El Salvador / Honduras - März 2011
Endlich fahren wir wieder!
So interessant die letzten fünf Wochen der Quasi-Seßhaftigkeit als Erfahrung waren, uns hat das tägliche Motorradfahren und das Vagabunden-Leben gefehlt und wir sind froh, endlich wieder zusammen zu sein.
Wir platzen vor guter Laune, als wir uns auf den Weg nach El Salvador machen.
Da tut auch die Hitze, die wir gar nicht mehr gewöhnt sind, keinen Abbruch!
Eine letzte Nacht in Guatemala und am Morgen geht es früh los zur Grenze.
Wir brauchen zweieinhalb Stunden, bis wir die Grenzformalitäten geschafft haben und ins Land der Mara Salvatruchas rein fahren. Was sich wie ein Indio-Stamm anhört, ist eine extrem brutale und außerordentlich gewaltbereite Straßengang, die in die Hundertausend zählt und sich in die Nachbarländer Mittelamerikas und bis weit in die USA ausgebreitet hat. Den Jungs wollen wir nicht über den Weg laufen, auch wenn uns ihre großflächigen Gang-Tattoos sehr interessieren würden.
Die ersten Sätze der Sicherheitshinweise des auswärtigen Amtes:
„El Salvador weist in Lateinamerika und weltweit eine der höchsten Kriminalitätsraten auf. Im Jahresschnitt kommen mehr als zehn Menschen pro Tag durch Tötungsdelikte ums Leben. Die Gefahr von Gewaltverbrechen - insbesondere in der Nähe der touristisch interessanten Vulkane und am Strand - ist überaus hoch, die Hemmschwelle beim Gebrauch von Schuss- oder Stichwaffen niedrig. Im Falle eines Überfalles ist es dringend geboten, auf Widerstand zu verzichten.“
Und so geht das dann im weiteren Text in einem fort! Die Mord-Quote wird uns übrigens am ersten Tag im Land direkt per Zeitungsschlagzeile bestätigt: Januar und Februar 2011: 600 Mordopfer!
Da das AA dringend von der Benutzung von Nebenstraßen abrät und Santa Ana als eine der gefährlichsten Städte des Landes einstuft, fahren wir über Nebenstraßen nach Santa Ana und verbringen dort einen netten Abend im Rotlichtviertel.
Ganz so bekloppt, wie sich das anhört, sind wir natürlich nicht.
Entgegen allen Statistiken und Warnhinweisen sind die normalen Leute in San Salvador unglaublich nett und hilfsbereit!
Wir hatten mal gelesen, daß die Menschen in Guatemala im Vergleich zu denen der anderern mittelamerikanischen Staaten eher zurückhaltend und reserviert wären. Nun verstehen wir, was damit gemeint ist! Dabei fanden wir die Guatemalteken schon sehr freundlich!
Wir werden jedenfalls überall freundlich angesprochen und von unheimlich vielen Leuten angestarrt und beobachtet. Ob´s daran liegt, daß wir Fremde sind oder an unseren Tattoos, die hier noch nicht modisch verbreitet, sondern eher Verbrecher-Kreisen vorbehalten sind?
Bedrohlich wirkt das Verhalten der Menschen auf alle Fälle nicht. Die Leute scheinen eher interessiert zu sein.
Auch müssen wir uns erstmal an die lokalen Sitten gewöhnen: in Deutschland hat mich noch nie eine Verkäuferin an der Hand gefaßt und gegen meinen körperlichen Widerstand versucht, in ihr Geschäft zu ziehen.

