Guatemala - Teil 3 - Februar 2011
Mit jedem Tag geht es mir langsam besser. Auch wenn ich noch weit von meiner alter körperlicher Kondition entfernt bin, die Ruhelosigkeit treibt uns weiter.
Damit wird nun auch wieder das Thema technischer Zustand der Motorräder akut.
Simons Transalp hatte die letzten Tage vor El Estor gelegentlich Probleme beim warm Starten gehabt.
Erstmal stehen wir jedoch vor einem anderen Problem: der heftige Dauer-Regen der letzten Tage, gepaart mit den Temperaturen hier, hat unseren Krädern rostmäßig schlimmer zugesetzt als ein durchgefahrenen Winter in Deutschland!
Und vor allem: beide Zündschlösser lassen sich nicht mehr drehen!
Ein altes leidiges Thema: schon in Deutschland hatte Simons Zündschloß immer wieder gehakt, so daß wir es letzten Endes auf Garantie hatten austauschen lassen.
Das würde hier schwierig bis unmöglich sein, da lokale Honda-Dealer das Programmieren der Wegfahrsperre bei einem neuen Zündschloß mit ziemlicher Sicherheit nicht leisten könnten.
Aber mit Gedult und viel WD40 bewegen sie sich nach einiger Zeit wieder.
Wir atmen auf!
Zeigt einmal mehr: WD40 ist ein ganz wichtiges „Werkzeug“, das man immer dabei haben sollte!

Die Landschaft auf der Strecke nach Cobán ist vom Feinsten!
halber Tag Schotter- und Dreckpiste ist allerdings trotz passablem Zustand der Straße für mich noch ganz schön anstrengend.
Aber statt sich in einem Hotelzimmer zu langweilen, sitze ich wenigstens wieder auf meinem Krad - und das fühlt sich gut an und ist somit bestimmt der Rekonvaleszenz förderlich!

Von Cobán fahren wir nach Lanquín weiter.
Ein nettes kleines Örtchen, wo wir zwei Nächte am Fluß zelten und von wo aus wir einen Tagesausflug zum Parque Nacional Semuc Champey machen wollen.
Die Piste dorthin hat es in sich. Einige Male kommen wir ins Schwitzen und an einem steilen Stück mit grobem Geröll haut es mich schwungvoll hin: die Karre liegt abschüssig und direkt vor einer Kurve. Simon hat mit Mühe noch weiter oben halten können und kann nun weder vor noch zurück und bei dem starken Gefälle nicht mal absteigen, um mir zu helfen. Zwei Motorrädchen kommen den Berg hoch und können meinem Krad im letzten Moment ausweichen, was bei dem Pistenzustand echt eine Meisterleistung ist. Sie halten weiter oben und helfen mir, die Transalp aufzurichten, was wegen des Gefälles nicht einfach und übrigens genau das „Richtige“ für mich mit meinem Leistenbruch ist. Aber ich habe keine Wahl.
Auch Simon schafft die Passage letztendlich nicht ohne Sturz - allerdings kommt sie glimpflicher davon. Einer meiner Koffer hat übel was abbekommen und hält so gerade noch. Da ist ein Werkstatt-Besuch fällig.
Was uns im Nachhinein mehr als der Sturz selber ärgert: es war eine mal wieder eine dieser dramatisch-fotogene Szene, die echt was hermachen und wir hätten diesmal sogar dran gedacht sie zu fotografieren, bevor wir die Karre wieder aufgerichtet haben, aber der Fotoapparat war nicht zugänglich, weil wir ihn in Guatemala immer tief im Koffer vergraben! AAAARRRRGGG!
Semuc Champey entschädigt dann aber für den Verdruß der Anfahrt. Der an dieser Stelle reißende Rio Cahabón fließt hier für einige hundert Meter unterirdisch. Die so entstehende natürlich Brücke ist voller idyllischer Pools, die kaskadenförmig ineinander fließen.
Zurück in Coban müssen wir feststellen, daß samstags und sonntags hier alle Werkstätten geschlossen sind. Für Deutsche mag das normal klingen. Aber nachdem wir so lange in Mexiko waren, sind wir an andere Öffnungszeiten gewöhnt.
Ein Ausflug zu einer Kaffeeplantage hilft die Wartezeit angenehm zu überbrücken.
Hier bekommen wir eine Führung durch die Plantage und den kompletten Prozeß anschaulich erklärt.
Montags machen wir uns dann direkt auf die Suche nach einem Karosserie-Betrieb, der den Koffer richten könnte. War in Mexiko angeblich noch das Problem, daß Werkstätten sich mit ungerechtfertigtem Selbstbewußtsein an Technologie wagten, der sie nicht gewachsen waren, so ist das Dilemma hier genau andersherum gelagert: Alle winken ab, sobald sie sehen, aus welchem Material die Koffer sind. An Alu will sich hier keiner wagen.
Erst im vierten Anlauf ist eine Werkstatt bereit, sich der Sache anzunehmen.

