an den rund gedrehten Schrauben und helfen beim Ölwechsel an jeweils dem Motorrad, an dem ich mich gerade nicht selbst zu schaffen mache.

Eigentlich ein Alptraum: auf offener Straße in Guatemala, zig Leute (die halbe Belegschaft des Ladens, wo wir das Öl gekauft haben) stehen in unmittelbarer Nähe um uns rum, die Koffer sind offen, Teile und vor allem mein Werkzeug liegt herum und Ölfilter und -Ablasschrauben will ich normalerweise selber sauber machen und anziehen und das nicht anderen überlassen.

Aber die beiden Jungs arbeiten ultra gewissenhaft, sind super nett und weigern sich nachher sogar ein Trinkgeld anzunehmen.

Das war mal eine richtig positive Erfahrungen!

 

 

 

hier geht unsere Geschichte weiter: Guatemala - Teil 5 (Antigua)