Costa Rica - Teil 2 - April 2011
Den Sonntag verbringen wir damit, alle San Rafaels Costa Ricas abzufahren!
In San Rafael soll heute nämlich eine Motorrad-Custom-Show sein, wie ich mühsam über ein costa ricanisches Internet-Forum rausgefunden habe.
Da die Reise in Sachen Motorrad-Kultur und vor allem -Treffen bisher weit hinter meinen Hoffnungen zurückgeblieben ist, sind wir umso motivierter, diese Veranstaltung zu finden.
Für die Motorrad-Clubs Costa Ricas ist vermutlich klar, in welchem San Rafael die Show stattfindet.
Wir jedoch stellen frustriert fest, daß es mehrer Orte gleichen Namens in ein und der selben Provinz gibt. Zu unserer großen Enttäuschung weiß jedoch nirgendwo jemand was von der Veranstaltung.
Mal abgesehen von diesem Fehlschlag ist der Tag dennoch ein Erfolg: Motorrad fahren macht in Costa Rica einfach unheimlich Spaß! Tolle Landschaft, wunderschöne Natur und zumindest die Teerstraßen sind in gutem Zustand. Besonders der Abschnitt von San Ramon nach San Isidrol hat uns gut gefallen. Aber an tollen Strecken mangelt es in in den Bergen Costa Ricas wirklich nicht.

Am späten Nachmittag erreichen wir den Volcan Arenal und fahren den Lago de Arenal entlang. Ein Highlight Costa Ricas.
In der gleichnamigen Stadt am Nordufer soll es eine deutsche Bäckerei geben, die traditionelle Anlaufstelle für Motorrad-Reisende ist.
Leider stehen wir vor verschlossenen Türen. Seit Monaten der erste Tage, wie wir im Nachhinein erfahren.
Erstmal nicht weiter schlimm, da wir nur wenige Hundert Meter weiter eine rieige Wiese am Seeufer finden, auf der die Holländer schon stehen. Hier kann man offiziell campen - für lau!
Großartiger Spot! N10°32.229' W084°53.605'
Am nächsten Morgen versuchen wir noch mal bei der „German Bakery“ unser Glück und sind überrascht, Andi und Susanne dort vorzufinden.
Die kucken noch überraschter als wir, da sie meinem Aprilscherz aufgesessen sind, wonach ich bei der Einreise nach Costa Rica verhaftet und nach Nicaragua abgeschoben worden bin. In Zukunft werden auch die beiden mir wohl nichts mehr am ersten April glauben.

Für Andi und Susanne geht die Reise nach knapp einem Jahr nun bald zu Ende. Die beiden gehörten für lange Zeit genauso wie Ingolf und die Bengs (die vierköpfigen sächsischen Familie) zu unserer Welt: immer mal wieder traf man sich wieder und wir hatten regelmäßig Email-Kontakt.
Dieser Tage beenden all unsere „Reisegefährten“ ihre Tour und wir fühlen uns ein klein bißchen einsam.
Zum für lange Zeit letzten mal sehen wir Andi und Susanne davon fahren.

Tom, der Besitzer der deutschen Bäckerei ist selber Motorradfahrer und ein super netter Typ. Wir verstehen uns auf Anhieb.

Er läd uns ein, in seinem Gästezimmer zu wohnen, was wir dankend annehmen.
Das da hinter Simon ist kein Wandposter, sondern eines von zwei riesigen Fenstern des Gästezimmers, durch die man direkt in den „Dschungel“ kuckt!
Das ist echt der Hammer!
Nicht nur wegen dieser Aussicht hätten wir hier ewig bleiben können!

Tom telefoniert für uns rum, um einen Simmerring aufzutreiben. Einer von meinen hat nämlich am Vortag schlagartig sein Leben ausgehaucht und diese Gabelseite leckt nun massiv.
Zu meiner Überraschung muß ich erfahren, daß dieses gängige Ersatzteil, daß an zig Honda-Modellen verwendet wird, in Costa Rica frühestens in zwei Wochen zu bekommen ist. Dabei ist dies sogar eines der ganz wenigen Länder, in denen die Transalp verkauft wird.
Zwei Wochen auf den Simmering zu warten, kommt leider nicht in Frage, da wir unsere Segelschiff-Passage für den Darien Gap (Panama → Kolumbien) schon gebucht haben und am 21ten im Osten von Panama sein müssen.
Ich verbringe die nächsten anderhalb Tage großteils am Netbook, um das Ersatzteilproblem zu lösen. Am Ende kommt uns Gevatter Zufall zur Hilfe: die Bengs, die wenige Tage vor ihrer Abreise von Motorrad auf Auto umsatteln mußten, haben in der Eile nicht mehr alles en detail umpacken können und so fährt Thomas seit vielen Monaten mit seinem Polo Kombi einen Simmerring für seine F650GS spazieren. Laut Polo-Datenbank müßte der bei mir passen! Die vier sind noch bis Ende April in Panama, wo wir uns mit ihnen treffen könnten.
Wir machen eine Hanging-Bridges-Tour: ein Wanderweg führt durch den Dschungel, bei dem es immer wieder über Hänge-Brücken in teilweise beachtlicher Höhe geht. Besonders auf den Brücken ist man oft auf Baumwipfel-Höhe der in der Schlucht oder tiefer am Hang wachsende Bäume, was interessante Perspektiven eröffnet.
Ich sollte mir echt angewöhnen, auf du-traust-dich-nicht-Herausforderungen nicht mehr einzugehen:

