Mexiko - der Süden - Ende Dezember 2010
Obwohl wir uns zwangsweise auf der landschaftlich weniger reizvollen Mex190 Oaxaca nähern, sind die letzten 50 km dennoch ein Genuß: Kurve folgt auf Kurve und die Landschaft ist im Gegensatz zu allem, was wir bisher im „winterlichen“ und damit jahreszeit bedingt trockenen Mexiko gesehen haben von sattem Grün! So macht das Fahren Spaß!

Oaxaca, dessen Namen wir mittlerweile problemlos aussprechen können, ist eine reizvolle Stadt, in der wir einige entspannte Tage verbringen. So langsam nutzt sich jedoch der Reiz mexikanischer Städte und Städtchen etwas ab und es verlangt uns mal wieder nach Fahr-Kilometern und nicht-urbanen Attraktionen.
Die Führung durch den Botanische Garten ist zu empfehlen:

Nur wenige Kilometer vor den Toren der Stadt gibt es eine biologische Sensation zu bestaunen:
El Tule, ein 2000 bis 3000 Jahre alter Baum, der nicht nur der größte Baum, sondern mit über 600 Tonnen gar die größte Biomasse der Welt ist.

Mal abgesehen davon, daß es hier unten, wie schon erwähnt, für mexikanische Verhältnisse im Winter wohltuend grün ist, bleibt die zur Küste führende MEX131 etwas hinter unseren hohen Erwartungen zurück. In mehreren Berichten wurde sie als eine der schönsten Straßen Mexikos geprießen. Ich würde ihr das Prädikat „nett“ geben.

Einen Tag vor heilig Abend kommen wir in Mazunte am Pazifischen Ozean an.
Daß ganz Mexiko in der Weihnachtswoche auf Reisen geht und es daher extrem schwer ist, in der Zeit eine Unterkunft zu finden, hatten wir schon gehört. Zudem werden die Zimmerpreise in touristischen Orten dann mal eben verdoppelt und verdreifacht. Daß wir aber schon vor Weihnachten Probleme haben, eine Möglichkeit zum zelten zu finden, überrascht uns doch ein wenig. In einem sehr einfachen Cabana-“Resort“ läßt man uns das Zelt unter Palmen aufschlagen. Zwar etwas behelfsmäßig, aber ganz nett und vor allem super billig: 30 MXN pP (1,80 EUR). Da kann man nicht meckern, zumal mangelnder Luxus uns nichts ausmacht.

Mazunte erfreut sich großer Beliebtheit, hat sich aber dennoch viel Charme erhalten. Ein schnuckeliges Örtchen, in dem Surfer, Jung-Hippies, Aussteiger und Backpacker dominieren.
Hier ist das Wasser badenwannen-warm, so daß sich selbst jemand so „kalt“-wasser-scheues wie ich, ohne Zögern in die Wellen wirft.
Leider fangen wir uns beide einen handfesten Erklältungs-Virus, der uns die nächsten zwei Wochen plagen wird und uns ein bißchen einschränkt was tauchen und baden (in den Bergen) angeht.