An unserem ersten Tag landen wir jedenfalls in Santa Ana im Hostal Casa Verde, das sich als das beste Hostal entpuppt, in dem wir je waren.
Wie´s der Zufall will, beginnt der Transen-Strich nur zwei Ecken weiter, wie wir bei der Suche nach einem Supermarkt feststellen. Die Blicke und Rufe, die mir die Transen hinterher schicken, amüsieren Simon und jagen mir kalte Schauer über den Rücken. Aber ein echter Abenteurer muß sich auch solchen Gefahren stellen.
Unser Hostal-Wirt versichert uns, daß die Kneipen in der Gegend zwar schäbig, aber sicher seien. Also machen wir uns abends auf, dort ein Bierchen zu trinken und verbringen in einer runtergekommenen Bar ein interessantes Stündchen damit, die drittklassigen Animierdamen zu beobachten und die niveauvolle Einrichtung des Etablissements zu bestaunen.
Aussagekräftige Bilder von diesem Abend gibt es in unserer Ab-18-Rubrik.
Für einmalige 9,95 EUR gibt es auf Anfrage das Password.
Ha! Späßle gemacht! Natürlich erleben wir nix, was man in eine ab-18-Rubrik einstellen könnte:-)

Daß San Salvador wirklich nicht ungefährlich ist, kann man auch hier an Kleinigkeiten erkennen.
Schon in Mexiko und vor allem in Guatemala wurden unheimliche viele Gebäude und Geschäfte von bewaffneter Security bewacht.
Aber hier in El Salvador ist dies noch viel ausgeprägter.
Und die Stadt ist mit Schußwaffen-verboten-Schildern gepflastert!

Stacheldraht in mehreren Lagen schützt viele Häuser und Gründstücke.
Nach Einbruch der Dunkelheit sind die Straßen auffallend menschenleer.

Der Lago de Coatepeque liegt nur wenige Kilometer südlich von Santa Ana.
Die gepflegten Anwesen und die vielen Bootshäuser lassen darauf schließen, daß hier keine armen Leute ihr Häuschen haben.

Nicht nur der Ortsname sorgt in Berlin für Verwirrung:
die Cops wollen helfen und bieten an, uns an unser Ziel zu eskortieren.
Leider mißverstehen sie aber unser Begehr: fatal, daß sie gerade eine Einkaufstour durchs Städtchen machen und wir mehrfach in der prallen Sonne auf die Weiterfahrt warten müssen, bis endlich klar wird, daß sie uns zu einem Hotel bringen wollen.
Wir sind aber doch auf der Suche nach einen Campingplatz!
Nett gemeint, Jungs! Hat uns leider eine besonders heiße halbe Stunde unseres Lebens gekostet

Die Straße von Berlin nach Alegra bietet tolle Ausblicke ins Landesinnere.
Alegra selbst ist ein pitoreskes Berg-Städtchen, in dem es sich nicht nur wegen der gemäßigten Temperaturen gut aushalten läst.

Um die gleichnamige Lagune kann man mit dem Motorrad herum fahren und es gibt überall nette Picknick-Plätze.
Eigentlich wollten wir uns noch in El Cuco ein, zwei Strandtage gönnen, aber die Zimmerpreise sind unerschwinglich für uns und Campingplätze oder Ähnliches gibt es dort nicht.

