Mexiko Stadt - Dezember 2010
Eigentlich wollten wir uns Mexico City nicht antun. Diese Mega-Stadt mit 20 Millionen Einwohnern ist nicht nur eine der allergrößten der Welt, sie ist auch für ihre total überlasteten Straßen, ihren chaotischen Verkehr und aufgrund ihrer Lage für ihren starken Smog berühmt berüchtigt.
Alles Argumente, nicht hinzufahren!
Garrys Einladung konnten wir dann aber doch nicht wiederstehen.
„Garrys Hostel“ ist nicht wirklich ein Hostel. Auf rein privater und unentgeldlicher Basis beherrbergt Garry mit Begeisterung Motorrad-Reisenden.
Das man hier herzlich aufgenommen wird und unkompliziert für einige Tage oder gar Wochen bleiben kann, hat sich rumgesprochen! Garry und seine Frau Yvonne bräuchten bestimmt eine Weile, um alleine all die Länder zusammenzubekommen, aus denen die Krad-Reisenden kamen, die sie in den letzten Jahren zu Besuch hatten!
Wir verabreden uns für den Sonntag bei BMW Lerma - einer Stadt ca. 50 km vor Mexico City.
Wir sind schon früh dort und picknicken vor dem Laden. Als ein Motorrad-Fahrer auf den Platz rollt, vermuten wir unseren Gastgeber, liegen aber falsch.
Auch der nächste, der kommt, hat sich hier nur mit Freunden für eine Ausfahrt verabredet.
Der Dritte kontert unsere englisch vorgetragene Frage, ob er (denn nun endlich) Garry sei mit „mit mir könnt ihr Deutsch reden“! Mathias entpuppt als süddeutscher BMW-Motorrad-Mechaniker und hilft nicht zum ersten mal in seinem Urlaub hier bei BMW Lerma in Mexiko aus. Er hat sogar mal als „Leih-“Mechaniker in Venezuela einen neuen BMW Händler unterstützt.
Coole Sache!
Mathias ist ein echt netter Kerl und wir unterhalten uns so angeregt, daß Garrys Ankunft fast unbemerkt geblieben wäre.

Wenige Minuten später trifft dann noch Nick ein, den wir zusammen mit Adam in La Paz getroffen hatten.
Nick fährt übrigens mit einer 125er (10PS) um die Welt! Daß er mit so wenig PS und vor allem so schmalem Gepäck unter anderem durch Afrika gefahren ist, ist bewunderswert!Das Foto ist übrigens später bei Garry aufgenommen worden - altbekanntes Dilemma: anstatt Fotos zu schießen, wenn die Karren eindrucksvoll aufgerödelt sind und die Fahrer in verdreckt-abenteuerlicher Montur stecken, fällt einem das immer erst später ein, wenn alles Gepäck von den Maschinen runter ist und alle total uncoole Lieblings-Jogging-Hosen oder ähnliches anhaben.
Zu viert machen wir uns schließlich auf den Weg gen Mexico City - nicht ohne Mathias zu versprechen, in den nächsten Tage nochmal auf nen Kaffee oder für eine Ausfahrt vorbeizukommen. Sind ja nur 50 km, denken wir. Aber was für 50km! Nachher sind wir froh, daß Garry uns abgeholt und zu sich nach Hause gelotst hat.

Schon die Einfallstraßen sind hoffnungslos dicht.

Zumindest die STRASSEN-Verkäufer, die überall im Land unerschrocken mitten auf der Straße stehend und i.d.R. genau ein Produkt (genau eine Sorte Kugelschreiber oder Tempotaschentücher oder sonst was) anbieten, sind Nutznießer des Dauerstaus auf den Straßen Mexico Citys.

An Kreuzungen und in Kreisverkehren heißt es in diesem Land einfach (vorsichtig) drauf los zu fahren.
In den letzten Wochen haben wir uns wieder an den weitgehenden Mangel von Verkehrsregeln (zumindest solchen, die irgend jemand beachtet) gewöhnt und fühlen uns ganz wohl damit.

Wir bleiben fünf Tage bei Yvonne und Garry und brauchen einige Zeit, bis wir alle Freundinnen, Schwiegermütter, Töchter, Söhne, Untermieterinnen und Hunde in diesem nicht allzu großen Haus mit Namen verbinden und einordnen können. Hier ist echt Leben in der Bude! Dazu noch wir drei Krad-Reisenden und nach zwei Tagen ein weiterer aus der Ukraine. Der entpuppt sich übrigens als etwas schräg. Er scheint Journalist und gleichzeitig so was wie ein Polizist zu sein. Stolz zeigt er uns seinen Dienstausweis, der ihn auf seiner bisherigen Reise schon einige male vor Bußgeldern beschützt hat. Wir sind alle mächtig neidisch auf diese Wunderwaffe und nicht nur Garry sieht den ganzen Abend aus, als grüble er darüber, wie er sich sowas basteln könne...
Stück für Stück erzählt der Ukrainer uns in der für ihn typischen leicht widerwilligen Art seine Geschichte: er ist im August (!) in Kiew gestartet und hat Rußland gen Osten durchquert, ist von Korea in die USA geflogen und quer durch Amerika und Mexiko gebrettert! Nächsten Sommer will er wieder in der Ukraine sein. In einem Jahr um die Welt? Das ist kein Tempo, dem wir etwas abgewinnen können! Ein Jahr hört sich vielleicht viel an, bedeutet aber für ein solches Vorhaben viel viel Eile und kaum eine Chance etwas von Land und Leute mitzubekommen.
Yvonne (Mexikanerin) und Garry (Engländer, der seit 30 Jahren in Mexico City lebt) sind total locker und haben offensichtlich oft und gerne Krad-Reisende zu Besuch.
Die Zeit vergeht mal wieder wie im Fluge, da wir einiges auf unserer „To-Do-Liste“ haben - typisch für Langzeitreisende! Simon hat zwei Zahnarzttermine und wir verbringen mehrere Tage mit der vergeblichen Suche nach einem 12-Volt-Ladegerät für das Netbook (oder wenigstens einer passenden Sicherung für das alte). Auch Silikonspray bräuchten wir: die Reisverschlüsse unseres Zeltes fangen nämlich schon wieder, an Mucken zu machen. Typisches Beispiel für die Mühen des Langzeitreisenden: in Deutschland wüßte ich ein halbes Dutzend Möglichkeiten, wo und wie ich mit geringem Zeitaufwand an Silikonspray käme. In Mexiko haben wir schon vor Mexico City bestimmt anderthalb Tage insgesamt mit der Suche danach verbracht. Erfolglos.