Weihnachten unter Palmen fühlt sich dann allerdings trotz wochenlanger Gewöhnung durch den Vorweihnachtstrubel, der sich kaum vom deutschen unterscheidet, ziemlich befremdlich an.
2,5 Kilometer von Mazunte entfernt machen wir für kleines Geld (35 MXN pP (2,10 EUR)) eine Bootstour durch die Mangroven-Lagune der Playa Ventanilla, in der u.a. 200 Krokodile leben.
Auf dem Weg nach San Christobal de las Casas kommen wir am Golf von Tehuantepec vorbei. Schon zuvor hatte der Wind überraschend stark aufgefrischt und uns das Fahren schwer gemacht. In Santo Domingo warnt uns ein Einheimischer vor der Weiterfahrt. Um diese Tagezeit wäre der Wind auf den nächsten 30 km zu stark für Motorräder. Wir sollten uns lieber ein Hotel nehmen und am nächsten Morgen sehr früh weiterfahren, da dann die wind-ärmerste Tageszeit sei. Da er uns nicht im gleichen Atemzug ein Hotel empfiehlt, klingt seine Warnung zwar glaubhaft, aber wir ignorieren sie dennoch. Schließlich sind wir erfahrene weitgereiste Krad-Vagabunden, die schon manche steife Briese gemeistert haben. Auf den nächsten 30 km kommen wir dann aber in der Tat mächtig ins Schwitzen und sind uns nachher einig, daß das das Stürmischste war, was wir je meistern mußten. Solch strammen Wind hätte ich an manchem Ort vermutet, aber niemals irgendwo in Mexiko.
Daß hier Hunderte von Windgeneratoren stehen, die man sonst nirgendwo in Mexiko sieht, hat seinen Grund.
Auch in San Christobal de Las Casas das übliche Leid touristisch interessanter mexikanischer Städtchen. Auf der Suche nach einem Quartier quält man sich durch ein Einbahnstraßen-Gewirr bei chaotischem, sich kaum bewegenden Verkehr und sengender Hitze. Zudem bekommen wir hier den Weihnachtsreise-Effekt voll zu spüren. Eine zentrale Unterkunft, wo wir auch noch die Motorräder sicher unterstellen können, ist nicht zu bekommen.

Die allerdings nur 10 Geh-Minuten vom Zentrum entfernt liegende Rancho San Niclas (N16°44.008', W092°37.335') erweist sich dann als echter Glücksgriff: nur wenige Camper und so ruhig, als wäre man auf dem Land! Erste Wahl, was das angeht.
Dank der Wiese voller Laub und für deutsche Verhältnisse herbstlichen Termperaturen kommt sogar ein bißchen Sentimentalität auf: wir fühlen uns, als würden wir im Oktober in Europa zelten!
Unser erster Eindruck von San Christobal ist enttäuschend! Was von vielen als schönste Stadt Mexikos gehandelt wird, ist zumindest im Stadtzentrum nicht von einem etablierten Touristen-Ort irgendwo in Süd-Europa zu unterscheiden. Die Straßen sind ordentlich gepflastert, die üppige Fußgänger-Zone von hippen Geschäften, Bars und Restaurants gesäumt. Alles wirkt extrem un-mexikanisch. Die Touristen-Massen scheinen es zu mögen. Vielleicht weil diese Welt der ihnen bekannten so angenehm ähnlich ist.
Auf den zweiten Blick entfaltet San Christobal am nächsten Tag dann aber doch noch Charme: der städtische Markt ist der schönste, den wir in ganz Mexiko gesehen haben.
Das Kaffee-Museum ist leider nur mäßig interessant. Dafür entpuppt sich das „Museo de la Medicina Maya“ als höchst unterhaltsam. Hier wird auf gut gemachte Weise dargestellt, wie man Schulmedizin mit klassischer Indo-Medizin versucht zusammen zu bringen. Wenn ich allerdings sehe, daß man ernsthaft Stinktier-Pisse gegen Rheuma und Spinnenzähne gegen Hodenentzündungen einsetzt und daß das Geschlecht des nächsten Kindes davon abhängt wie herum man die Nachgeburt im Küchenboden vergräbt, fällt mir nur ein Begriff ein: Hokus-Pokus! Daß man mit Weihrauch und dem Abbrennen je nach Gebrechen unterschiedlich gefärbter Kerzen nicht nur geheilt werden, sondern auch Wohlstand erbitten kann, erinnert mich an die Scharlatanerie der katholischen Kirche! Nur daß die Indios diese Idee selber hatten.
Die Strecke nach Palenque ist großartig: Kurven über Kurven, überall Dschungel - immer wieder durchbrochen von außerordentlich farbintensiven Flüssen. Wir fühlen uns endlich nicht nur geographisch, sondern auch landschaftlich in Mittelamerika angekommen!