Mit diesem winzigen Freund (2 cm) haben wir uns nicht getraut, Späße zu machen. Er ist sehr giftig!
Da sind diese Genossen doch um einiges ungefährlicher:
Meistens geht es in Costa Rica durch den Dschungel, der hier so grün und üppig ist, wie in keinem anderen mittelamerikanischen Land, durch das wir bisher kamen. Vielleicht liegt es daran, daß in den anderen Ländern jetzt im Winter Trockenzeit ist? In Costa Rica sollte es eigentlich auch nicht oder nur selten regnen. Eigentlich... Wir werden leider jeden Tag „geduscht“.
Wenn es nicht gerade durch den Dschungel geht, muß man oft genau hinschauen, um zu sehen, daß man nicht in Europa unterwegs ist. Die beiden nächsten Fotos könnte doch genausogut in der Bretagne aufgenommen worden sein, oder?
Unser Ziel ist ein Resort kurz unterhalb des Gipfels des Volcan Poas. Dort soll man laut Reiseführer angeblich campen können.
Als wir dort ankommen, müssen wir feststellen, daß es geschlossen ist.
Das ist uns mit dem Rough Guide leider oft in Mittelamerika passiert: ca. ein Drittel der Camping-Möglichkeiten gab es nie oder war geschlossen.

Da es schon dämmert, bauen wir einfach unser Zelt auf die kleine Wiese neben dem verlassenen Restaurant.
Mit Einbruch der Dunkelheit wird aus dem dem Behelfs-Campingplatz plötzlich ein Logen-Hot-Spot: uns war vorher nicht bewußt gewesen, daß wir auf die Hauptstadt schauen, die sich nun als romantisches Lichtermeer darbietet, an dem wir uns gar nicht satt sehen können.

Auch morgens, als es an die Weiterfahrt geht, ist der Ausblick de luxe.
Wir quälen uns nach San Jose rein. Normalerweise meiden wir Hauptstätte, aber ich brauche dringend ein neues Schermaschinchen. Das alte ist mir vor einigen Tagen beim Haareschneiden verreckt - natürlich zu einem Zeitpunkt als ich erst die Hälfe des Bartes und des Haupthaares ab hatte und damit entsprechend bescheuert aussah. Ich war derbe genervt, zumal das Schermaschinchen erst wenige Monate alt war.
Ich laufe strammen Schrittes eine geschlagene Stunde durch ein gigantisches Einkaufszentrum, bis ich endlich einen Shop gefunden habe, der genau einen batteriegetriebenen Bart-Trimmer im Angebot hat. Mangels Alternativen löhne ich 25 EUR für das kleine Gerät und wir sehen zu, daß wir aus der Stadt rauskommen.
Auf dem Weg zur Küste kommen wir über eine Brücke, auf der viele Menschen stehen und nach unten schauen.
Auch wir halten, um rauszufinden, was hier so spannend ist.
Auf einer Sandbank liegen haufenweise Krokodile! Ich zähle 39 Stück! Wow! Das ist ein imposanter Anblick. Und für Costa Rica ganz ungewohnt: er ist umsonst!
Die Brücke ist ein paar Kilometer nördlich von Tarcoles (Routa 34 = die fette Landstraße); N09°47.929', W084°36.285
In Manuel Antonio steigen wir in einem Hostel ab, das von Michael, einem Kölner, geführt wird.
Die Motorräder kommen beim deutschen Nachbar Siggi unter, der selbst ne alte GS hat.
Der Park Nacional Manuel Antonio, der wenige 100 Meter weiter beginnt, ist angeblich der zweit-beliebteste in Costa Rica.

