Bienvenido a México! - Ende Oktober 2010

Wir überqueren die Grenze zu Mexiko bei Tecate und werden von den Zöllnern einfach durchgewunken.
Irritiert stehen wir in Mexiko und schauen uns verwundert um.
Erst als wir nochmal zurück gehen und nachfragen, schickt man uns zu einem Beamten, der nur wiederwillig von Internet und TV abläst, um uns Tourist Cards (=Visa) auszustellen.
Ohne Probleme bekommen wir sie direkt für 180 Tage!
Für die Einfuhrbescheinigung für die Motorräder (permiso de importatión temporale de vehículos) schickt er uns zu einem anderen Gebäude, wo man jedoch kategorisch ablehnt: dieses Dokument würde an diesem Grenzübergang nicht ausgestellt. Das könne man nur in Tijuana bekommen. Der Grenzübergang, über den wir genau nicht wollten.
Zum Glück braucht man das „Permit“ im Grenzbereich und auf der Baja California noch nicht. Und in La Paz, von wo aus wir die Fähre auf´s Mexikanische Festland nehmen werden, soll es angeblich auch erhältlich sein.
Wir sind jedenfalls erstmal froh, in Mexiko zu sein.
Simons Spanisch kommt überraschend flüssig über ihre Lippen und erfreut die Mexikaner.
Bei mir reicht es nur zu einem „Buenos Dias“. Wenn mein Gegenüber dann auf Spanisch loslegt, muß ich immer mit einem „Soy Aleman. No hablos Espanol“ bremsen!
Aber schon diese wenigen Worte in ihrer Sprache und der subtile Hinweis darauf, daß wir keine Gringos (=US Amerikaner) sind, reicht, daß alle, mit denen wir zu tun hatten, sehr freundlich und hilfsbereit sind.
Keine Spur von Abzocke oder gar Feindseligkeit.
Wir erleben auch keine Feuergefechte zwischen Arme und Drogenkartellen.
Zumindest erstere sieht man jedoch überall.
Mehrfach werden wir in Militärkontrollen angehalten und teilweise wird auch unser Gepäck durchsucht. Das geschieht scheinbar eher aus Langeweile oder Interesse an uns. Denn die Durchsuchungen sind lächerlich oberflächlich. Was sie zu finden hoffen, ist mir eh schleierhaft, wo wir doch von Nord nach Süd fahren - entgegen der Richtung, die die Drogen nehmen.
Mexiko ist ein Fest für unsere Sinne!
Der Blick geht radar-gleich von links nach rechts und wenige Sekunden später wieder in die andere Richtung. Man möchte nichts verpassen und all das Ungewohnte in sich aufnehmen.
Endlich ist nochmal ganz vieles neu für uns. Angefangen mit der Sprache.