So kommt es, daß wir unsere letzte Nacht in El Salvador in La Union verbringen, einer heißen und touristisch wenig ansprechenden Hafen-Stadt.
Wir finden es trotzdem nett, zumal wir einige weitere Erlebnisse mit freundlichen Einheimischen haben.
Und genau das ist es, was uns von El Salvador in Erinnerung bleiben wird: nette Menschen!
Am nächsten Morgen sind wir mal wieder schweiß-triefend naß, als wir endlich die Motorräder aufgerödelt haben und losfahren.
Die Ausreise aus El Salvador gibt uns einen zaghaften Ausblick auf den Bürokratie-Schwachsinn, der auf uns wartet: als erstes müssen wir vom Vehicle-Permit eine Kopie machen, bevor es eingezogen wird. Diese Kopie wird dann abgestempelt und wir müssen wieder zum Copy-Shop gehen und von der abgestempelten Kopie eine Kopie machen.
Für die Einreise nach Honduras nehme ich mir zum ersten mal im Leben einen Grenz-Helfer.
Die Einfuhrprozedur fürs Motorrad ist die aufwendigste in ganz Mittelamerika. Ein Prozeß, der seines Gleichen in Sachen Schwachsinn sucht. Nach jedem neuen Prozeß-Abschnitt, in dem ein Dokument bearbeitet wurde, geht es wieder zum Copy-Shop. Insgesamt fünf oder sechs mal!
Und zwischendurch heißt es immer wieder anstellen und warten.
Ohne den Helfer hätte ich bestimmt große Probleme gehabt, die Prozedur zu verstehen. In solchen Momenten ist es ein ziemliches Handycap, kein Spanisch zu sprechen.
Allerdings zeigt sich mehrfach, daß auch mein Helfer keine Ahnung von einzelnen Prozeßschritten hat. Z.B. stimmte der Lempira-Betrag, den ich wechseln soll, hinten und vorne nicht - ich rechne es ihm dreimal vor und jedesmal beharrt er auf seiner Zahl mit dem Hinweis, er habe das schon oft gemacht. Am Ende bleibt genau die von mir vorhergesagte und keineswegs unerhebliche Summe in Lempira übrig und es fallen böse Worte! Meine Frage, ob er das hier zum ersten mal mache, kratzt an seiner Ehre und als ich ihn dann noch zwinge die nutzlosen Lempira zum gleichen Kurs beim Geldwechsler zurückzutauschen sind wir Freunde gewesen. Dem Geldwechsler ist nämlich scheißegal, wer hier Mist gebaut hat, er will bei jedem Wechselvorgang seine unverschämten 20% abzwacken. Was dem Helfer an Interligenz fehlt, macht er durch Dreistigkeit und Betrügereien wieder wett. Zumindest versucht er es: Die zuvor ausgehandelte Gebühr von zwei USD verzehnfacht sich im am Schluß. Da beißt er bei mir auf Granit und ich bin gar in Versuchung, ihm überhaupt nichts zu geben! Zudem gehen mir seine ständigen Lügengeschichten auf den Geist, mit denen er mir den Wert seiner Dienstleistung schmackhaft machen und seine Gage in die Höhe treiben will.
Diese Erlebnis hat meine Meinung über dieses Geschmeiss bestärkt: ohne Not werde ich so einen Lump nicht nochmal anheuern!
Nach über drei Stunden ist die verfluchte Einreise nach Honduras endlich geschafft!
Dank brütender Hitze und Zoff mit dem „Helfer“ und Ärger über die unglaublich umständliche Prozedur und die dreisten Gebühren sind wir in gereizter Stimmung.
Dabei hat der Tag noch einiges an Verdruß-Pontenzial zu bieten: Honduras ist berüchtigt für extrem viele Kontrollen durch geldgierige korrupte Bullen!
Bei den ersten fünf Kontroll-Punkten schaffen wir es immer, im Sichtschatten von Trucks oder Vans durch zu kommen. Beim sechsten sind wir dann fällig und werden angehalten.
Entgegen dem Klischee sind die Beamten super freundlich und korrekt. Wir bekommen die Hand geschüttelt und die einzigen Fragen zielen auf das Woher und Wohin. Ähnliches hatten wir schon von einigen anderen Reisenden gehört. Nichtsdestotrotz dürften die negativen Geschichten, die ich aus erster Hand gehört habe, nicht erfunden sein. Und so sind wir froh, als die Grenze zu Nicaragua in Sicht kommt.
Sofort fallen wieder die „Schmeißfliegen“ über uns her und überschütten uns mit allerlei Lügen und beteuern, daß die Grenzprozedur außerordentlich kompliziert und ohne sie nicht zu schaffen sei! Ich bin noch so bedient von dem Dreckskerl vom Morgen, daß ich sie nur böse anknurre und mich ohne ihre Hilfe ans Werk mache.
Klappt hervorrragend: nach zehn Minuten sind unsere Pässe ausgestempelt und ich habe unsere Motorräder aus Honduras ausgeführt.
Trotz des Ärgers und der Abzocke bedauern wir, nicht mehr genug Zeit gehabt zu haben, um uns die Küste von Honduras anzuschauen. Aber wir wollen in vier bis fünf Wochen über den Darien Gap und wir haben noch Nicaragua, Costa Rica und Panama vor uns, wo noch einiges Interessante auf uns wartet.
hier geht unsere Geschichte weiter: Nicaragua