Alaska - Teil 4 - August 2010
Der Teufel ist ein Eichhörnchen oder Tücken der Ersatzteile-Wirtschaft
Die Bremsbeläge an Simons Transalp sind restlos fertig und müssen ersetzt werden, bevor wir Valdez in Angriff nehmen.
Da schon vorab klar war, daß wir diese in Nordamerika nicht oder nur sehr schwer bekommen können würden, habe ich für beide Motorräder einen kompletten Satz auf Reserve mit.
Auswechseln sollte fix gehen. Sollte...
Ich stehe mit offenem Mund da und halte in der einen Hand die alten Beläge, die viel größer sind, als die neuen in meiner anderen Hand.
Dann sickert die Erkenntnis durch und Frust und Wut regieren für einige Momente!
Hilf jedoch nix. Eine Lösung muß her und die ist in diesem menschen-leeren Land höchsten in Anchorage zu finden.
Zum Glück liegt es nur 300 km von unserer Route ab. Ein Katzensprung für lokale Verhältnisse.
In Anchorage fängt dann das Suche an. Ich bin gut vorbereitet: original Ersatzteil-Nummern für den Honda-Händler, der mir jedoch die erwartete Antwort gibt: die kennt mein Computer nicht. Kein Wunder, wo die Transalp doch nirgends in Nordamerika verkauft wird und die Beläge nur an der Transe und keinem anderen Honda-Motorrad verbaut werden.
Triumphierend lege ich der Dame die in Kanada bei Rudi ermittelten Nummern eines anderen Bremsbelag-Herstellers vor.
Die gibt es zwar grundsätzlich in Alaska, nur eben nicht die für die Transe nötigen. Lieferzeit: 1 Woche.
In den nächsten Stunden klapper ich persönlich diverse Motorrad-Shops ab und mit Hilfe der extrem hilfbereiten Jungs im Motorcycle Shop werden ALLE anderen Läden in der Stadt abtelefoniert.
Dank Überleitungstabellen ermitteln sie einen anderen Hersteller, dessen Beläge ebenfalls passen müßten.
Ich beiße in den sauren Apfel und bestellt per Express-Lieferung (40 $ Aufschlag).
Die nächsten zwei Tage bangen wir, ob diese wenn-Bremsbelag-A-gleich-B-ist-und-C-auch-paßt,-wo-B-paßt,-dann müßten-das-eigentlich-die-richtigen-sein-Logik wirklich funktioniert.
So lange campen wir bei Harley Davidson.

Die haben einen Mini-Motorrad-Campingplatz neben dem Shop.
Eine kleine üppige Wiese mit Tischen und Bänken.
Zelten ist dort gratis für Motorrad-Fahrer (marken-unabhängig).
Heiße Dusche und Kaffee inbegriffen.
Sowas sollte es öfter geben.

Dort treffen wir Ernesto, der aus Uruguay mit seiner 200er Zanella (man beachte u.a. die dezente Sissybar) hier herauf gefahren ist.
Anfangs ist die Unterhaltung schwer, da es uns einer gemeinsamen Sprache ermangelt.
Mit einem wilden Kauderwelsch aus vielen Sprachen und vor allem Händen und Füßen gelingt die Verständigung dennoch.
Und mit jedem Bier verliert dieses kleine hinderliche Detail mehr an Bedeutung.
Phantomime überbrückt die Sprachbarriere spielend.
Als Ernesto unter Einbeziehung der Wiese veranschaulicht, welches Schicksal Simon als Vegetarierin in Argentinien erwartet, habe ich vor Lachen Tränen in den Augen!
Wir sammeln auf diese Weise noch viele viele gute Tips für unsere Reise gen Süd-Südamerika.
Top aktuelle Infos aus erster Hand! Ich bin mir allerdings noch nicht sicher, ob wir Ernestos Rat für eine besonders günstige Schiffspassage von Panama nach Columbien (Umsteigen von Boot zu Boot mitsamt Motorrad), befolgen werden.
Am nächsten Tag sind die Bremsbeläge tatsächlich da und nach dem ich bei der Montage kurz die Luft angehalten habe, ist klar: sie passen und unsere Reise geht weiter!
Bevor wir aufbrechen, schieße ich noch schnell ein paar Bilder im Harely Davidson Shop.
Eine fremde Welt, die ich an toleranten Tagen faszinierend finde.
An den anderen Tagen finde ich es abstoßend, daß viele Harley-Besitzer so selten mit ihrem Motorad unterwegs sind, daß sie sich auf andere Weise als Harley-Besitzer (nicht: -Fahrer) zu erkennen geben müssen:
alleine 6 Vitrinen Harley-Schmuck gibt es hier.
Alle möglichen Kleidungsstücken: massenhaft in pink und viele mit Strass-Totenköpfe und -Schriftzügen.
Der Höhepunkt ist eine komplette Hunde-Mäntelchen, -Knochen und -Napf-Kollektion mit besagtem Schriftzug.
Der Geschmacklosigkeit sind scheinbar keine Grenzen gesetzt, wenn es darum geht, Dinge zu finden, auf die man „Harley Davidson“ drucken kann, um sie dann überteuert an Möchte-Gerne-Rocker zu verkaufen: was zur Hölle sind zum Beispiel „Performance Socken“? - siehe Foto in der Galerie. Fährt der 350kg(?)-Fulldresser schneller, wenn man diese Socken anhat?
Schade um die aufrechten coolen Harley-Fahrer, die unter dem Image all dieser Poser leiden müssen.

