Mexiko (Bundesstaat) - Mitte Dezember 2010
Mathias hat eine Flasche Silikonspray für uns! Juhu! So fahren wir am Abreisetag nicht direkt zu den 50 km nordöstlich von Mexiko gelegenen Pyramiden, sondern erstmal in die „falsche“ Richtung nach Lerma.
Wir sind froh, endlich den lange gesuchten Silikonspray zu bekommen und so schön es ist, mit Mathias nochmal en Stündchen angeregt zu schwätzen, im Laufe des Nachmittags bereuen wir diesen Umweg. Insgesamt fahren wir an diesem Tag 150km. Hört sich nicht nach viel an. War aber einer der härtesten Krad-Tage, die ich je erlebt habe: komplett durch Stadtgebiet im weitesten Sinne: Stau, Stau und nochmals Stau, die meißte Zeit stop and go, HUNDERTE (!) Bodenschweller, über die wir (vorsichtig) drüber müssen, und bei denen unsere Motorräder oft aufsetzen (meine euphorische Einschätzung auf der Baja, daß unsere Motorräder dank härter eingestellter Federung genug Bodenfreiheit hätten, hat sich leider als ziemlich falsch erwiesen). Wir müssen so oft aus- und wieder einkuppeln, daß die Unterarme kaum noch gehorchen wollen. Und das alles auf einer Höhe von 2.200 bis 3.200 Metern und vor allem bei üblem Smog!
Am Abend sind wir total fertig und ich fühle mich regelrecht krank. Der Reizhusten wird uns noch tagelang verfolgen.

So sieht Mexico City bei strahlendem Sonnenschein aus:
vor lauter Smog fast nicht zu erkennen!
In Teotihuacán, dem kleine Städtchen bei den gleichnamige Pyramiden gibt es einen Campingplatz - zwar nicht gerade eine Rarität, aber doch eher selten in Mexiko! Wir freuen uns, endlich nochmal in unserem „Heim“ schlafen zu können und ganz nebenbei mal nicht kommunizieren zu müssen.
Doch zu früh gefreut. Wir haben noch nicht mal angefangen, unser Zelt aufzubauen, da gesellt sich schon der extrem mitteilungsbedürftige deutsche Rentner zu uns, der mit seinem Campingbus 10 Meter weiter steht.
Neben seiner halben Lebensgeschichte erfahren wir innerhalb kürzester Zeit auch was in Mexiko im Allgemeinen und an diesem Ort im Speziellen alles Scheiße ist. Dieser Langzeitreisende ist so negativ, daß man sich fragt, warum er nicht in Ost-Deutschland geblieben ist und sich die Mühen der Reise durch die USA und Mexiko erspart hat. Selbst beim Essen bombardiert er uns mit Infos und leider auch mit sehr anschaulichen Details seiner zugegebenermaßen schlimmen Krankengeschichte: übelste Hautausschläge und blutig rohe Fußsohlen. Erst nachdem wir ihn mehrfach aufgefordert haben, wenigstens während wir essen dieses Thema fallen zu lassen, gibt er (kurz) Ruhe.
Apropos Ruhe: Neulich war ja der Tag der Jungfrau von Guadalupe, der schon gut eine Woche vorher mit Dauer-Feuerwerk und jeden Tag von morgens bis abends mit Böllern gefeiert wurde.
Wir haben es amüsiert ertragen. Mit genug Alk und Ohrenstopfen können wir fast überall ruhig schlafen, auch wenn die Mexikaner es zu jedem Anlaß weit heftiger krachen lassen, als wir Deutschen es von Silvester gewohnt sind.
Wir dachten jedenfalls, nun wäre der Rummel vorbei. Falsch gedacht! Es geht nun wegen Weihnachten in einem fort so weiter! Zur Unterstützung der Böller leuten dann auch noch die Glocken der nahen Kirche „mitten in der Nacht“ Sturm. Mexiko...
Dank Erschöpfung von den Mühen des 150km-durch-Mexico-City-Ritts und etwas Rotwein schlafen wir den Schlaf der Gerechten und sind am nächsten Tag fit für die Besichtigung der Pyramiden von Teotihuacán!
Wir laufen die zwei Kilometer bis zur Anlage und sehen schon von weitem die drittgrößte Pyramide der Welt: die „Piramide del Sol“. Aber auch die etwas kleiner „Pirámide de la Luna“, die Prachtstraße „Calzade de los Muertos“, auf der Hunderte von aufdringlichen Klein-Händlern die Besucher nerven und die ganze Anlage: all das ist wirklich beeindruckend!
Im Gegensatz zur ZWEIT-größten Pyramide der Welt, der Cheops-Pyramide in Ägypten, hatten wir noch nie von der Nummer eins gehört: der Pyramide von Cholula, die praktischerweise genau auf unserem weiteren Weg liegt. Vorher kommt aber noch ein Highlight, das uns Adam empfohlen hat: die Straße zwischen dem Iztaccihuatl und dem Popocatepetl hindurch.
Ich hab keine Ahnung warum, aber den Popocatepetl kenn ich dem Namen nach seit meiner Kindheit.
Daß er einer aktivsten Vulkane der Welt ist, macht uns aktuell leider einen Strich durch unsere Rechnung. Plötzlich ist die Straße gesperrt. Ein Schild, verkündet, daß dies der Vulkan-Aktivität geschuldet ist. Und in der Tat sieht der Popo ziemlich aktiv aus. Wir spielen kurz mit dem Gedanken, die Absperrung einfach querfeldein zu umfahren. Aber Simons vager Einwand, die Straße könnte gesperrt sein, weil der Vulkan giftige Dämpfe ausstößt, erstickt zumindest unseren Abenteuer-Geist im Keim.
Frustriert setzen wir uns einfach auf die Straße vor der Absperrung und picknicken. Ein kleiner Junge bringt uns einen Käse als Geschenk. Die 8köpfige Familie auf Wochenend-Ausflug winkt zu uns herüber und macht die Daumen-hoch-Geste. Am Ende werden Fotos gemacht: die ganze Family mit uns vor unseren Motorrädern und der Vater, der selbst Motorrad-Fahrer ist bringt den Krad-Vagabunden-Aufkleber mit sichtlichem Stolz auf der Windschutzscheibe seines Autos an.
Ein nettes Erlebnis, daß unseren Frust mildert: zwangsweise streichen wir nun auch Cholula, die größte Pyramide der Welt aus unserer Route: zu groß wäre der Umweg und da die Pyramide zudem gar nicht als solche zu erkennen sein soll, weil sie komplett zugewachsen ist, tut die Entscheidung nicht gar so weh.
Statt dessen nehmen wir Kurs auf Oaxacan, einen der ärmsten aber auch schönsten Bundesstaaten von Mexiko.
hier geht unsere Geschichte weiter: Mexiko - der Süden