Die Methode ist zwar nicht gerade materialschonend, aber das Ergebnis kann sich sehen lassen.
Nach 10 Minuten hat der Schlosser die Box mit beherzten Hammerschlägen unter Zuhilfenahme diverser Klötzchen und Bretternwieder in einen ordentlichen Zustand gebracht: alle Fluchten sind wieder in Ordnung, die Halter sind wieder in der richtigen Position, der Deckel paßt und die Schlösser schließen wieder.
Wow! Der Mann versteht sein Handwerk wirklich und verlangte gerade mal 2 EUR dafür, die ich gerne bereit bin zu zahlen.

Auf der Fahrt nach Huehuetenango müssen wir mehrfach nach dem Weg fragen, was bei diesem Zungenbrecher echt eine Strafe ist.
Nach dem Weg zu fragen ist ja dank GPS ziemlich aus der Mode gekommen, aber in Guatemala für uns leider wieder ziemlich oft die einzige Möglichkeit, den Weg zu finden.
Dadurch daß wir den Navi aus Sicherheits-gründen so gut wie nie benutzen und es mit der Beschilderung vor allem auf den Nebenstrecken, auf denen wir überwiegend fahren, nicht weit her ist, hat Simon reichlich Gelegenheit, ihr Spansisch zu erproben! Übrigens ziemlich erfolgreich, auch wenn manches mal die einheimischen Typen ziemlich irritiert sind, daß da eine Frau unter dem Helm steckt und auch noch als Road-Captain vorfährt.

Fahrerisch ist die heutige Etappe allerdings mal wieder nicht ohne. Wir kommen schätzungsweise an 100 Erdrutschen vorbei! Der hier fotografierte ist noch einer der harmlosesten
Als wir einmal steil bergauf und um eine Haarnadelkurve herumfahren wollen, ist die Hälfte der Fahrbahn verschüttet. Von oben kommt ein großer Lastwagen, der eigentlich halten und uns erst durchlassen müßte. Soviel zur Theorie. Mit Mühe und Not steuern wir die Kräder in den Schutt, ziehen die Handbremse und rutschen zu unserem Entsetzen aufgrund des extremen Gefälles gepaart mit dem Drecks-Untergrund sofort rückwärts den Hang runter - in Richtung Innenkurve und auf den Truck zu. Bange Momente, bis die Motorräder mit der Fußbremse zum Halten kommen.
An einer anderen Stelle ist die Straße durch einen Erdrutsch unpassierbar geworden. Die Umleitung ist natürlich ne Dreckspiste und hat wieder mal übles Gefälle, inklusive Haarnadelkurven. Mein persönliches Alptraum-Szenario: man bremst vor einer scharfen Kurve zärtlich und perfekt dosiert an und das Vorderrad rutscht auf dem losen Untergrund einfach weiter GERADEAUS. Bremsen und um die Kurve lenken funktioniert hier nicht gleichzeitig. Die Alternative ist achselschweiß-intensiv und läßt Pauschal-Urlaube für einen ganz kurzen Moment als attraktive Reiseform erscheinen.
Zum Glück sind solche Augenblicke moralischer Schwäche fix überwunden:-)

Wir fahren zwei Tage lang durch die Berge im Nordwesten Guatemalas und übernachten u.a. in Santa Crus del Chiché.
hier geht unsere Geschichte weiter: Guatemala - Teil 4 (Xela)