Wir nehmen einen zweiten Anlauf nach Valdez.
Die Fahrt ist typisch für unseren Alaska-Trip:
Die Strecke ist kurvenreich und die Panoramen erstklassig (u.a. vier Gletscher, zwei davon aus der Nähe).
Bei Regen und Nebel können wir die Fahrt aber nicht so recht genießen.
In Valdez halten wir uns nur eine Stunde auf, dann fliehen wir wieder weg von der besonders regnerischen Küste gen Norden.
Dort soll es etwas besser sein.
Nichtsdestotrotz können wir diese Strecke unbedingt empfehlen!

Alle Wege von und nach Alaska führen durch Tok.
Wir müssen ein bißchen suchen, um den nicht beschilderten Thompson´s Eagle´s Claw Motorcycle Park zu finden.
Aber das Suchen lohnt sich:
Liebevoll bis ins Detail gestaltet.
Mit Koch-Unterstand und integriertem pickobello Klo!
Die Betreiber sind mit viel Herzblut dabei und der Empfang herzlich.
Das Highlight ist jedoch das Steam-House: so was ähnliches wie eine Sauna nur rustikaler und mehr „Alaska“.
Wir sind für den nun fast zu Ende gegangenen August erst die fünften Gäste und somit an diesem Abend allein im schnuckeligen Steam-House, das man übrigens sogar von innen verriegeln kann..
Am nächsten Morgen ist die Wärme des Steam-House vergessen:
Es ist kalt.
Es regnet.
Zelt abbauen und Karre aufrödeln macht nie Spaß, aber unter solchen Bedingungen ist es eine Qual.
Wir haben von diesem schlechtesten Sommer aller Zeiten in Alaska endgültig die Schnauze voll und entscheiden uns spontan gegen Dawson, zumal der Top of the world Highway dorthin noch immer nur zweimal pro Tag im Konvoi gefahren werden kann.
Statt dessen geht es nun wirklich nach SÜDEN!
Resüme Alaska
Alles in allem war Alaska trotz bescheidenem Wetter großartig.
Speziell in Sachen Gletscher hat es viel zu bieten.
Der Süden, wenn auch an der Küste grundsätzlich regnerischer, hat landschaftlich wesentlich mehr beeindruckt, als das Landesinnere.
Uns hatten Reiseführer und zig Kanadier/US-Amerikaner alle vor den horrenden Preisen in Alaska gewarnt. Wenn man aber kostenbewußt und nach Möglichkeit nur in den großen Städten einkauft, ist es nach unserer Erfahrung sogar billiger als Kanada.
Wild zelten ist allerorts unproblematisch. Campingplätze sind spartanisch und kosten um die 10 USD.
Was man hinsichtlich der Kosten und dem Zeitaufwand nach nicht unterschätzen sollte ist der weite Weg dorthin.
Wer sich den zumindest einmal schenken will, der kann ein „leg“ der Reise mit dem Schiff machen. Nach allem, was wir gehört haben, sehr reizvoll aber leider viel zu teuer für unser Budget.
Hier geht unsere Geschichte weiter: Alaska - nach Süden