Als wir in dieser wunderschönen Landschaft ein Picknick am Straßenrand machen, hält ein KLR-Fahrer an, der sich als Ingolf entpuppt. Mit dem hatte ich hin und wieder in letzter Zeit Online-Kontakt. So klein ist mal wieder die Welt der Motorrad-Reisenden. Nach dem ersten woher und wohin, geht man dann üblicherweise erstmal die anderen durch, die in der gleichen Gegend per Krad reisen und selten dauert es lange, bis man gemeinsame Bekannte gefunden hat. In diesem Fall sind es Schrauberprinz Andi und seine Susanne, die grad ziemliches Pech haben: das Lager an der Ausgleichswelle von Susannes DR ist hinüber. Das Aus für das alte Schätzchen. Die beiden haben sich nicht kleinkriegen lassen, die Karre illegal verhökert und reisen nun auf Andis F650 gemeinsam weiter. (Wirtschaftlicher) Total-Schaden an der Karre: das Schreckgespenst für jeden Motorrad-Langzeitreisenden! Denn das Krad mal eben zu ersetzen, wie das im Heimatland - das nötige Kleingeld vorausgesetzt - recht einfach geht, ist auf Reisen oftmals ein Alptraum.
Da Ingolf das gleiche Ziel wie wir hat, reisen wir gemeinsam weiter.
Daß die Strecke nach Palenque zu den schönste des Landes zählt, erkennt man u.a. daran, daß wir in wenigen Stunden mehr als einem Dutzend Motorrad-Fern-Reisender begegnen- mehr als wir in den letzten zwei Monaten in Mexiko getroffen haben.
In Palenque, wo wir die nächsten drei Nächte campen wollen, empfangen uns ein witziges schweizer Pärchen in den 60ern, die mit ihrem (309er?) Mercedes-LKW mit Wohnkabine auf dem Weg nach Südamerika schon seit drei Jahren durch Mexiko touren und eine vierköpfige Familie aus Sachsen, die mit einem Polo-Kombi mit deutschem Kennzeichen dort sind. Daß der ältere Sohn dieses Jahr in die weiterführende Schule hätte wechseln müssen, war DIE Chance, NOCHMAL für ein Jahr auf Tour zu gehen. Als er nämlich im Alter des Jüngeren (=noch vor der Schule) war, sind sie schon mal ein Jahr mit ihm PER MOTORRAD gereist! Wir staunen und erfahren, daß auch diese Tour eigentlich wieder mit zwei Motorrrädern geplant war, aber eine Woche vorm Start ihnen die Rederei, die versprochen hatte, Ihre Motorräder nach der Osteuropa/Nordafrika-Etappe von Ägypten nach Mexiko zu verschiffen, die Preise so exorbitant hochgesetzt hatte, daß es das Aus für den Motorrad-Plan war.
Schade, daß diese faszinierende Familie schon am nächsten Morgen abreist und wir uns nicht länger mit ihnen unterhalten können!
Der Grund dafür, daß wir Palenque angesteuert haben, sind die Maya-Ruinen, die für sich schon interessant sind, aber durch die Dschungel-Umgebung eine ganz besondere Atmosphäre haben!
Wir machen mit Ingolf einen Tagesausflug: 20 km südlich von Palenque geht es zu den Wasserfällen von Misol-Ha ab. Besonders interessant ist, daß man hinter den Wasserfällen her gehen kann.
Weitere 40 km Richtung Süden/San Christobal kommen wir zu den Cascaden von Agua Azul:

Wehrmutstropfen auf der ansonsten geilen Tages-Ausfahrt: Simon hat einen Total-Ausfall der Bremskraft am Vorderrad. Eine umfangreiche Fehlersuche am Straßenrand bringt zwar keine eindeutige Ursache, aber der Fehler scheint verschwunden zu sein.
Die Hoffnungen auf eine so einfache Lösung des Problems zerplatzen schlagartig, als kurz vorm Campingplatz die Vorder-Bremse erneut nicht reagiert.
Für langes Trübsal-Blasen bleibt erstmal keine Zeit: es ist kurz vor 17.00 - in Deutschland also gleich Mitternacht. Um Punkt 5 stoßen wir mit Ingo auf´s neue Jahr an! Zusammen mit den Schweizern haben wir dann noch einen netten Abend, der sich eigentlich nicht viel von einem typischen Abend „on the road“ unterscheidet. Langzeit-Reisenden-Gespräche und gemütliches Biertrinken - heute allerdings ausnahmsweise mal bis nach Mitternacht, da wir das neue Jahr ja auch in Mexiko begrüßen müssen.
Am nächsten Morgen sind wir gewohnt früh wach und es geht uns dank moderater Silvester-“Feier“ so gut, wie seit vielen vielen Jahren nicht mehr am Neujahrs-Tag.
Irgendwie wird es dann aber doch mal wieder fast Mittag, bis wir endlich loskommen.
Als wir noch schnell am Supermarkt halten, um Reiseproviant einzukaufen, geht es mir plötzlich nicht mehr so richtig dolle: Mir läuft der Schweiß in Strömen und mir ist schwindelig, was ich auf das heiße feuchte Dschungel-Klima schiebe.
Als wir eine Stunde später zum Tanken anhalten, bin ich so fertig, daß ich Simon mitteile: das nächste Motel nehmen wir, auch wenn es erst 13.00 Uhr ist. Ich kann nicht mehr. Murphy´s law: nun kommt und kommt kein Motel oder eine Stelle, wo wir campen könnten.
Jede Minute fühlte sich wie eine Stunde an. Irgendwann geht es einfach nicht mehr und ich muß mitten in der Pampa anhalten. Ich komme nur mit Mühe vom Krad runter, da mein Kreislauf Achterbahn fährt und ich lasse mich einfach an den Wegesrand auf den Rücken fallen. Als es mir auch nach ner Stunde nicht besser geht, fährt Simon los, um etwas zu suchen, wo wir unterkommen oder zelten können. Wie´s der Teufel will, ist an der Stelle, wo ich liege nämlich alles umzäuntes Ranchland mit Rindviehcher drauf, wo wir beim besten Willen nicht wild campen können. Während Simon weg ist, wird´s noch schlimmer: ich muß einige male mächtig kotzen. Simon kommt nach endlos langen 1,5 Stunden endlich wieder und verkündete zu meinem Entsetzen, (wild) campen wäre niergends möglich und ich müßte 23 km bis zum nächsten Hotel fahren. Dazu fühle ich mich eigentlich nicht in der Lage. Mir läuft der Schweiß in Strömen, ich habe Fieber, Herzrasen und Atemprobleme. Mit nem Taxi dorthin zu fahren kann ich mir aufgrund meiner Übelkeit allerdings noch weniger vorstellen. Da dann doch lieber mit wackeligen Beinen aufs Krad und wenigstens Fahrtwind im Gesicht haben.
Die 23 km bis zum Hotel sind die härtestens und längsten Motorrad-km, die ich je gefahren bin.
Im Nachhinein bin ich froh, daß wir nicht einfach vor Ort am Straßenrand gecampt haben, denn nachts passieren im fiebrigen Halbschlaf mehrer Malheure! Sowas in Motorrad-Hose oder/und Schlafsack/Zelt wäre ein Alptraum. So kann ich danach wenigstens unter die Dusche.
Nach zwei Tagen ist das Schlimmste überstanden und wir fahren weiter Richtung Karibik - meine Beine sind noch wie Gummi und mein Magen weit entfernt davon in Ordnung zu sein. Aber wir rollen wieder und das ist das Wichtigste!
Keine Ahnung, ob es ein Hitzeschlag oder ein Magen-/Darm-Virus war, aber vergessen werde ich diese Scheiße so bald nicht!
hier geht unsere Geschichte weiter: Yucatán Halbinsel