Nach Süden! - Anfang September 2010
Mit Regen und Kälte im Nacken geht es gen Süden.
Mehr als einmal berichten uns die Einheimischen auf dieser Etappe, wieviele Frost-Nächte sie schon hatten.
Viele der ohnehin sehr spärlichen Campingplätze, Tankstellen und sonstigen touristischen Einrichtungen haben Anfang September schon geschlossen.

Entlang des Stewart-Cassier-Highways kommt noch hinzu, daß er für Wochen wegen eines nicht unter Kontrolle zu kriegenden Waldbrandes nur im Konvoi durchfahren werden durfte - bestimmt kein Spaß für die ohnehin unter harten Bedingungen Tourist-Geschäft Betreibenden.
Mittlerweile raucht es nur noch hier und da und wir finden die Fahrt durch diese skurrile unwirkliche Landschaft voller schwarzer Baumgerippe sehr spannend.

Auch ohne diesen ungewöhnlichen Abschnitt ist der Stewart-Cassier-Highway eine tolle Straße, die sich gut fahren läßt und einiges fürs Auge bietet:
für uns definitiv die beste der zwei möglichen Alaska-Routen!

Was man unbedingt mitnehmen sollte, wenn man den Stewart-Cassier-Highways fährt, ist der Abstecher nach Stewart/Hyder!
Schon nach wenigen km wird man mit immer neuen blau schimmernden Zungen des Bear Glacier belohnt. Trotz nach wie vor schlechtem Wetter (Regen + Nebel) haben wir gut ein halbes Dutzend auf wenigen km gesehen.
Bei guter Sicht sind es bestimmt deutlich mehr.
Neben dem tollen Panorama lockt auch der Bear-Gletscher in Hyder und das Städtchen Hyder selbst, denn es liegt in Alaska. Allerdings ist es so isoliert, daß die Grenze offen ist. Man kann also auch ohne US-Visum mal eben schnell in den USA / in Alaska vorbeischauen.
Da meine Kette auf dem allerletzten Loch pfeift und es zudem ständig regnet, verkneifen wir uns die letzten 30 km Schotter-Piste zum Salmon-Glacier. Wie so oft in solchen Fällen, treffen wir wenig später Reisende, die uns versichern, ein absolutes Highlight verpaßt zu haben.
Apropos Kette: erwähnte ich, daß ich KETTE HASSE?!!!
Ich hasse die täglich Pflege, ich hasse es, sie in der Endphase ihres Lebens ständig nach spannen zu müssen, ich hasse es, vor jeder längeren Fahrt, resp. Etappe beurteilen zu müssen, ob die Scheiß-Kette es noch so lange macht (wobei ich mich mehr als einmal im Leben verschätz habe) und ich hasse es, die Kette wechseln zu müssen. Bevor man das kann, muß man allerdings erstmal eine bekommen. Der kritische Punkt hier in Nordamerika ist dabei weniger die Kette ansich, sondern vielmehr Ritzel und Kettenblatt...
Aber erstmal zurück zur Reise: In Anchorage stand mal wieder besagte Entscheidung an: wird die Kette es bis in die USA (lower 48) schaffen? Mutig ist meine unausgesprochen Antwort: KLAR!
In Whitehorse, der einzigen Stadt auf dieserer mehrere 1000 km langen Etappe durchs Nichts bin ich immer noch zuversichtlich.
Kaum das wir den übelsten Abschnitt angehen (1.300 km ohne ein Dorf) fängt sie natürlich an, Ärger zu machen.
Angespannte Tage folgen.
100 km bevor wir die erste Kleinstadt erreichen, entdecke ich, daß mittlerweile mehrer der Walzen gebrochen und somit auf und davon sind und die Kette über die Stifte abrollt - kein Wunder, daß sie ruckelt und knarzt.
Die Kette ist in so üblem Zustand, daß wir des Abends zweifeln, ob wir es überhaupt bis in die nächste Klein-Stadt schaffen werden.
Die Alternativen sind wenig verlockend und so starten wir am nächsten Morgen mit Sorgen und bei strömendem Regen - genau das richtige Wetter, um auf einer richtig einsamen Landstraße mit einer gerissenen Kette zu stehen...
Natürlich waren die Sorgen übertrieben und wir schaffen es trotz übler Geräsche „von da unten“ bis nach Smithers.
Der Harely Dealer entpuppt sich als netter Kerl und versucht engagiert zu helfen: eine mehr oder weniger passende Kette ist schnell aufgetrieben. Ritzel und Kettenblatt machen aber erwartungsgemäß Probleme. Obwohl ich die Teilenummern hab, kann der nächste Honda-Dealer im 400 km entfernten Prinz George sie nicht finden.
Plan B und C in Form von Teilenummer von nordamerikanischen „Sprocket“-Herstellern scheitern ebenfalls: Produktions-Engpaß: erst wieder im November lieferbar.
Da zudem auch noch ein langes Wochenende mit daraus resultierenden Lieferverzögerungen ansteht, brechen wir nach ner Stunde die telefonische Suche ab und ich montiere notgedrungen die neue Kette auf die ollen Sprockets, die in keinem schönen Zustand sind.
In Prinz George erwartet uns Kelly, ein Bekannter aus dem ADV-Motorrad-Reise-Forum.
Er hat es geschafft, Sprockets in Vancouver aufzutreiben!
Als ich sie erfolgreich montiert und den Krädern noch einen Ölwechsel gegönnt habe, sieht die Welt schon wieder rosiger aus!

Abends fahren wir mit Kelly auf eine Rockstar-Party.
Was sich erst verlockend nach zügellosem Trinkgelage mit Sex-Exzessen anhört, entpuppt sich als Videospiel mit Karaoke-Anleihen:
die Teilnehmer müssen auf verkabelten „Kinder“-Gitarren farbige Tasten drücken und das Schlagzeug gemäß Farb-Anzeige auf dem Fernseher bearbeiten. Das scheint hier DER Volks-Sport zu sein.

Simon stellt sich mutig der Herausforderung und muß feststellen, daß es noch ein weiter Weg ist, bis sie wirklich wie geplant, mit der Okulele in Fußgängerzonen spielend, unsere Reisekasse auffüllen kann.
Wenn ich allerdings ihr Outfit auswählen dürfte, sollte wir auch bei Ihren sehr bescheidenen musik-motorischen Fähigkeiten ordentlich Geld machen können.
Noch weigert sie sich, diesen genialen Plan in die Tat umzusetzen...
Im Frazer Canyon kehren wir im Elvis-rocks-the-Canyon-Cafe ein: mehrere Zimmer, die zum Bersten voll mit Elvis-Devotionalien sind. Unbedingt sehenswert!
Hier geht unsere Geschichte weiter: USA (lower48) - West Coast