Sinn und Bedeutung von Firmennamen, Verkehrsschildern und Werbetafeln zu entschlüsseln, ist eine schöne Herausforderung.
Der erste Einkauf in einem Supermarkt ist eine Entdeckungsreise und stolz beschreiben wir dem jeweils anderen, der bei den Motorrädern mit Gepäck Wache stehen mußte, unsere neusten Erkenntnisse:
so muß man sich bspw. in der Backwaren-Abteilung des Supermarktes erstmal eine Zange und ein Blechtablett besorgen. Die darauf gesammelte Auswahl wird dann von einer Verkäuferin gebongt und eingetütet.
Eigentlich nicht viel anders als im "Backwerk" in Deutschland. Nur muß man erstmal dieses und viele anderer Verfahren verstehen.
Alles läuft unheimlich personal-intensiv: obwohl auf den Parkplätzen nichts los ist, hat jeder Supermarkt zig Parkplatzeinweiser.
Aus den USA kennen wir schon, daß an der Kasse Aushilfen (meist Schüler) die Einkäufe in Tüten verpacken. In Mexiko sind es Rentner. Für den Job muß man scheinbar ein Mindestalter von 70 haben und mehr als einmal fällt es ihnen so schwer, das Zeug in die Tüte zu kriegen, daß ich aus Mitleid ihnen am liebsten die Arbeit abnehmen würde.
Daß man ihnen dafür ein paar Münzen gibt, schauen wir anderen Kunden ab und machen wir in diesen Fällen auch gerne.
In der Elektro-Abteilung sage ich wieder mein „Soy Aleman. No hablos Espanol“-Sprüchlein auf und erkläre dann mit Händen und Füßen vor einem vierköpfigen Gremium, daß ich eine (billige) Armbanduhr suche. Wie immer in solchen Situationen freuen sie sich, als sie nach kurzer Diskussion meine Phantomime entschlüsselt haben.
An mexikanische Peso zu kommen ist unsere erste Gedultprobe: eine Odysse durch Ensenada auf der Suche nach einem Geldautomaten, der unsere Visa-Karten akzeptiert. Erst beim vierten sind wir erfolgreich. Naja „wir“ ist nicht ganz richtig, denn Simon hat doch tatsächlich ihre PIN vergessen! Im letzten Kapitel habe ich noch im Spaß gesagt, es wäre zwecklos für mexikanische Banditen, uns betrunken zu machen, um an unsere PIN zu kommen, da wir sie des öfteren sogar nüchtern nicht wüßten.
Der Straßenverkehr ist entgegen aller Warnungen diverser Amis und des Reiseführers, ziemlich locker. Selbst der dichte Großstadt-Verkehr von Ensenada (250.000 Einwohner) kommt uns ganz normal vor.
Beispielsweise in Polen, Rumänien oder Paris wird wesentlich aggresiver gefahren als hier!
Die Amis sind einfach nix gewöhnt!
Hoffentlich entpuppen sich auch all ihre anderen Warnungen als so haltlos!
An die speziellen Eigenheiten des mexikanischen Verkehrs muß man sich natürlich erstmal gewöhnen.
So dauert es eine Weile, bis wir verstehen, daß LINKS blinkende LKWs uns signalisieren wollen, daß wir sie überholen können.
Auch die berüchtigten Bodenschweller, die es in Mexiko zu Hauf in allen möglichen Formen gibt, entpuppen sich als weit weniger tückisch, als befürchtet.
Einzig Metall-“Schildkröten“ in unglücklicher Anordnung erfordern Konzentration, da man durch sie nicht ohne Schlingern durchkommen kann.
Das Verstellen der Federvorspannung, das mich in Kanada gehörig Schweiß gekostet hatte, macht sich bezahlt: selbst bei den höchsten Schwellern setzten die schwer beladenen Motorräder nicht auf.
Da es in Mexiko nur eine (staatliche) Tankstellen-Kette gibt, sind die Preise überall gleich - auch in den entlegensten Winkeln, wo man in Kanada oder den USA massive Preis-Aufschläge hätte, kostet hier der Normal-Sprit umgerechnet 49 EURO-Cent!
Was mich zudem freut: endlich kein lästiges Vorausbezahlen, wie in den USA (inklusive ein zweites mal nach dem Tanken an der Kasse anstellen, um das Wechselgeld zu bekommen). Auch hier läuft alles sehr personal-intensiv: oftmals springen mehrere Tankwarte an einer Tankstelle rum. Kassiert wird nach dem Tanken direkt an der Zapfsäule!
In allen Fragen rund ums Tanken ist mir Mexiko schon mal sehr viel symphatischer als die USA!
Die Preise sind übrigens generell erfreulich in diesem Land.
Deutlich günstiger als in den USA und vor allem als in Deutschland.
Ein KILO Bananen kostet bspw. 20 EUR-Cent.
Natürlich ruft auch hier ein Tante-Emma-Laden in der Wüste andere Preise auf, als ein Großstadt-Supermarkt.
Unser erster Campingplatz kostet uns 4 EUR - erstklassige Aussicht inklusive.

Am ersten Abenden in Mexiko stellen wir uns mutig den Herausforderungen der einheimischen Küche:
Wir brutzeln auf unserem Benzinkocher ein KAKTUS-Ratatouille.
Der leicht säuerliche Kaktus (aus dem Supermarkt, nicht selbst geerntet) paßt super zu den verschiedenen Chili-Sorten, den Zuchini, Zwiebeln und Tomaten. Ein kleingeschnittenes Chorizo-Würstchen gibt den besonderen Pfiff (ja, Simon ist keine richtige Vegetarierin!).
Ein Festessen!
Dazu gibt es mexikanischen Rotwein und mexikanischen Brandy.

Passend zu den kulinarischen Freuden und unserer erstklassigen Stimmung gibt es einen 1a-Sonnenuntergang!
Das Leben als Krad-Vagabund ist wunderbar!
hier geht unsere Geschichte weiter: Baja California