Am nächsten Morgen sehen wir dann auch, wie beliebt er ist. Nicht ohne Grund haben wir all die fetten Hotels auf dem Weg hierhin gesehen. Es müssen Hunderte, wenn nicht gar Tausende sein, die hier jeden Tag einfallen.
Da wundert man sich, daß die Tiere nicht alle reisaus nehmen.
Wir sind überrascht, wieviele Tiersichtungen wir trotz der lärmenden Horden haben.
Die meisten Leute nehmen sich einen Guide. Die haben alle ein Fernglas auf einem Dreibein dabei.
Aber das Geld kann man sich auch sparen: jedes Tier wird von Dutzenden Menschen angestarrt. Man muß sich einfach nur dabei stellen.
Das hier hat weniger was von freier Natur als von einem Zoo!
Nichtsdestotrotz können wir den Besuch des Parks empfehlen! Außer auf dem menschenüberlaufenen Hauptweg ist der Besucherandrang erträglich.
Und das vielleicht Beste am Park sind zwei Strände, an denen man es sich im Schatten von Palmen gut gehen lassen und im Gegensatz zu den anderen Stränden der Region sicher schwimmen gehen kann.
Man muß allerdings gut auf sein Zeug aufpassen. Affen und Waschbären versuchen dreist alles zu stibitzen, was essbar ist oder Essen enthalten könnte.
Auch ich wäre um ein Haar Opfer einer Waschbären-Attacke geworden: als das Foto geschossen wurde, war ich mir des Diebes neben mir noch nicht bewußt!
Wir rödeln die Karren bei tropischer Hitze auf und sind mal wieder triefend naß, als es endlich los geht.

Eine Stunde später ist die Hitze eine schnell verblassende Erinnerung. Wir sind mittlerweile in den Bergen und fanden es anfangs ganz erfrischend, uns naß regnen zu lassen. Mit zunehmender Höhe wird uns aber immer kälter. Als wir nach einer weiteren Stunde den höchsten Punkt der Panamericana in Mittelamerika (3.356 Meter zeigt das GPS an) erreicht haben, sind wir durchfrohren und haben die Schnauze voll davon, bei mieser Sicht uns durch die Nebel- und Regenwand zu tasten.
Abends zelten wir wild 150 Meter unterhalb des Eingangs des Parque Nacional Volcan Irazu.
Die Stelle ist cool: man hätte eine tolle Aussicht, wenn das Wetter nicht so scheiße wäre. Bei starkem Nieselregen bauen wir unser Zelt auf und zum ersten mal auf dieser Reise sind wir gezwungen in unserem Vorzelt zu kochen. Wir sind naß und uns ist kalt. Das soll Mittelamerika sein? Wir fühlen uns eher wie damals in Alaska.

Am nächsten Morgen sind wir wie immer früh auf: um 6.00 scheint die Sonne und wir sind ganz angetan von der Hammer-Aussicht auf die Wolken!
Solche Perspektiven kennt man sonst nur aus dem Flugzeug.
Als der Park um acht aufmacht, sind außer uns nur sehr wenige andere Besucher dort und wir genießen den Blick auf die Krater mit dem Wolkenmeer im Hintergrund, einen aktiven Vulkan der kräftig raucht und den grünlich schimmernden Kratersee.

Um 10.00 Uhr sieht die Welt hier schon ganz anders aus: Zig Busse mit überwiegend deutschen Pauschal-Touristen sind angekommen.
Perverserweise bekommen wir hier zum ersten mal einen Nasenbär zu sehen, der daran gewöhnt ist, von den Besuchern gefüttert zu wurden. Niemand hier versteht, daß man wilde Tiere nicht füttern darf, weil zum Einen Süßigkeiten und andere Menschennahrung nicht für sie geeignet ist und zum Anderen sie dadurch die Fähigkeit verlieren, sich selber artgerechte Nahrung zu suchen. Für viele wilde Tiere führt zudem die Menschengewöhnung früher oder später indirekt zu deren Tod.
Auf dem Weg zur panamesischen Grenze müssen wir nochmal über die Bergstrecke vom Vortag. Auch heute schifft es wieder auf der ganzen Strecke. Und starker Regen in Costa Rica ist WIRKLICH STARKER Regen. Da macht Motorradfahren keinen Spaß und wir suchen uns schon am frühen Nachmittag ein Motel und sind froh aus unseren triefend nassen Klamotten zu kommen.
Auch wenn Costa Rica extrem touristisch und im Vergleich zu den Nachbarstaaten sehr teuer war, hat es uns sehr gut gefallen. Landschaft, Fauna und Flora waren super!
Das wir uns fast alles, was hier in Sachen Action angeboten wurde, verkneifen mußten, hat teilweise weh getan. Trotzdem haben wir einiges erlebt und gesehen.
Leider hatten wir in den 14 Tagen, die wir hier waren keinen einzigen regenfreien Tag. Aber das ist wohl der Preis für das üppige Grün. Und Nebel- und Regenwald ohne Nebel und Regen, das gibt es wohl leider nicht.
Falls man das nötige Kleingeld hat, ist Costa Rica unserer Meinung nach ein Top Urlaubsziel für einen mehrwöchigen Jahresurlaub. Hier kann man wirklich jeden Tag etwas anderes tolles erleben!
hier geht unsere Geschichte weiter: Panama