Bevor wir mit der eigentlichen Suche nach Silikonspray, Ladegerät und Konsorten beginnen können, heißt es übrigens erstmal ins Zentrum zu kommen. Auch wenn wir am Sonntag ne Stunde gebraucht haben, bis wir bei Garry waren, so wohnt er doch WEIT weg vom Zentrum in einem typischen Wohnviertel. Die sind fast alle wild gewachsen und machen bei weitem die Masse das Stadtgebietes von Mexico City aus.
Garry und Yvonne erklären uns geduldig und en detail, wie wir mit Bus und Bahn ins Zentrum kommen. Und ohne diese Erklärungen hätten wir es nie geschafft! Alles ist für uns verwirrend: wieso hat die Linie 43 drei verschiedene Ziele und startet and einem halben Dutzend verschiedener Stellen? Wieso sind das nicht zig verschiedene Bus-Linie-Nummern? Da alleine die Busfahrt ein bis anderhalb Stunden dauert (zuzüglich der daran anschließenden U-Bahn-Fahrt), sollte man sich vor allem beim Heimweg unbedingt einen Sitzplatz sichern, raten uns Yvonne und Garry: dafür muß man an der Starthaltestelle durch Fragen die richte Warteschlange finden. In der Schlange stehen dann aber zu unserer Verwirrung alle Wartenden für die verschiedenen Endziele dieser Linie, so daß beim Eintreffen eines neuen Busses jedesmal einige Leute aus der Schlange mehr oder weniger ungeordnet zum Bus stürzen und der Rest ruhig stehen bleibt. Um die Verwirrung zu vervollständigen, gibt es eine zweite Schlange von Leuten, die bereit sind, auch eine Stehplatz zu nehmen und die theoretisch erst einsteigen dürfen, wenn aus der Sitzplatz-Schlange keiner mehr in den Bus will. Und das I-Tüpfelchen ist, daß die Busfahrer ständig spontan andere Routen und Abkürzungen fahren, so daß wir mehr als einmal glauben, wir hätten den falschen Bus erwischt.
Busfahren in Mexico City zählt zu den größten und aufregendsten Abenteuern, denen wir uns auf dieser Reise bisher gestellt haben!
Zusammen mit der U-Bahn, die wie überall auf der Welt relativ einfach zu benutzen ist, dauert die Fahrt von unserem Heim ins Zentrum rund zwei Stunden. Macht vier Stunden pro Ausflug.
Wir tun uns das drei Tage in Folge an und dann haben wir erstmal für lange Zeit die Schnauze voll von öffentlichen Verkehrsmitteln.
Neben all der Sucherei nach Ladegeräten etc. schauen wir uns natürlich auch die Stadt an.
Und die hat wirklich viel zu bieten. Hier könnte man Wochen verbringen, ohne Langeweile zu bekommen.
Die Innenstadt ist eine ganz andere Welt, als die, in der die meißten Einwohner der Stadt leben:
Vor dem „Museo Nacional de Antropología“, das das beste der Stadt sein soll, bieten einige Indios mehrmals am Tag eine eindrucksvolle Show. Erst sitzen sie auf einem wackeligen Gestell, auf das ich für Geld und gute Worte nicht steigen würde und dann lassen sie sich synchron rückwärts in die Tiefe fallen.
Naja, erstmal fallen sie nicht allzu tief, da sie Seile um sich geschlungen haben. Während sich die Seile vom Mast abwickeln fliegen die vier in immer weiteren Kreisen und der Erde immer näher kommend um den Mast herum. Da fragt man sich: wer ist auf diese Idee gekommen und wer waren die vier ersten, die das ausprobiert haben?
Was das Antropologische Museum selbst angeht, fällt unser Urteil sehr unterschiedlich aus: Simon fand es total spannend. Ich fand es langweilig, was allerdings subjektiv war: ich kann mit Museen oft nichts anfangen, außer ich habe einen starken Bezug zum dargestellten Thema.
Für mich war wieder mal das Interessanteste, einfach in der Stadt rumzulaufen, die Atmosphäre aufzusaugen und die Menschen zu beobachten.
Dabei gab es auch Kuriose zu sehen: daß hier in Mexiko Weihnachten in gleicher Art und gleichem Umfang wie in Deutschland beworben und dekoriert wird, daran haben wir uns so langsam gewöhnt, auch wenn es für uns aufgrund des Wetters noch immer ziemlich unwirklich wirkt.
Aber Kinder, die mitten in der Stadt bei sommerlichem Wetter reichlich unbeholfen mit Snowmobilen auf Kunstschnee rumfahren oder die in langen Reihen alle mit den gleichen Schneemann-Formen und identischen Utensilien Mini-Schneemänner bauen, das wirkt wirklich extrem schräg! Eine Erfahrung für die Kleinen, die sich offensichtlich nur gutverdienende Eltern leisten können.
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